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  eine anmerkung zum strasbourger noborder-camp 2002-08-23 


"ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts ähnliches geschehe"
[adorno]


das strasbourger noborder-camp ging am 28. juli zu ende. es war das erste camp das vom gesamten netzwerk organisiert wurde und an dessen aufbau personen aus 15 verschiedenen ländern beteiligt waren. für viele war das camp ein laboratorium f?r kreativen widerstand, der versuch über die grenzen zu mobilisieren und die zentralen forderungen "freedom of movement" und schliessung des schengen informationssystems (SIS) in eine praxis münden zu lassen. die volXtheaterkarawane war mit ihrem projekt noborderZONE in der strasbourger innenstadt fünf tage lang ein satellit des camps, und hat so einen teil zur öffentlichen sichtbarkeit der aktivitäten beitragen.


für viele der beteiligten personen war das camp ein erfolg, viele waren aber auch enttäuscht von der unbeweglichkeit und starrheit des camps und seiner organisation, was unter anderem natürlich durch die grösse des camp bedingt war. Insgesamt können wir sagen, dass das camp in strasbourg ein wertvoller versuch war einen raum zu schaffen, damit eine derartig grosse menge von unterschiedlichen menschen und gruppen innerhalb von 10 tagen in diskurs treten und öffentliche aktionen unternehmen kann.

da auch wir an der vorbereitung des camps beteiligt waren werden wir in unserer gruppe und gemeinsam mit den gruppen des noborder-netzwerks die aufgekommenen probleme diskutieren und hinterfragen. Es besteht grosser bedarf an diskussion und nachbearbeitung. wir möchten hier aber einen punkt aus der diskussion vorgreifen und uns zu den vorfällen bei der demonstration am mittwoch dem 24. august äussern.

an diesem tag fand eine demonstration gegen ein abschiebegefängnis in strasbourg statt. dabei wurden immer wieder überwachungskameras ihrer funktion entzogen und diverse stadtverschönerungen vorgenommen.

sprachlos in strasbourg?
die demonstration am mittwoch zog auch an der synagoge von strasbourg vorbei. dabei kam es zu einem angriff auf die kameras der synagoge und den versuch das gebetshaus zu besprühen. es stellten sich sofort einige personen aus der demonstration in den weg und versuchten diejenigen, die es auf die kameras abgesehen hatten, davon abzuhalten gerade diese zu beschädigen. einige liessen es nach aufklärung, dass dieses gebäude eine synagoge sei, sofort bleiben. einige personen wurden aber handgreiflich und wollten offensichtlich das gebäude trotz der tatsache das es sich um eine synagoge handelt angreifen. mindestens eine der kameras wurde dabei zerstört.

wir möchten uns von diesem vorfall klar und deutlich distanzieren. jegliche diskussion die nun versucht einen angriff auf eine synagoge mit den politischen verhältnissen in israel und palästina zu legitimieren lehnen wir ab. ein angriff auf eine synagoge kann nur als antisemitisch motiviert verstanden werden. es spielt letztlich auch keine rolle welcher identität die personen waren die tatsächlich das gebäude beschädigen wollten. es ist eine politische artikulation die deutlicher nicht gemacht werden kann und sie steht in einer linie mit dem jahrhunderte alten hass auf alles jüdische dem die synagogen immer zum opfer gefallen sind.
viele von uns haben von dem vorfall erst nach ihrer rückkehr nach wien erfahren. auf dem camp selbst war es er nur ein randthema. Vielleicht auch durch die schwerfällige struktur des camps bedingt.

es ist uns klar, dass antisemitismus in linken zusammenhängen permanent vorhanden ist. bei 2000 - 3000 menschen die zu diesem camp gekommen sind, hätte es über sensible themen wie diesem eine wesentlich offensivere diskussion bereits im vorfeld geben müssen. es muss uns möglich sein, inhalte und praxen so zu artikulieren, dass für antisemitInnen kein raum ist.

zur strasbourger jüdischen community
in der strasbourger geschichte kam es immer wieder zu vertreibungen der jüdischen bevölkerung. bereits um 1350 kam es durch die pest zu wüsten verschwörungen und letztlich zur ermordung der strasbourger jüdischen gemeinde. später in der geschichte war die jüdische gemeinde von strasbourg immer wieder eine anlaufstelle für vertriebene menschen. 1940 wurde die ursprüngliche grosse synagoge von der hitlerjugend niedergebrannt. 1958 wurde die synagoge an der Avenue de la Paix eröffnet. aber auch dieses gebäude war bereits mehrmals das ziel von rechtsextremen und antisemitischen angriffen.

bei der jüdischen bevölkerung strasbourgs möchten wir uns dafür entschuldigen, dass ein solcher übergriff während des noborder-camps möglich war.

volXhteaterkarawane

einschub zur strasbourger jüdischen gemeinde:

die jüdische bevölkerung gibt es im elsass bereits ab ca. dem 5. jahrhundert. ca. um 1150 entsteht schliesslich eine jüdische gemeinde in strasbourg. um 1300 während der vertreibungen aus frankreich ziehen ebenfalls viele jüdInnen ins elsass. 1349 bricht die pest aus, und die juden und jüdInnen werden für die katastrophe verantwortlich gemacht. viele werden verurteilt und hingerichtet, viele kommen durch den antisemitschen mob ums leben. nach der pest ist die jüdische bevölkerung von strasbourg und ihre gemeinde ausgelöscht. langsam beginnt eine erneute besiedlung die vor allem durch antisemitische vertreibungen aus anderen ländern herbeigeführt werden. 1648, infolge des westfälischen friedens fällt das elsass wieder an das königreich frankreich. die jüdInnen haben aber auch weiterhin keinerlei bürgerliche rechte. 1767 gelingt es einer familie, das verbot einen festen wohnsitz in der stadt zu haben zu umgehen, und sie bezieht eine wohnung in der strasbourger innenstadt. damit wird die jüdische gemeinde in strasbourg erneut gegründet. 1791 werden schliesslich, durch das französische gleichstellungsdekret, den juden und jüdinnen bürgerliche rechte eingeräumt. 1834 wird ein verlassenes kloster in strasbourg zu einer synagoge umgebaut. damit hat die jüdische gemeinde in strasbourg ihr erstes gebetshaus zurückerhalten. 1898 wurde am place kleber eine neue synagoge erbaut, die 1600 menschen aufnehmen konnte. am ende des 19. jahrhunderts ist der antisemitismus in vielen ländern europas bereits so weit angewachsen, dass viele jüdInnen sich zur flucht gezwungen sehen. viele menschen ziehen ins elsass, was die jüdische gemeinde in strasbourg prägt.

In einer Umfrage von 1931 wird festgestellt, dass 39% der strasbourger jüdInnen zugezogen, bzw. vor pogromstimmungen und antisemitischen ausschreitungen geflohen sind. mit der machtübernahme der nazis 1933 ziehen noch mehr menschen aus den jüdischen gemeinden deutschlands in das noch französische strasbourg.
1940 wird die strasbourger synagoge von der hitlerjugend niedergebrannt. die vichy-regierung verkündet im oktober des selben jahres den ausschluss der juden und jüdinnen aus der französischen gesellschaft. bis 1945 wütet der nationalsozialismus in strasbourg, die jüdische gemeinde in strasbourg wird dabei beinahe zur gänze vernichtet. nach ende des zweiten weltkriegs kehren viele vertriebene und geflüchtete jüdInnen nach strasbourg und ins elsass zurück.

die neue synagoge in der Avenue de la Paix wurde 1958 fertiggestellt. auch dieses gebäude wurde bereits mehrmals durch rechtsextreme und antisemitischen mob ziel angriffen. bei den anschlägen im frühling 2002 auf verschiedene jüdische einrichtungen in frankreich, werden in strasbourg jüdische menschen von rechtsextremen angegriffen und mehrmals die synagoge besprüht.
 
 
 
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