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Quellenangabe:
Schengenblick im Krieg = Schengenblick im Frieden (vom 20.04.2003),
URL: http://no-racism.net/article/143/, besucht am 12.04.2024

[20. Apr 2003]

Schengenblick im Krieg = Schengenblick im Frieden

Der folgende Text wurde von einigen Leuten des VolxTheaters im April 2003 für den Katalog zum Projekt "Schengenblick" des Pavel-Hauses geschrieben. Am 24. Juli 2003 ist das VolxTheater im Rahmen des Projekts "Schengenblick" nach Graz eingeladen und wird im Dom im Berg ein neues stück aufführen.

1. Im Schengenblick: der Feind


Einleitung: "Im Spiegel der Feind" (Heiner MÃŒller)


Die Erkenntnis ist nicht neu, dass Medien die Welt machen und die Welt sich gern als Schauspiel gibt. Die Mediengesellschaft giert oft nach (rhetorischen) überzeugungsTäterInnen. Wie der "Kriegsrhetoriker" Nietzsche sieht auch Heiner MÃŒller die Ambivalenz eines dahinter sich verbergenden Willens zur Macht: Der Krieg ist die Vorraussetzung zur "Umwertung" aller Werte. Im Spiegel der Feind kann mein Bruder, meine Schwester, ich selbst sein. Feindschaft, aber auch Furcht sind Gefühle die wir mit allen anderen Menschen teilen. Zum Phänomen des Kriegs in der Gesellschaft gehört auch, dass er abgelehnt wird.

Graz 2003, das Thema "Schengenblick" steht für uns zuerst einmal unter dem Eindruck des neuen Irak-Krieges, der im Augenblick, da wir den Artikel schrieben den "Weltblick" beherrschte. Im "neutralem" Land der Kulturhauptstadt bemerkten wir im Frühjahr eine verworrene Situation und sonderbare Bündnisse, die bezeichnend waren für eine Situation, in der von sich radikale Linke bis zu extremen Rechten mit einer Regierung im Mittelfeld zusammenfanden - die "Kulturnation" war sich einig. Ein Land von PazifistInnen und KriegsgegnerInnen oder uralte Reflexe die sich entluden?

Mehr als 80% der ÖsterreicherInnen waren sich 1999 einig, dass Serbien zerschossen werden muss. Mehr als 90% der gleichen, der immergleichen ÖsterreicherInnen waren sich einig den Irak beschützen zu müssen. Die soziale Kontrolle im Schengenblick sieht im Spiegel den Feind.

Der Krieg, die Logik, die gewohnte Wahrnehmung


Dieser Krieg ist der einzige Weg zum Frieden. So verkaufte die imperiale Allianz im Medienkrieg ihren Kampf gegen das faschistische Regime von Saddam Hussein. Das sie uns dabei den orwellschen Satz von "Krieg = Frieden" um die Ohren hauen ist zwar nicht neu, aber die Dreistigkeit mit der die Propaganda bei jedem Konflikt, der "nur Militärisch gelöst werden" kann, über die Bildschirme der Wohnzimmer flimmert ist immer wieder schockierend.

"Aber das sind wir gewohnt! - Was sind wir gewohnt?"

Vergessen werden die Toten
Es hieß, das Regime im Irak soll gesTürzt und die Menschen die unter ihm leiden befreit werden. Die Rache des Regimes an der Bevölkerung für den verlorenen Krieg 1991 war ein Massaker, das zehntausenden Menschen das Leben gekostet hat. Menschen die es wagten sich nach den Bombardements gegen das Regime zu erheben. Menschen die für den irakischen Staat nicht nötig sind, die in einer wenig arbeitsintensiven Ölindustrie nicht benötigt werden, nach belieben getötet werden können. Kollateralschäden nennt es die Kriegsallianz wenn tausende Menschen ihr Leben verlieren weil internationale Politik wieder versagt hat. Doch nach drei Wochen Krieg 2003 zeigten uns die Medienbildern nicht mehr Tote, sondern Menschen, die ihren "Befreiern" zujubelten. Wir freuen uns mit ihnen, dass der Diktator weg ist, aber...

Vergessen werden die Flüchtlinge
Wie 1991 sind auch jetzt die Fluchtwege der Menschen abgeschnitten. An den Grenzen im Norden ist die Türkische Armee stationiert mit dem wesentlichen Auftrag Flüchtlinge daran zu hindern die Grenze zu übertreten. Die Grenze zum Iran ist vermint. Internationale Organisationen helfen mit die "Hilfe vor Ort" zu organisieren, deren Ziel es mitunter ist, die Menschen an einer tatsächlichen Flucht zu hindern, um ihnen das Recht zu nehmen als KriegsFlüchtlinge international anerkannt zu werden. Das UNHCR schätzte,
dass bei Kriegsausbruch bis zu 1.5 Millionen Menschen aus dem Irak vertrieben werden. Die Vorbereitungen auf dieses Szenario beschränkten sich darauf, alles zu tun um die Menschen an einer Flucht zu hindern.

Auch an das haben wir uns gewÃŒhnt, finden es normal oder ignorieren. Es ist zu bemerken, dass das kapitalistische Subjekt gleichgültig durch seine atomisierte tägliche Funktion wird. Soziale Kälte wird durch privates GlÃŒck kaschiert. Die irakischen Kinder tun uns leid, wir spenden um sie uns vom Leib zu halten. Wie der slowenische Philosoph Zizek meint, impliziert unser Alltagsleben im spätkapitalismus eine beispiellose Leugnung der Erfahrung der Anderen. - und das schafft mitunter Feindbilder und den eindimensionalen Schengenblick einer Festung Europa, der trotzdem das Menschlichkeitsbild zu fokusieren behauptet.

Der prekäre Friedensblick:
Auf der anderen Seite sehen wir eine Friedensbewegung, die zumindest zu einem großen Teil eine ähnliche Strategie erfinden will, wie die "Grossen". Der Irak sei ein "friedliches" Land, wird uns in Flugblättern erklärt, ein Staat der sich gegen den US-Imperialismus auflehnt und dafür bekriegt wird. Zu diesem Blick ist auch schon ein gehöriges maß an Zynismus nötig. Die Massaker im Norden des Landes gegen die KurdInnen, im süden gegen die SchiitInnen werden geleugnet. Die Aussagen von Menschen aus dem Irak zählen nicht. Weder auf Seiten der KriegsführerInnen noch auf jener der selbsternannten Friedensengel. Den Irak zum friedlichen Land zu stilisieren, die Massaker negierend, den Antisemitismus des faschistischen Regimes nicht hören wollend ...

Der Krieg im Irak tobt seit 30 Jahren, erzählen uns Leute, die aus dem Norden des Landes kommen, aber die Friedensbewegung will nichts hören davon. Nur Tage sei er alt der Krieg, erklärten uns die Friedensbewegten, die Allianz der ÖsterreicherInnen gegen das BÃŒse, das Ergebnis des nationalen Schulterschlusses, denn "Krieg ist Frieden".

Die Politik ist die Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln - "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns"


Die elementarste Form von symbolischer Gewalt ist die freie Wahl, wenn nur die "richtige" Wahl getroffen wird.
Hieß die Bush-Logik nach dem 11.September 2001 "wer nicht für uns, ist gegen uns", und "Amerika wurde der Krieg erklärt", kam mit der deutsch/französischen Kriegsablehnung eine weitere Facette der Argumentation hinzu: "wer gegen die USA ist, ist für Europa und wer gegen Europa ist, ist für die USA".

Was gibt es dazu zu sagen. Lasst uns in Ruhe mit diesen langweiligen, inhaltslosen Reden? Es gibt mehr als nur Ja oder Nein zu sagen. Es ist nicht unser Krieg, es ist eurer. Ihr habt den Irak aufgerüstet. Mit deutschem Giftgas, mit französischer Urantechnologie, mit britischer Finanzierung, nordamerikanischem KnowHow ....
Und wenige in der Österreichischen Friedensbewegung stellen sich die Frage, wie eigentlich die STG77, die berÃŒhmten Militärgewehre aus den Steyerwerken, in den Irak gekommen sind. Aber unbequeme Fragen werden nicht mehr gestellt. Denn jetzt ist Krieg - und da ist alles anders?

Auch die neue MedienkriegsFührung wird paranoider. Die Feinde und seine Waffen müssen vermehrt identifiziert werden oder im authentischen Medienstil von Angesicht zu Angesicht bekämpft werden. Auch die (Medien-) Authentizität beruht auf dem Akt der gewaltsamen Grenzüberschreitung.

2. Im Schengenblick: die Organisationsgewalt


Flüchtlingsmanagement: Migrationspolitik als Fortsetzung des Kriegs mit anderen Mitteln.

1.5 Millionen Menschen werden im Kriegsfall das Land verlassen, prognostizierte das UNHCR für den Irak. Die Vorbereitungen auf diese Situation sind bereits "voll angelaufen" hieß es. - NaTürlich, Hilfe vor Ort, darauf können sie sich verlassen, totsicher.

Die EU-Staaten haben sich festgelegt: wenn irakische Flüchtlinge aufgenommen werden, dann nur temporär, denn schließlich gehören sie doch in "ihr" Land zurück. Innenminister Strasser ließ schon vor Beginn des Kriegs verlauten, dass Österreich "auf die Situation vorbereitet ist". Erleichtert äußerten sich ExpertInnen des Innenministeriums und angeschlossener Hilfsorganisationen, dass die "Fluchtwelle" noch nicht ausgebrochen ist.

Mit welchen Problemen irakische Flüchtlinge in Österreich konfrontiert werden, lässt sich aufgrund der Erfahrungen von afghanischen AsylwerberInnen und Flüchtlingen aus dem Kosovo vor ein paar Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit voraussagen. Den Flüchtlingen wird sogenannter temporärer Aufenthaltsstatus gewährt, sobald die Regierung der Meinung ist, dass das "Heimatland" wieder sicher ist, werden die Leute aufgefordert, zurückzukehren. Wobei diese Einschätzungen von Sicherheitslagen von Menschen erstellt werden, die die Migrationsideologien der EU-Staaten mitgestalten und mitunterstützen. Ihr Interesse ist es naTürlich, MigrantInnen auf schnellstem Wege von der Notwendigkeit der Rückkehr zu überzeugen.

Das Österreichische Innenministerium legte beispielsweise im Herbst 2002 Flüchtlingen aus Afghanistan nahe, dass sie das Rückkehrprogramm des Innenministeriums annehmen sollten. Ab März 2003 sollten afghanische AsylwerberInnen, die sich entschließen "freiwillig" nach Afghanistan zurückzukehren, mit einem geringen Geldbetrag ausgestattet die Reise in ein Land antreten, in dem in großen Teilen noch immer gekämpft wird. Gerademal die Hauptstadt Kabul kann als halbwegs sicher betrachtet werden.

Im Schengenblick: "Heimatnahe" Hilfe


Der deutsche Innenminister Schilly sah Ende März 2003 keine Notwendigkeit für die Aufnahme irakischer Flüchtlinge in Deutschland. Flüchtlingen aus dem Irak müsse "heimatnah geholfen werden". In diesem Fall könnten die Menschen auch schnell in ihr Land zurück, wenn sich die Situation wieder verbessere. Der deutsche Innenminister erklärte in einem Interview für die "Bild"-Zeitung am 29. März, dass die internationale Gemeinschaft alles tun werde, um die Flüchtlinge in ihrer Region zu versorgen, wofür Deutschland einen großen Beitrag leisten werde. Dies geschehe, "damit Familien zusammen bleiben".

Diese Art der Flüchtlingspolitik ist die Fortsetzung der EU-Flüchtlingspolitik während des Krieges im Kosovo 1999. Der entscheidende Beitrag der Europäischen Flüchtlingspolitik zum Krieg damals und wahrscheinlich auch zum derzeitigen Konflikt im Irak bestand weder in der konkreten Fluchtabwehr noch darin, dass diese praktisch an Militärs und Hilfsorganisationen delegiert wurde. Sondern es ging um die Wiederentdeckung des als Fluchtursachenbekämpfung bezeichneten "Rechts auf Heimat". Dieses "Recht" basiert auf der völkischen Vorstellung, Menschen "wurzelten" in einer Heimat und könnten daher nicht einfach gehen, wenn es ihnen dort nicht gefällt. Die Vorstellung, irgendwo hin zu gehen, wo mensch in Ruhe und seinen/ihren Bedürfnissen entsprechend leben kann, soll mit einer Flüchtlingspolitik verhindert werden, die, ähnlich wie völkische Bewegungen, sagt, die Leute gehörten dorthin, wo sie herstammen.

Freigewähltes Leben in anderen ländern wird unter diesen Umständen zu einem nur als Zwischenlösung zu akzeptierenden Zustand. Das Flüchtlingslager im Nachbarland wird von der Zwischenlösung zur Dauerlösung. "Heimatnahe" Unterbringung in Flüchtlingslagern möglichst nahe an "Krisenregionen" wie jetzt im Irak soll sicherstellen, dass "Entwurzelung der Schutzsuchenden aus ihrer Heimat und Kultur entgegengewirkt und die Rückkehr erleichtert" wird (aus einem Arbeitspapier der EU-Ratskommission vom März 1999).

Das migrationspolitische Instrument der "heimatnahen" Unterbringung von Flüchtlingen in den ländern rund um den Irak hat für die länder der Festung Europa einige Vorteile. So werden beispielsweise Kosten gespart (Abschiebekosten, Verpflegungs- Unterbringungskosten etc.). Andererseits fällt es auf diese Art für die EU-Staaten leichter, ihre restriktive Einwanderungspolitik zu argumentieren. Der Migrationsdruck wird geringer, das "Problem" ist nicht direkt vor der HausTür sondern tausende Kilometer weit entfernt. Internationale Organisationen und NGO`s helfen mit die "Hilfe vor Ort" zu organisieren, deren Ziel es ist die Menschen an einer tatsächlichen Flucht zu hindern, um ihnen bereits im voraus das Recht zu nehmen, als KriegsFlüchtlinge international anerkannt zu werden.

IOM - Migrationsmanagment wirtschaftlich gedacht ...


Es ist anzunehmen, dass internationale Organisationen wie IOM (International Organization for Migration) wieder Erfüllungsgehilfen dieser Art von Migrationspolitik sein werden.

IOM ist ein gutes Beispiel um neuere Strategien internationaler Migrationspolitik zu beschreiben. Die IOM wurde 1951 gegründet. Mit dieser Organisation sollte eine Gegeninstitution zum Hohen Flüchtlingsrat der Vereinten Nationen (UNHCR) geschaffen werden. Die IOM begründet ihre tätigkeit offiziell, anders als der UNHCR, nicht mit humanitären sondern wirtschaftsorientierten Prinzipien. Ihre grundlegende Politik richtet sich nicht nach dem Wohlergehen von Menschen, sondern nach Profitinteressen der Wirtschaft. Ihre Ideologie basiert auf Prinzipien von homogenen ethnischen Staaten und Konzepten von "Heimat".

Das IOM ist auf der Suche nach Flüchtlingen, MigrantInnen und anderen NomadInnen der Neuzeit. Sie unterscheiden sorgfältig zwischen nützlichen Berufen, dringend benötigten billigen Arbeitskräften und sogenannten "überflÃŒssigen Menschen". Selbstbestimmte Migration, irreguläre Grenzüberschreitungen, undokumentierte Fluchtrouten, "Sans Papiers" und ihre unterstützenden Netzwerke wurden von IOM zu öffentlichen Feinden erklärt.

Irakische Flüchtlinge werden zum allergrößten Teil wohl "heimatnah untergebracht". In Flüchtlingscamps in Syrien, Iran, Jordanien etc., umgeben von SoldatInnen und Stacheldraht. Massenflucht in den "Westen" soll auf diese Weise verhindert werden. Die Leute sollen schließlich "ihr" Land wieder aufbauen, nachdem es von US-AmerikanerInnen und BritInnen zusammengeschossen, von Saddam Hussein ausgeblutet wurde.

Schengenblicke aufklären


Flüchtlingsströme sind Realität und Effekt von Ausgrenzung aus dem politischen Feld. Progressive Migrationspolitik sollte Fragen aufwerfen wie Bewegungsfreiheit von Menschen als globales Recht anerkannt werden kann.

Ein erster Schritt ist die Information über die neuen Techniken des internationalen Migrationsregimes, die der globalen Organisationsgewalt dienen. Die klassische und einfache Abschottung und überwachung von zwischenstaatlichen Grenzen, EU-Aussengrenzen etc. wird abgelöst durch migrationspolitische maßnahmen wie die oben beschriebene "heimatnahe" Unterbringung von Flüchtlingen. Mit vorgelagerten maßnahmen wird versucht, Flüchtlingsströme schon im Keim zu ersticken. Fliehende sollen es womöglich gar nicht mehr an oder über irgendwelche Grenzen schaffen. Die maßnahmen setzen schon lange vorher an. Internationale Organisationen und NGO`s werden in staatliche maßnahmen zur Flüchtlingsabwehr schon früh eingebunden. Etwa im Aufbau von Lagern, in der Lenkung von Flüchtlingsströmen, in der präventiven Zerschlagung von Fluchtrouten und in der Bereitstellung von sozialem und wissenschaftlichem Know-How. Aktuelle Migrationspolitik versucht Kosten zu senken, kapitalistisch verwertbar, flexibel zu verfahren. für die Regierungen ist die Bezahlung von SozialarbeiterInnen vor Ort oder in "heimatnahen" Flüchtlingslagern noch immer billiger als Unterstützung von AsylwerberInnen im Land.

Ein Schwerpunkt der politischen Arbeit des internationalen noborder-Netzwerks und des VolxTheaters ist Information über und Aktionen gegen diese neueren Formen internationaler Migrationspolitik. Ein Arbeitsschwerpunkt ist dementsprechend auch die "International Organization for Migration".

3. Im Schengenblick: das Kontrollauge


Von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft - Schengenüberwachung


Von Foucault wissen wir, dass auf die Pest im Europa des 17. Jahrhundert, die Ordnung antwortete. Ein gefährliche Krankheit oder ein Virus, der die zivilisierte Menschheit bedroht, ist immer eine hinreichende Begründung für eine "lückenlose" Erfassung und überwachung des Volkskörpers. Mit atemberaubenden Tempo schreitet die Entwicklung zur überwachungs- und Kontrollgesellschaft voran.

Während Bush & Co einen funktionierenden Ersatz für den kalten Krieg gefunden haben und das Recht auf Asyl defacto verschwunden ist, werden die überwachungsschrauben in den ländern der Allianzen enger gedreht. Oftmals mit technischen Entwicklungen, die durchaus progressive Ziele verfolgten, werden Systeme aufgebaut die die Welt in einen überschaubaren Raster teilen und die darin vorkommenden Ereignisse lückenlos dokumentieren. Die Methoden moderner Kommunikationen machen schon mehr her, als die Einführung von Meldepflicht und EinwohnerInnenverzeichnis.

In Städten wie London kann bereits jetzt ein Auto durch die ganze Stadt via Monitor verfolgt werden. Das EuropäischeVersuchsmodell der überwachungsstadt? Die Aufzeichnung eines weltweiten Emailverkehrs, Erhebungen von Verhalten im Netz und daraus resultierende Werbestrategien, Netzhautscans, Biometrik und neue Tools wie SIS (Schengen Informationssystem) sind nur ein paar Stichworte die uns Entwicklungen zeigen, die auf uns zukommen werden oder bereits jetzt auf uns wirken.

Wir wollen Instrumentarien und Paranoia auch nicht überbewerten. Die Praxis zeigte bisher eher nur die völlige Unfähigkeit der Macht mit ihren eigenen Tools umzugehen. Das SIS war beispielsweise 1991 in Betrieb genommen worden, und ist kurze Zeit später wieder zusammengebrochen. Es dauerte Jahre bis die TechnikerInnen der beteiligten Firmen wieder so weit waren das System in Betrieb zu nehmen. Mit der überwachung des Emailverkehrs sieht es ganz ähnlich aus. Zwar wird große Angst davor geschört, aber wer eigentlich diese Arbeit tut, wo diese Daten gespeichert werden sollen, und wie die Auswertung funktioniert, ist immer noch ein RÀtsel. Nicht wenige Sachkundige weisen daher immer wieder darauf hin, dass es sich beim Hype von Systemen wie Echolon eigentlich in erster Linie um einen Test handelt, wie bereit die Menschen dazu sind und mit welcher Selbstverständlichkeit sie mit einem vorauseilenden Gehorsam Echolon & Co als gegeben hinnehmen.

Spektakel des Empire und Medienmanipulation


Was alles zusammenhält und gleichzeitig dividiert ist, wie der politische Künstler der Situationisten, Guy Debord, schon 1968 dargestellt hat, - "die Gesellschaft des Spektakels". Das Spektakel wird produziert durch individuelle und soziale Spieler, die mit neuer Uniformität glÀnzen. Feinde werden postuliert, ausgewechselt, analysiert, kaltgemacht. Ein anderer wichtiger Manipulationsfaktor ist das Spiel mit der Angst. Nach Negri/Hardt operiert das neue "biopolitische" Regime "Empire" mit drei Faktoren: 1. Bomben: der Krieg wird Teil einer globalen Polizeiadministration 2: Geld, verbunden mit dem Ziel der absoluten globalen Marktkontrolle, 3. Äther: globale Propaganda und Herrschaft über Kommunikation und Information.

Der Krieg 2003 zeigte die Veränderungen deutlich. CNN brachte Bilder vom "Feindsender" Al Jazeera. ORF und Tageszeitungen erklärten uns ihren Informationsnotstand und die Tatsache, dass auch sie nur über Militärpropaganda verfügen. Al Jazeera zeigte Bilder von US-SoldatInnen in Bagdad, während das irakische Regime die Anwesenheit von US-SoldatInnen in der Stadt leugnete ...

Während in früheren Kriegen das Informationsmonopol einiger großer Medienkonzerne das Bild auf unseren Fernsehern und in den üblichen Zeitungen bestimmten, hatten wir diesmal mitunter die Möglichkeit Informationen selbst miteinander vergleichen zu können. NaTürlich brachte uns das den Wahrheiten kaum näher, aber es zwang vielleicht einige Menschen zum Denken, wenn die Medienwahrheiten zunehmend fließender werden.

Bewegungsfreiheit und Kommunikation gegen Medienspektakel und kriegerische überwachungsgesellschaft

Nicht, dass es heutzutage zu wenig Kommunikation gäbe, was oft fehlt ist das
kreative Potential von artikulierten Widerständen und alternativen Konzepten: Die Schaffung positiver Kräfte und Kapazitäten von Widerstand, die in kritischen Wiederholungen wirksamer werden können.

Kommunikation, Information und Diskussion ja, aber wie sich nicht einnehmen lassen und den Stachel behalten?

Trotzdem, oder auch deshalb fordern wir Kommunikation, die Möglichkeiten von vernetzter Zusammenarbeit, Information und Gegeninformation, taktischen Einsatz von medialer Macht.

Darin liegt eine der vielen Chancen die eine technisiertere Welt anbieten kann. Wahrnehmen und konzipieren müssen wir sie selbst. Vom direkten Gespräch mit Menschen im Irak, der USA oder sonstwo auf dieser Erde mittels Chat, von der Möglichkeit für Flüchtlinge und MigrantInnen zu erträglichen finanziellen Bedingungen Kontakt mit Familien und FreundInnen aufrecht zu erhalten, vom Aufschrei einer Jugoslawischen Bevölkerung die via Internetradio aus einem Kriegsland Gegeninformationen in die ganze Welt sendete. Von all diesen Ansätzen eines progressiven Einsatzes von Technologien und Kommunikationsideen muss gesprochen werden wenn es um die Mittel der überwachung geht. Das Paradoxon ist perfekt - besonders dann, wenn das ach so friedliche Navigationssystem GPRS nur noch dafür eingesetzt wird "treffsichere Bomben" mit "höchster Präzision" in ihre Ziele zu lenken wird es unbedingt nötig für das Recht auf Kommunikation und für den Einsatz von Technologie zu schreiben.

4. Umkämpfter Schengen-gegen-blick: Das Recht auf Bewegungsfreiheit


Gegen den Krieg und seine VerursacherInnen? Gegen eine Militärische Lösung die keine Lösung ist? Gegen das irakische Regime, gegen antisemitische Politiken die den Glauben an Gott in der Erlösung von "den Juden" finden will? Gegen rassistische Verdrehungen, die die GlÀubigen einer ganze Weltreligion zur treibenden Kraft des BÃŒsen stilisiert? für die Menschen die in diesem Land leben müssen, weil international agierende Grenzregime sie gemeinsam mit der Macht im Land am Ausreisen hindern? für jedeN einzelneN SoldatIn der es gelingt diesem Krieg zu entkommen, um an dem Grauen nicht teilnehmen zu müssen? Ja, für andere Zustände, denn eigentlich ist schon lange "Schluss mit lustig", - doch das Spektakel scheint ein Ritual von Differenz und Wiederholung um die neue Form globaler Weltherrschaft zu sein.

Und doch wollen wir klare Forderungen artikulieren und uns fragen, wie es einer Europäischen Politik möglich ist die Friedensmächte zu spielen und Flüchtlingen, die aus dem Irak kommen, trotzdem die Türen zu verschließen. Daran merken wir u.a. den menschenverachtenden Zynismus der das politische Klima hier in diesem Land bestimmt.

Egal vor wem Menschen fliehen, ob im Falle des Irak vor dem mörderischen Bombenhagel der Kriegsallianz oder vor den republikanischen Garden des irakischen Regimes, sie haben ein Recht darauf, als Flüchtlinge international anerkannt zu werden. Es muss ihnen frei stehen ob sie in dieses Land zurückkehren, oder ihr Recht in Anspruch nehmen wollen in einem anderen Land zu leben.

Flüchtlinge aus dem Irak sind sofort aufzunehmen und voll zu unterstützen. Es ist ein absolutes Recht dieser Menschen selbst zu entscheiden ob sie in einen völlig zerbombten Irak zurückgehen wollen, hier bleiben oder weiterreisen wollen.

Schengenblick - Graz 2003


das Motto unserer Kulturhauptstadt Europas lautet:
For the right for Freedom of movement:

1. Die Forderung nach einer WeltbürgerInnenschaft
- the right for global citizenship
2. Kampf um ein soziales Einkommen
- the right for a social wage
3. Wiederaneignung des Wissens und der Sprache, der Produktion und Reproduktion, der körperlichkeit, des ganzen Lebens
- the right for reappropriation

Bukaka says, "another war is possible"!


Es ist notwendig eine Gegenmacht zu entwickeln, die aus 3 Elementen besteht: Widerstand, Aufstand, konstituierende Macht
Die VolxTheaterKarawane zieht weiter...