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Quellenangabe:
Importieren Länder der "Ersten Welt" heute Liebe und Kinderbetreuung? (vom 28.01.2005),
URL: http://no-racism.net/article/1100/, besucht am 04.07.2020

[28. Jan 2005]

Importieren Länder der "Ersten Welt" heute Liebe und Kinderbetreuung?

Zur Entstehung globaler Betreuungsketten. In globalen Betreuungsketten entstehen weltweite Verbindungen, weil Versorgung und Pflege von Kindern sowie die HaushaltsFührung gegen Bezahlung von einer Person an eine andere weiter gegeben. Ketten gegenseitiger Betreuung werden zu komplexen Netzwerken, in denen ganz verschiedene Arten der Betreuung miteinander verbunden sind.

Die amerikanische Soziologin Arlie Hochschild (2000) beschreibt die Verwobenheit globaler Betreuungsketten aus der Perspektive von Frauen, die als "domestic worker" in Industrieländer migrieren: "Eine Frau kümmert sich zu Hause um die Kinder der Migrantin, eine zweite kümmert sich um die Kinder derjenigen, die auf die Kinder der Migrantin aufpasst, und eine dritte, die ausgewanderte Mutter selbst, kümmert sich um die Kinder von Berufstätigen in der Ersten Welt. Ä„rmere Frauen ziehen die Kinder wohlhabenderer Frauen auf, während noch ärmere - oder ältere oder vom Land kommende - deren Kinder aufziehen".

Inhalt:
- Warum entstehen Betreuungsketten?
- Neue Aspekte der Globalisierung von Betreuungsketten
- Transnationale Mutterschaft - Transfer eines "emotionalen Mehrwerts"
- Lösungsansätze
- Literatur



Warum entstehen Betreuungsketten?


Als sog. Push-Faktoren der Migration werden ökonomische Krisen, Arbeitslosigkeit und Armut angesehen. Doch auch ethnische oder sexuelle Diskriminierung und Kriege in ihren Herkunftsländern veranlassen Frauen zur Migration. Im Bereich der Betreuungsarbeit spiegelt sich die Feminisierung der Migration darin, dass heute Frauen aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Osteuropa als DienstMädchen oder Kinderfrauen in den Zentren der Industrieländer arbeiten und damit Verantwortung für das Familieneinkommen übernehmen. Beispielsweise stellen die überweisungen von Philippininnen, die als "domestic worker" in übersee und in Europa (vor allem in Italien, Spanien und Griechenland) arbeiten, die größte Devisenquelle des Landes dar.

Globale Betreuungsketten entstehen auch, weil als sog. Pull-Faktoren der Migration die Nachfrage nach Haushalts- und Kinderbetreuungsleistungen in den reichen Zentren zugenommen hat. Hausarbeit, die früher in der Regel von Ehefrauen kostenlos und "aus Liebe" verrichtet wurde, wird von berufstätigen Eltern, aber auch von Alleinstehenden mit langen und flexiblen Arbeitszeiten, in bezahlte Arbeit umgewandelt, die als Dienstleistung von aussen eingekauft wird. Die vermehrte Nachfrage nach haushaltsnahen Dienstleistungen hängt mit dem Wandel vom Hausfrau-Ernährer-Modell zu sog. genannten "Dual Career Familien" zusammen, in denen beide Partner erwerbstätig sind. Dabei hat die Erwerbsbeteiligung von Frauen mit Kindern in den USA viel stärker zugenommen als in Deutschland: Arbeiteten 1950 nur 15 Prozent der Mütter mit Kindern unter sechs Jahren, so sind es heute 65 Prozent. Der Bedarf nach außerfamiliärer Betreuung hat auch deshalb zugenommen, weil mit dem Verschwinden der großfamilie immer weniger auf Unterstützung durch Großmütter oder andere weibliche Verwandte zurück gegriffen werden kann. Und die Nachfrage nach Hausangestellten wird weiter steigen: wegen der schnellen Überalterung der Europäischen Bevölkerung und der Tatsache, dass Kranken und Altenpflege nur ungenügend staatlich geregelt ist.

In Deutschland sind nach vorsichtigen Schätzungen 1,4 bis 2,4 Millionen Personen in privaten Haushalten beschäftigt. Mehr als 90 Prozent von ihnen sind Frauen. So vielfältig die Aufgabenbereiche sind (Putzen, Waschen, Kochen und Einkaufen, Kinderbetreuung und Pflege von alten Menschen), so heterogen sind auch die Beschäftigungsverhältnisse: Sie umfassen Putzjobs mit einer Wochenarbeitszeit von zwei Stunden, aber auch den ständigen Bereitschaftsdienst der sog. "sit-ins" - Frauen, die in den Haushalten ihrer Arbeitgeber leben. Mit der Ausweitung haushaltsnaher Dienstleistungen entstehen Arbeitsplätze in privaten Haushalten für deutsche Arbeiterfrauen, Türkische Migrantinnen, Aussiedlerinnen, aber auch für polnische, tschechische und russische oder sogar lateinamerikanische Frauen. Das Phänomen der "neuen Dienstmädchen" ist zwar ein "Jobwunder", aber ein illegales: In der Schattenwirtschaft entsteht ein umfangreicher, aber informeller Arbeitsmarkt. Nur wenige Haushaltshilfen sind sozialversichert, viele Migrantinnen arbeiten halblegal oder illegal in Deutschland. Sie nehmen eine hohe soziale und rechtliche Unsicherheit in Kauf, weil sie Strafen wegen Schwarzarbeit riskieren, im Krankheitsfall keine Einkünfte haben und ihre Altersversorgung nicht gesichert ist, weshalb langfristig neue abhängigkeiten für die Betroffenen entstehen. Als weitere Probleme der Betroffenen werden in einem Bericht der Europäischen Kommission (1997) nicht bezahlte überstunden, niedrige Einkommen unter der Minimallohngrenze, Verweigerung von Lohn sowie Gewalt und sexuelle Belästigung genannt.



Neue Aspekte der Globalisierung von Betreuungsketten


Wird mit der globalen Ausdehnung von Betreuungsketten ein neues Phänomen beschrieben? Was unterscheidet das Phänomen der "heimlichen Rückkehr der Dienstmädchen" (Odierna 2000) von der alten DienstMädchenfrage der Jahrhundertwende, als in bürgerlichen Haushalten westlicher länder Hausangestellte zur Normalität gehörten? Geblieben ist die Feminisierung eines Berufsfeldes, für das Frauen angeblich aufgrund ihrer angeborenen oder sozialisationsbedingt erworbenen Fähigkeiten als besonders gut geeignet gelten. Mit der Globalisierung von Betreuungsketten durch transnationale Migration ist jedoch die Dienstbotenfrage von einer Klassenfrage zu einer ethnisch und national differenzierten Erscheinung geworden (Lutz 2002). Im Unterschied zu den DienstMädchen früherer Zeiten sind die Hausangestellten heute nicht mehr zur überbRückung der Zeit zwischen Schule und Hochzeit tätig, sondern sie migrieren häufig nach der Familiengründung, um finanzielle familiäre Krisen zu bewältigen. Dabei sind viele nicht nur älter als die Dienstmädchen vergangener Zeiten, sondern auch besser gebildet: Neu und auffällig ist, dass viele Osteuropäerinnen, die in deutschen Akademikerhaushalten putzen, selbst studiert haben, mit ihren Berufen als Lehrerinnen, Juristinnen oder Ärztinnen in ihren Heimatländern keine Arbeit finden oder zu wenig verdienen. Deshalb arbeiten sie in Deutschland weit unterhalb ihrer Qualifikation, können aber mit illegaler Beschäftigung beispielsweise als Reinigungskraft ihre Familien in den Heimatländern ernähren.



Transnationale Mutterschaft - Transfer eines "emotionalen Mehrwerts"


Welche Folgen hat die "neue internationale Arbeitsteilung" in globalen Betreuungsketten für die Betroffenen? Wie verändern sich Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, wenn die Familien der Migrantinnen häufig über Jahre getrennt sind und zu sog. "transnationalen Familien" werden. Wie eine qualitative Studien von Rhacel Parrennas (2001) zeigt, entstehen durch die jahrelange Trennung von FamilienAngehörigen neue Vorstellungen und Formen von Mutterschaft: Mütterlichkeit ist nicht im westlichen Sinne durch physische Nähe zu den eigenen Kindern definiert, sondern materialisiert sich vor allem über finanzielle Unterstützung oder die Bezahlung der Ausbildung. Dabei wird die gegenseitige Entfremdung als psychische Folge der langjährigen Trennung von den Betroffenen häufig unterschätzt. Aus Parrennas Gesprächen mit Migrantinnen, die von den Philippinen in die USA und nach Italien auswanderten, geht hervor, wie sehr Migrantinnen persönlich unter der Trennung von Kindern und Familie leiden, auch wenn sie die Entscheidung zur Migration für richtig halten und die Chance, als Hausangestellte Einkommen zu erwirtschaften und an die zurückgebliebenen Familienmitglieder zu überweisen, außerordentlich schätzen. Hochschild (2000) problematisiert daher, dass mit der Ausweitung globaler Betreuungsketten zunehmend nicht nur materielle Ressourcen, sondern auch fürsorge oder Liebe auf der Welt ungleich verteilt seien. Bei der Versorgungsarbeit, die auch an die Emotionen eines Menschen rühre, finde ein "Gefühls-Transfer" statt und ein "emotionaler Mehrwert" werde abgeschöpft, weshalb Hochschild provokant fragt: Importieren länder der Ersten Welt wie die USA heute Mutterliebe, wie sie früher Kupfer, Zink, Gold und andere Bodenschätze aus den ländern der Dritten Welt importiert haben? (...) Wird die Zeit, die man [als Hausangestellte, Anm. d. V.] mit dem Kind in der Ersten Welt verbringt, in gewisser Weise einem Kind weiter unten in der Betreuungskette "weggenommen"? Bekommt das Kind in Beverly Hills einen "Mehrwert an Liebe". Dabei zielt Hochschild keineswegs darauf ab, westliche Vorstellungen traditioneller Mutterschaft zu perpetuieren und der traditionellen Vorstellung, Kinder könnten allein durch ihre eigene Mutter ideal versorgt werden, das Wort zu reden. Vielmehr verweist Hochschild auf die psychischen Kosten der jahrelangen Trennung und auf das Risiko der Entfremdung, wenn Mutterschaft vor allem materiell durch Finanzierung einer Schulbildung o.Ä. ausgeübt wird. Wenn also die Ausweitung globaler Betreuungsketten keineswegs grundsätzlich abzulehnen ist, so ist sie unter den geschilderten Bedingungen als Phänomen weltweit zunehmender sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu interpretieren.



Lösungsansätze


Die Möglichkeiten zur Verbesserung der Arbeits- und Lebenssituation von Migrantinnen in globalen Versorgungsketten sind zahlreich (Hochschild 2000): Die Einwanderungspolitik könnte so gestaltet werden, dass Hausangestellte ihre Kinder mitbringen können oder alternativ regelmäßige Besuche in der Heimat von den Arbeitgebern oder vom Staat unterstützt werden. Ebenso wäre es notwendig, die Pull-Faktoren der Migration zu mindern, also beispielsweise die Ökonomien in den Herkunftsländern zu stärken und mit adÀquaten Beschäftigungsmöglichkeiten Alternativen zur Arbeitslosigkeit und Armut zu schaffen. Wenn sexuelle Gewalt, beispielsweise durch prügelnde Ehemänner, eine Fluchtursache darstellt, sollten Frauen in Notsituationen direkt und vor Ort Alternativen zur Migration haben. Grundlegendere Lösungsansätze müssten langfristig dahin gehen, den Wert von Betreuungsarbeit zu steigern, die als Resultat einer patriarchal geprägten kulturellen Tradition als Niedriglohnarbeit am unteren Spektrum der Einkommensmöglichkeiten definiert ist und so die Arbeitssituation der Betroffenen zu verbessern. Zuletzt Wären auch die Arbeits- und Aufstiegsmuster in westlichen Zentren zu hinterfragen, wo erwerbstätige Frauen durch ""utsourcing""der Betreuungsarbeit und die Suche nach Betreuung weiter "unten" in der globalen Kette es sich ermöglichen, ein "männliches Karrieremuster" mit überstunden und Wochenendarbeit zu leben. Dies würde freilich eine veränderte Arbeitsteilung in den Haushalten und die Abkehr vom dominanten männlichen Karrieremuster implizieren: "Letztlich ließe sich das Problem grundsätzlich dadurch lösen, dass man die Väter in die Betreuung ihrer Kinder mit einbezieht. Wenn die Väter ihren Teil dazu beitragen würden, und zwar weltweit, würde sich die Betreuung horizontal ausbreiten und nicht auf der sozialen Klassenleiter nach unten weitergereicht werden."


Literatur



- Anderson, Bridget/Phizacklea, Annie (1997): Migrant Domestic Workers. A European Perspective. Reprot for the Equal Opportunities Unit, DGV, Commision of the European Communities, May 1997.

- Hochschild, Arlie Russel (2000): Globale Betreuungsketten und emotionaler Mehrwert, in: Hutton, Will/Antony Giddens (Hrsg.): Die Zukunft des globalen Kapitalismus, Frankfurt a.M./New York: 156-176.

- Lutz, Helma (2002): In fremden Diensten. Die neue DienstMädchenfrage als Herausforderung für die Migrations- und Genderforschung, in: Gottschall, Karin/Birgit Pfau-Effinger (Hrsg.): Zukunft der Arbeit und Geschlecht. Diskurse, Entwicklungspfade und Reformoptionen im internationalen Vergleich, Opladen: 161-181.

- Odierna, Simone (2000): Die heimliche Rückkehr der DienstMädchen, Opladen.

- Parrennas, Rhacel (2001): The Global Servants: Migrant Filipina Domestic Workers in Rome and Los Angeles, Palo Alto, CA.

Dieser Text von Dagmar Vinz erschien zuerst in der ZAG Nr. 45, 2004, mit dem Schwerpunkt Migration von Frauen.