news | video | bilder | geschichte
 

 
 
 
  "Ich habe Carlo Giuliani nicht erschossen" 2006-12-03 

Eine kleine kalabrische Zeitung hat am 29. November 2006 ein Interview mit Mario Placanica veröffentlicht, der im Juli 2001 in Genua Carlo Giuliani getötet haben soll. Das Gespräch sorgte im ganzen Land für Aufsehen. Carlos Mutter Haidi forderte daraufhin Personenschutz für den Ex-Carabiniere.

Mario Placanica saß am zweiten Tag der Proteste gegen den G8-Gipfel 2001 in dem Jeep, aus dem die Schüsse gefallen sein sollen, durch die jene schon im Vorfeld des Gipfels formulierte Prophezeiung, es werde einen Toten geben, Realität wurde. Eine seriöse Untersuchung des Ereignisses fand nie statt, eine gerichtliche Klärung wurde durch den Freispruch des Carabiniere am 5. Mai 2003 verhindert. Von Anfang an hatte die Arbeitsweise der ermittelnden Staatsanwälte auf einen solchen Ausgang hingedeutet. Die gerichtliche Feststellung eines rechtmäßigen Waffengebrauchs und einer Handlung in Notwehr, die das Urteil auf äußerst fragwürdige, ja abenteuerliche Weise begründeten, bestätigten knapp zwei Jahre später den Verdacht, den kritische Beobachter schon früh ausgesprochen hatten. Das Fazit der Justiz besiegelte die Deutung des Geschehens auf der Piazza Alimonda, wie sie offenbar gewünscht war: der Getötete sollte zum Aggressor, der Mörder zum Opfer gemacht werden. Der arme Carabiniere aus dem tiefen Süden eignete sich zum Zweck der Stilisierung als Opfer ausgesprochen gut: blutjung und aus einfachen Verhältnissen, kein Berufssoldat, sondern Carabiniere im Wehrpflichtigendienst, also ein idealer Sympathie- und Mitleidskatalysator.

Der Katalog der eklatanten Ungereimtheiten und nicht geahndeten Verbrechen, die unterschiedlichste Menschen nach und nach dokumentierten wurde von der Justiz nicht berücksichtigt. So versuchen jene, die der Meinung sind, dass die vom Gericht unterstellte Wahrheit noch einmal eingehend hinterfragt gehört, über einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu einer Revision und Vervollständigung der bislang geltenden offiziellen Auslegung der Ereignisse vor und nach dem Tod von Carlo Giuliani. Nach wochenlangem Tauziehen sollte die Diskussion des entsprechenden Gesetzesentwurfes exakt nächste Woche von der Tagesordnung des zuständigen Gremiums genommen werden. Nun sorgte ausgerechnet der gerichtlich zertifizierte Täter in Unschuld dafür, dass es womöglich doch noch anders kommt. Der Ex Carabiniere will es nämlich nicht mehr gewesen sein, was er in einem ausführlichen Interview am 29. November erstmals bekannt gab, um es alsbald in zahlreichen Interviews an Funk und Presse, um die er wegen der Brisanz der auf den Seiten von CalabriaOra publik gemachten Aussagen umgehend gebeten wurde, erneut bestätigte.

Das Interview bestätigt etliche Thesen der Menschen, die sich mit den Schlussfolgerungen des Gerichts nicht abfinden können und wollen. Die Kräfte Im Prodi-Bündnis, die für einen Untersuchungsausschuss eintreten und die Familie Giuliani bekräftigten daraufhin erneut die unabdingbare Notwendigkeit eines solchen Ausschusses. Das Berlusconi-Lager kündigte seinerseits an, es werde auf die Barrikaden gehen,um dies zu verhindern. Die Rechte hüllt sich in Schweigen, wie erstarrt. Die Kommandantur des Heeres der Carabinieri hat rechtliche Schritte gegen Placanica angekündigt. Zeitungsberichten zufolge war das Innenministerium schon am Vorabend der Veröffentlichung informiert. Es heißt, es habe in den Hallen des Ministeriums eine vertraulichen Unterredung mit Placanica stattgefunden. Die Mutter von Carlo Giuliani forderte nach Lektüre des Interviews Personenschutz für den ehemaligen Carabiniere. Noch am Abend des 29. November traf dieser im italienischen Fernsehen mit dem Vater von Carlo zusammen. Am 1. Dezember berichteten die Medien, Placanica habe, auf entsprechende Frage eines Interviewers hin zum Ausdruck gebracht, dass er der Familie Giuliani sagen wolle: abwarten, wir werden es schaffen, diese Wahrheit ans Licht zu bringen, ich will es, aber man hat mir schon gesagt, dass nichts dabei rauskommen wird... Ich sage nicht wer, reden wir nicht davon. Eine unumwundene, eindeutige Einschätzung wagt niemand. Der Öffentlichkeit im Ausland fehlt grundsätzlich die Kenntnis von wesentlichen Hintergründen und Zusammenhängen, die für eine Einschätzung und Bewertung erforderlich sind. Der Text des Interviews wird vor diesem Hintergrund zunächst ohne weitere Wiedergabe von Fakten Hintergründen kommentarlos öffentlich gemacht.

-----------------------------------------------------
"Ich habe Carlo Giuliani nicht erschossen"
Übersetzung des Interviews mit Mario Placanica in der Zeitung CalabriaOra vom 29.11.2006.
Original des Interviews: hier und hier und als pdf


Wann bist du in Genua angekommen?

Wir kamen am 17. Juli an


Welchem Bataillon warst du zugewiesen?

Ich war bei dem Bataillon Sicilia


Wie lange warst du Angehöriger des Bataillons?

Seit Dezember 2000


Hattest du zuvor schon Einsätze im Bereich der Sicherung der öffentlichen Ordnung?

Ja, einen banalen Ordnungsdienst im Stadion von Palermo


Welches Klima hast du vorgefunden, als du in Genua eingetroffen bist?

Wir waren müde. Die Abläufe zur Unterbringung waren langwierig und entnervend


Gab es Austausch unter Kollegen?

Es herrschte eine unbeschreibliche Anspannung


Bemühten sich die Offiziere darum, euch zu beruhigen?

Die Vorgesetzten brüllten die ganze Zeit


Welche Befehle wurden euch für die G8 Tage erteilt?

Man sagte uns, dass die Situationen [Lagen, würde die Polizei auf Polizeideutsch sagen, d.ü.] von einer etwas besonderen Art sein würden, nicht so, wie Normalfälle im Bereich der öffentlichen Ordnung, sondern etwas mehr als das


Wie ist das zu verstehen?

Sie sagten uns, dass wir aufpassen müssten, sie erzählten uns, dass man uns mit Beuteln voll mit infiziertem Blut bewerfen würde. Es fühlte sich an, als müssten wir in den Krieg ziehen.


Man hat gesagt, dass einige von Drogen Gebrauch machten, um auf Touren zu bleiben

Soweit ich weiß, nein. Sicher lgab es Aufregung, die außerhalb der Norm war. Auch das kann [also, A.d.Ü] sein. Ich habe [aber, A.d.Ü] nie davon Gebrauch gemacht.


Wo hatte man dich an jenem Morgen des 20. Juli eingesetzt?

Man hat uns in der Nähe des Messegeländes aufgestellt, zusammen mit einigen Polizisten. Es hat einige Sturmeinsätze auf dem Lungomare [Küstenstraße und Promenade, d.Ü.] gegeben, aber nur, um die Masse zu lockern [Umschreibung für den Begriff cariche di alleggerimento, die zumindest theoretisch nicht gleich die endgültige Auflösung einer Versammlung bezwecken, d.Ü.]. Wir waren an den Stürmen beteiligt, bei denen der Carabinieri-Mannschaftswagen angezündet wurde. In jener Situation wurde ich angewiesen, Tränengas abzuschießen, um die Demonstranten auseinander zu treiben. Kurz darauf nahm mir der Major Cappello aber den Granatwerfer ab, weil er der Meinung war, dass ich unfähig sei. Ich schoss in parabolischen Bahnen, so hatte man es mir beigebracht, er aber fing an, auf Mannshöhe zu schießen, wobei er einige Personen im Gesicht traf. Vollkommen irre Sachen


Wann war es so weit, dass dir schlecht wurde?

Ich musste den Tränengaspatronen die Lasche abnehmen und sie dem Major Cappello reichen. Wenn man die Lasche abnimmt, entflieht ein wenig Gas, so kam es dazu, dass mir schlecht wurde. Daraufhin hat man mich in eine Straße gebracht, die zur Piazza Alimonda führt [Der Platz, auf dem später Carlo Giuliani umkam, d. Ü.]. Unterwegs habe ich alles Mögliche gesehen, ich habe gesehen, wie Oberst Truglio [der in der Rangordnung der Carabinieri in Genua der zweithöchste überhaupt war, d. Ü.] und Major Cappello [Auch ein Offizier und wie Truglio Angehöriger des Fallschirmjäger-Elitekorps Tuscania, d.ü.] einige Personen mit Fotoapparat schlugen, bis sie bluteten. Ich begann, mich zu übergeben, da haben sie mich in den Jeep einsteigen lassen


Wer wart ihr, an Bord des Defender?

Da waren ich, Cavataio, Carabiniere im zweijährigen Dienst [Placanica war bloß Wehrdienstleistender, d.Ü.] und Raffone, ein ausiliario [Carabinere im Wehrpflichtdienst, d.ü.], der zusammen mit mir hinten saß.


War niemand dabei, der Erfahung hatte?

Ja, nur wir


War noch ein Jeep neben dem euren?

Ja, es gab einen anderen Defender [Serienname des Gefährts der Marke Land Rover, d.ü.], der den Oberst Truglio an Bord hatte. Verantwortlich für unseren Wagen war der Major Cappello


Waren weitere Kollegen vor Ort?

Vor uns war der Zug der Carabinieri, der uns beschützte


Die Bilder zeigen, wie der Sturm der Demonstranten losgeht. Was hast du gesehen?

Die Carabinieri sind davon gelaufen,sie haben uns überholt. Wir sind rückwärts gefahren und bei einem Müllcontainer steckengeblieben


Was ist dir von diesen Augenblicken in Erinnerung geblieben?

Nur höllischer Lärm


Was ist euch durch den Kopf gegangen, als ihr stecken geblieben seid?

Sie haben uns allein gelassen, sie haben uns im Stich gelassen. Sie hatten die Möglichkeit, einzugreifen, weil Carabinieri da waren und Polizei auch. Sie konnten stürmen, um die Demonstranten auseinander zu treiben, aber sie haben nichts getan. Jener Augenblick ist von ewiger Dauer gewesen.


Wann hast du die Pistole gezogen?

Als ich Blut an meinen Händen gesehen habe. Ich war am Kopf getroffen worden. Ich habe die Pistole gezogen und sie geladen


Was sahst du vor dir?

Ich sah praktisch nichts, ich lag fast in der Horizontalen, nur Raffone war ein wenig stärker aufgerichtet. Der Feuerlöscher landete gegen mein Schienbein, durch Treten mit den Füßen habe ich ihn wieder herunter geworfen. Sie fuhren mit diesem Werfen von Gegenständen fort, ich habe geschrien, dass ich schießen werde. Dann habe ich in die Luft geschossen.


Bist du überzeugt, dass du in die Luft geschossen hast?

Ich bin überzeugt, dass ich in die Luft geschossen habe. Ich habe nicht gezielt, es ist die Wahrheit.


Wie viele Schüsse hast du abgefeuert?

Zwei Schüsse, alle beide in die Luft


Befandest du dich im Sitzen?

Ich lag, mit dem nach oben erhobenen Arm, im Innenraum des Defender. Die Hand war über dem Ersatzreifen des Defender


Hast du nur deine beiden Schüsse gehört?

Ja. Nach den beiden Schüssen ist ein weiterer Carabiniere an Bord gestiegen, der Rando di Messina heißt und sein Schild vor die Scheibe, die sie zerbrochen hatten gestellt hat. Vorne ist ein Stabsfeldwebel vom Tuscania eingestiegen, von dem ich den Namen nicht mehr weiß. Dann sind wir losgefahren. Wir waren auf dem Weg ins Krankenhaus, aber wir mussten einen Umweg machen, weil auf der Straße Demonstranten waren, die von Agnoletto [Heute Europaparlamenarier, damals Sprecher des Genoa Social Forum und Frontgestalt der pazifistischen G8-Kritiker Gruppen, d.&Üuml;.], die uns nicht durchlassen wollten. In der Rettungsstelle haben sie mich stationär aufgenommen, weil ich viel Blut verloren hatte.


Habt ihr nicht gemerkt, was auf der Piazza Alimonda passiert war?

Nein, vom Tod von Carlo Giuliani habe ich um 23 Uhr erfahren, als Carabinieri mit einem Major ins Krankenhaus kamen. Sie haben mir die Nachricht aber nicht im Krankenhaus gegeben. Sie haben meine Entlassung veranlasst, mich die Krankenakte unterschreiben lassen und in die Kaserne geführt. Dort haben sie mir gesagt, dass ich einen Demonstranten getötet hatte


Wie hast du dich in dem Augenblick gefühlt?

Für mich ist die Welt untergegangen. Ich wusste, dass ich geschossen hatte, ich war aber überzeugt, in die Luft geschossen zu haben.Sie haben mich verhört, sie haben mich unter Druck gesetzt und ich habe das beantwortet, was ich zu beantworten in der Lage war. Sie haben versucht, mich Schwerwiegenderes sagen zu lassen, aber ich habe es gesagt, dass ich nicht direkt [er meint: geradezu, d. Ü.] geschossen hatte.


Wie lange dauerte das Verhör?

Zirka eine Stunde, um Mitternacht herum


Und was ist dann passiert?

Sie haben mich zum Messegelände zurückgebracht. [Auf dem Messegelände befand sich die Einsatzzentrale d.ü.]


Welche Umgebung hast du vorgefunden, als du in die Kaserne zurück gekommen bist?

Sie nannten mich den Killer. Die Kollegen feierten. Sie haben mir eine Barett des Tuscania geschenkt. Willkommen im Club der Mörder haben sie gesagt.


Freuten sich die Kollegen über das, was geschehen war?

Ja, sie freuten sich. Sie sagten: Morte sua, vita tua [Abwandlung der lateinischen Redewendung mors tua vita mea, dein Tod ist mein Leben. Hier: Sein Tod ist dein Leben, d. ü.], sie sangen Lieder. Sie haben ein Lied über Carlo Giuliani gemacht


Wie fühltest du dich?

Ich war abwesend, ich wollte mit niemanden zusammen sein, ich fühlte mich zu schlecht


Drei Tage später haben sie dich nach Palermo zurück geschickt.

Ich war froh, jenen Ort zu verlassen. Kaum war ich aber in Sizilien aus dem Bus gestiegen, wurde ich vom Oberst geohrfeigt.


Warum?

Vielleicht wollte er mich aufrütteln, ich weiß es aber nicht


Wie haben dich die Kollegen in Palermo aufgenommen?

Alle stellten Fragen, wollten sich informieren. Das war ein psychischer Druck, sag*** ich dir!


Wann bist du denn nach Hause gekommen?

Nach einer Woche in Palermo haben sie mir dreißig Tage Rekonvaleszenz gegeben. Sie haben mich aber in die Kaserne in Sellia [d.h. in seiner Heimatregion Kalabrien, d. Ü.] geschickt und meine Eltern konnten nicht rein. Mein Vater lag übrigens in Catanzaro im Krankenhaus. Zwar verließ ich heimlich die Kaserne. Aber bis Catanzaro zu kommen, das habe ich nicht geschafft.


Was hast du dir dazu gedacht: war es, um dich zu beschützen, oder wollten sie nicht, dass du dich äußerst?

Ob sie mich beschützten wollten, oder ob sie sich vor etwas fürchteten, das weiß ich nicht. Auch weil sie in jenen Tagen sofort die Psychologen eingesetzt haben, um mich zu untersuchen. Aber ich, was hatte ich denn überhaupt für eine Krankheit...


Nun ja, die Tatsache zu akzeptieren, dass man einen jungen Menschen erschossen hat, ist sicher...

Aber ich war nicht sicher, dass ich ihn getötet hatte. Mich überkamen Zweifel, weil: wenn ich in die Luft geschossen habe, wie können sie sagen, dass ich ihn im Gesicht getroffen habe, dass ich ein Scharfschütze bin?


Hattest du vor dem einen Tag schon geschossen?

Drei mal auf dem Schießübungsplatz, ich schaffte keinen einzigen Treffer. Ich war nicht gut mit der Pistole, deshalb haben sie mich zum Bataillon geschickt. Auf die Wachen schicken sie die Besseren, die anderen gehen in die Bataillone


Nach der Zeit in Sellia, bist du nach Sizilien zurück...

Da haben die Probleme angefangen. Weil all die Fragen ein unglaublicher Stress waren. Kurzum, ich habe angefangen, mich krank zu melden. Sie haben mich nach Catanzaro versetzt, in die Abteilung der Kommandantur, dann habe ich einen Integrationskurs auf Sardinien besucht. Da ging es aber auch mi der Fragerei weiter und ich habe den Kurs nicht einmal zu Ende gemacht. Ich bin nach Kalabrien zurück, wo ich angefangen habe, in unregelmäßigen Abständen zu arbeiten.


In dieser Zeit kommt es zu einer weiteren Episode, die für Diskussionen gesorgt hat. Du überlebst auf wundersame Weise einen Autounfall.

Ich hatte plötzlich die Kontrolle über das Fahrzeug verloren. Das Lenkrad war wie blockiert, ich konnte nicht mehr lenken


Nach dieser schwierigen Phase ging es dir aber langsam besser, am 22. November 2004 hast du dich im Militärkrankenhaus einer psychiatrischen Untersuchung unterzogen, um wieder in den Dienst zu treten.

Ich hatte lang Zeit nicht mehr gearbeitet, ich wollte wieder anfangen, ich war wieder gelassener, hatte mich gerade verlobt. Nach dem er mich untersucht hatte, sagte mir der Dr. Pagnotta vom Militärkrankenhaus, dass ich tauglich sei. Ich brachte den Attest zur medizinischen Kommission, aber die drei Offiziere von der Kommission berücksichtigten ihn nicht und sagten mir, ich solle mich noch einmal untersuchen lassen.


Warum eine weitere Untersuchung?

Das haben sie mir nicht gesagt. Sie haben mich zur Frau DR. Vittorina Palazzo geschickt. Meiner Meinung nach hatten sie schon beschlossen, mich zu entlassen. Die Ärztin hatte ich bereits in der Villa Bianca kennengelernt. Ich war da gewesen, weil ich zum Schlafen bestimmte Tropfen einnahm. Sie aber gab mir, ohne mich zu untersuchen, Aldol. Ich schlief täglich zwanzig Stunden, sie hat mich ruiniert, sie hätte mir das nicht verabreichen sollen.


Am 13. Dezember 2004 hast du dich dieser weiteren Untersuchung unterzogen. Was passierte dann?

Die Ärztin hat mich für untauglich erklärt. Die Welt ist für mich zusammengebrochen.


Hättest du denn um Zuweisung in den den inneren Dienst bitten können?

Sie haben mir geraten, den Antrag zu stellen und ich habe es getan. Sie haben dem Antrag nicht statt gegeben, weil ich mich noch im befristeten Dienst befand und damit keinen regulären Eingliederungsstatus im Heer [Die Carabinieri sind ein militärische Organisation, d.Ü.] hatte. Die vier Jahre waren bereits abgelaufen, sie haben es aber nicht berücksichtigt.


Hast Du Widerspruch beim Verwaltungsgericht eingelegt?

Sie sagen aber, dass meine Rückkehr nicht tolerierbar ist. Sie haben meinen Antrag auf Verwendung im Innendienst angeführt und behauptet, dass ich bereits bewusst die Bürotätigkeit anstrebte, wo sie es doch waren, die mir dazu rieten, den Antrag zu stellen. Und sie haben nicht gelten lassen, dass mir der zivile Einsatz im Innendienst durch den Dienstunfall zusteht


Warum wollen sie dich nicht mehr?

Ich bin ein Sündenbock, der benutzt wird, um jemanden zu decken. Die Tore sind für Placanica dicht.


Wäre es der Logik nach nicht günstiger gewesen, dich ruhig zu halten und nicht alleine zu lassen?

Aber wenn ich wegen psychischen Störungen entlassen werde, glaubt mir doch kein Mensch! Jahrelang haben sie mich unerträglichem psychischen Druck ausgesetzt. Sie haben mir gesagt, dass die no global mich umbringen werden. Sie sind so weit gegangen, dass sie gesagt haben, dass sie meine Frau umbringen würden, als sie schwanger war. Wer wird mir eine Arbeit geben, mit der Art von Entlassung, die sie mir verpasst haben?


Aber es gibt doch ein drittes Gutachten ...

Ich habe ein Gerichtspsychiatrisches Gutachten beantragt, das von Mauro Notarangelo erstellt wurde, der attestierte, dass ich gesund bin. Ich habe es geschafft, mich von all den Medikamenten, die sie mich haben einnehmen lassen, zu entgiften


Was denkst nach fünf Jahren über diese Geschichte?

Ich glaube, dass ich mich in einer Maschinerie wiedergefunden habe, die ein Zacken zu groß für mich war. Dass ich zur falschen Zeit am falschen Ort war. Dass man junge unerfahrene Männer bewaffnet mit einer solchen Situation [bzw. Lage, er macht hier wahrscheinlich direkt vom polizeilichen Terminus technicus Gebrauch, d.ü.] konfrontieren konnte


Ist deiner Meinung nach über Genua die ganze Wahrheit gesagt worden?

Nein


Was ist im Dunkeln geblieben?

Es gibt zu viele Dinge, die nicht klar sind.


Was meinst du genau?

Das, was auf der Piazza Alimonda geschehen ist. Warum haben einige Militärs [Carabinieri sind Soldaten, d.Ü.] den Körper von Carlo Giuliani bearbeitet? Warum haben sie ihm den Kopf mit einem Stein zerschmettert?


Hast du diese Fragen deinen Vorgesetzten gestellt?

Einmal habe ich Major Cappello angerufen. Er sagte mir, ich solle nicht zweifeln. Er sagte, er habe erst am Abend des 20. Juli erfahren, was passiert war, aber auf den Bildern, die ich wieder gesehen habe, ist er neben dem Körper von Carlo Giuliani zu sehen. Ich habe keine weiteren Schüsse gehört, aber die Kollegen, die mit mir im Defender waren, haben auch meine Schüsse nicht gehört. Ich denke, dass es ein Fehler gewesen ist, den Körper von Carlo Giuliani einzuäschern. Womöglich hätte man mehr feststellen können, vielleicht war doch noch irgendwas in diesem Körper.


Bist du auf der Suche nach der Wahrheit?

Ja. Wie können sie sagen, dass ich ihn im Gesicht angeschossen habe? Es ist nicht wahr. Es ist unmöglich. Ich konnte Giuliani nicht treffen. Ich habe über den Ersatzreifen des Defender geschossen.


Warum hast du dich erst jetzt entschlossen, zu sprechen?

Weil Mut dazu gehört und ich diesen endlich gefunden habe. Das ist auch ein Verdienst des Anwalts, an den ich mich gewendet hatte, Antonio Ludovico, der mich immer unterstützt hat und mir geraten hat, die Wahrheit zu sagen.

 
 
 
abstract
GenuaInfos
 
Projects 2004
 
Projects 2003
 
Projektarchiv:
 
Publikationen:
 
connected to:
 
!© noborderLAB 2002 - 2004