no-racism.net Druckversion

Quellenangabe:
Hungerstreik in Frauenabschiebegefängnis Berlin (vom 30.11.-1),
URL: http://no-racism.net/article/118/, besucht am 02.02.2023

[30. Nov -1]

Hungerstreik in Frauenabschiebegefängnis Berlin

Soja Schatz nach 61 Tagen im Hungerstreik aus der Abschiebehaft entlassen. Ohne weitere Angabe von Gründen wurde Soja Schatz gestern am späten Abend "aus der Abschiebehaft und aus dem Haftkrankenhaus" entlassen.

Soja Schatz nach 61 Tagen im Hungerstreik aus der Abschiebehaft entlassen.

Ohne weitere Angabe von Gründen wurde Soja Schatz gestern am späten Abend "aus der Abschiebehaft und aus dem Haftkrankenhaus" (Entlassungszettel) entlassen. Völlig entkräftet aber mit großer Erleichterung kam sie sofort in ein Berliner Krankenhaus und wurde dort umgehend mit Infusionen behandelt.

Wettlauf mit der Zeit

Nachdem es Soja Schatz in den letzten Tagen zunehmend schlechter ging und es immer mehr Hinweise darauf gab, daß die verantwortlichen Ärzte im Haftkrankenhaus und auch die politisch Verantwortlichen auf das Eintreten der bewußtlosigkeit warteten, liefen die Bemühungen um die Freilassung von seiten der UnterstützerInnen, der Rechtsanwältin und medizinischen BeraterInnen auf Hochtouren.

Noch gestern vormittag war Hartwig Berger (migrationspolitischer Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus) im Haftkrankenhaus und bezeichnete es als "Akt großer Unmenschlichkeit, diese Frau seit nunmehr sechs Monaten hinter Gitter zu sperren". für heute hatte Carsten HÃŒbner (menschenrechtspolitischer Sprecher der PDS-Bundestagsfraktion und Obmann im Bundestagsausschuß für Menschenrechte und humanitäre Hilfe) seinen Besuch angekündigt. Auch Ralph Giordano hatte abermals in persönlichen Briefen an Innensenator Werthebach und bürgermeister Diepgen dringend die Freilassung der beiden noch in Haft befindlichen Frauen gefordert. Zeitgleich versuchte eine Gruppe von UnterstützerInnen ein Gespräch mit Innensenator Werthebach zu erwirken und entrollte ein Transparent am Eingang der Senatsverwaltung für Inneres. Gestern abend um 17 Uhr fand die erste von täglich geplanten Kundgebungen zur Freilassung von Soja Schatz und Lyudmyla Orlova direkt vor dem Haftkrankenhaus statt.

Soja Schatz hatte in einem der bisher lÀngsten Hungerstreiks, die in Berliner Abschiebegefängnissen stattfanden, unter Einsatz ihrer Gesundheit und ihres Lebens für ihre Freilassung gekämpft. Nachdem sie ihren Protest am 19. Februar begonnen hatte, schlossen sich ihr einige Tage später weitere vier gefangene Frauen an.

Als sich die Frauen am 5. März bei der Antirassistischen Initiative meldeten und um Unterstützung baten, hatten alle fünf Frauen keine Rechtsbeistände. Das ist keine Ausnahme, sondern die Regel, denn Menschen in Abschiebehaft können sich aufgrund ihrer Armut keine Rechtsbeistände leisten.

Die Frauen saßen alle seit Monaten in Abschiebehaft ohne erkennbare Chance auf Entlassung. Der richterliche Beschluß für die Begründung der Haft: keine gültigen Papiere für dieses Land zu besitzen.

Das Leben, eine Frage der Laborwerte ?

Nachdem bei Soja Schatz noch bis zum 11. April kontinuierlich deutlich erniedrigte Kaliumwerte (gemessen im öffentlichen Krankenhaus Moabit) festgestellt wurden, wurden am folgenden Tag im JVA-Haftkrankenhaus Werte im "Normalbereich" gemessen. Vor allem auch diese "normalen" Werte veranlaßten die Haftärzte noch bis gestern, Soja Schatz für haft- und reisefähig zu halten. Die jüngsten gemessenen Kaliumwerte - heute nacht in einem öffentlichen Krankenhaus gemessen - wurden wieder als deutlich zu niedrig bewertet. Damit wird der von Fachärztinnnen geäußerte Verdacht auf das Vorliegen von technischen Meßfehlern im Haftkrankenhaus offensichtlich. Kalium-mangel kann zu schweren und plötzlichen HerzrhythmussTürungen führen und somit lebensgefährlich werden.



Von ursprünglich fünf hungerstreikenden Frauen, sind jetzt vier Frauen entlassen.

Lyudmyla Orlova (22 Jahre alt), befindet sich heute noch im Abschiebegefängnis Kruppstrasse. Psychisch und körperlich am Ende, versuchte sie vor einer Woche, ihren Hungerstreik nach 48 Tagen abzubrechen. Schon die Aufnahme von ObstsÀften nach wochenlangem Wasserverzehr verursachte ihr schwerste Magen-Darm-Probleme. Anstatt sie wenigstens jetzt in ein Krankenhaus zubringen, in dem sie kontrolliert und vorsichtig aufgebaut werden könnte, bleibt sie sich selbst überlassen. Auch die während des Hungerstreiks häufigen Blutkontrollen hörten schlagartig auf. Lyudmyla O. leidet weiterhin unter starken Nieren- und Kopfschmerzen. Obwohl die Haftärzte der Kruppstrasse ihr auf ihre Bitten hin eine Schonkost zugesagt haben, bekommt sie diese nur sporadisch. Stattdessen allerdings regelmäßig: ein Psychopharmakon.

Anastasia Poljakova (19 Jahre alt) nach 29 Tagen Hungerstreik am 22. März aus gesundheitlichen und formalen Gründen entlassen.

Natalja Bazarja (33 Jahre alt) am 13. April, aus formalen Gründen entlassen, denn sie saß offensichtlich aufgrund eines Verschuldens der Ausländerbehörde monatelang in Haft.

Dana Wlasenko (24 Jahre alt) nach 52 Tagen Hungerstreik - aus gesundheitlichen Gründen am 14. April entlassen.

Soja Schatz (37 Jahre alt) nach 61 Tagen Hungerstreik ohne Begründung entlassen.

Sofortige Entlassung Lyudmyla Orlova aus der Abschiebehaft und Verlegung in ein öffentliches Krankenhaus!

Sofortige Abschaffung aller Abschiebegefängnisse!

für Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Antirassistische Initiative