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Quellenangabe:
Einfältig und Staatstreu - Der Herr Direktor und das Recht (vom 07.11.2005),
URL: http://no-racism.net/article/1439/, besucht am 29.01.2020

[07. Nov 2005]

Einfältig und Staatstreu - Der Herr Direktor und das Recht

Am 19. Oktober 2005 wurde der Prozess gegen vier AktivistInnen des VolXtheaters zuende verhandelt.
Ein Kommentar.

Nach vier langen Verhandlungstagen, nach mehr als einem Jahr Prozessführung sprach der werte Richter sein Urteil. Schuldig, nicht im Sinne der Anklage, aber schuldig. Die Aktion war keine Amtsanmaßung aber eine Täuschung im Sinne des Gesetzes. Die Urteile selbst fielen mehr als mild aus. Ein Prozess der als besondere Groteske in die Geschichte des Bezirksgericht Lambach eingehen darf.

Als ZeugInnen wurden SchülerInnen und LehrerInnen gehört, eine Journalistin, die Vorsitzende des Festivals der Regionen, zwei Kunstsachverständige und als besonderer Leckerbissen der Herr Direktor. Die Aussagen der SchülerInnen selbst waren dabei noch am klarsten. Die jüngsten Beteiligten an der Aktion waren wohl die einzigen die auf das Spiel nicht reinfielen. So ziemlich alle erklärten in ihren Aussagen, dass sie das Theater durchschauten. Sie wunderten sich über Haare und Kleidung der angeblichen WissenschafterInnen. Sie stellten die gesamte Aktion in Frage und hielten fest: " ... Ich hab von Anfang an gedacht, dass es sich dabei um eine Theateraktion handelt, ernst genommen hab ich das nie ...".

Tja, so fit und schnelldenkend die Kinder auch waren, so unverständlich verhielt sich das Lehrpersonal. Nicht nur während der Aktion, auch im Prozess selbst schafften sie es, Aussagen zu treffen die wohl eher zu einem Disziplinarverfahren führen hätten sollen als, zu einer Verurteilung der TheateraktivistInnen. "Was waren das für Fragen die an die Kinder gestellt wurden?" "Das weiss ich nicht, ich hab nicht zugehört, ich hab inzwischen mit den anderen Kindern weitergespielt ... ". "Was passierte nach dem der Direktor in die Aula kam?", wollte der Richter weiter wissen. "Nun, das weiss ich auch nicht. Mein Dienst endete um 12.00 Uhr, das war ja schon nach 12.00." Aha, zugehört hat sie keinen Moment. Sie übergab uns die Klassenliste und damit war ihre Pflichterfüllung auch schon getan, und mit dem Ende der Dienstzeit sind die SchülerInnen gleich ganz allein. Die "Schulfremden Personen" sind zwar noch anwesend, und wir müssen sie auch verklagen, aber die werte Frau Professor hat das nicht mehr interessiert. Ihr Dienst endete an diesem Tag ja um 12.00 Uhr. Andere Lehrkörper haben das Spiel sehr wohl durchschaut. " ... Ich hab mitgespielt und die Theaterleute aus dem Raum geworfen. ... wir hatten ja gerade einen Workshop ... ". Im gleichen Raum, so will uns die Staatsanwältiin in ihrem Schlussplädoyer weismachen, wurden Kinder verängstigt und beinahe missbraucht. Und dieser Lehrer hat das einfach mitangesehen? Dem wurde nicht bewusst, was hier mit seinen armen Kinderchens passiert? Ach ja er war gar nicht allein. Es war noch eine zweite Lehrerin im Raum. Der ist das auch nicht aufgefallen. " ... Die Kinder haben gelacht ...", sagt sie aus. "... Sie haben sich amüsiert ...".

Ein besonderer Leckerbissen war jedoch die dümmliche Kühnheit des werten Herrn Direktor. Mit richtiger Begeisterung hüpfte er während der Aktion und auch später im Prozess von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen. Bereits in seiner ersten Aussage, am ersten Prozesstag war er der Lacherfolg des Tages. Zu Beginn der Aktion gingen zwei VolXtheatermenschen in seine Kanzlei um ihn über die Aktion zu informieren. Ganz theatralisch natürlich. Es wurde ihm ein Schreiben vorgelegt, dass kurz zuvor stümperhaft hergestellt worden war. Es war eigentlich ein anderer Text, der einfach mit schwarzem Markerstift ein wenig umgestaltet wurde. Am Kopf des Schreibens fand sich eine äusserst schlechte Kopie des Staatswappens. Als Stempel diente eine Zwei-Euro Münze. Unterschrieben war das Papier, dass quasi den Befehl zur Biometrischen Datenerfassung enthielt, von einer Richterin namens Iris Scanner. Den Direktor hielt das alles nicht davon ab, an die Echtheit der Aktion zu glauben. Erst als ihm die Staatsanwältin das Papier erneut vorlegte und ihn nochmal fragte ob er das tatsächlich für glaubwürdig hielt musste er eingestehen, dass selbständiges Denken nicht zu seinen grossen Fähigkeiten zählt. Wir wären "absolut Glaubhaft" gewesen und hätten durch unser Auftreten alles getan um ihn davon zu überzeugen, dass es sich hier tatsächlich um eine Aktion des Amtes für biometrische Datenerfassung handle. Weder die schlechten Requisiten noch die Ausweisschilder mit Sonnenbrillen konnten daran rütteln. Der Direktor glaubte, was ihm vom scheinbar existierenden Amt diktiert wurde und er gefiel sich noch dazu dabei.

Weniger gefiel ihm jedoch die Art wie er von der Staatsanwältin befragt wurde. Er fühlte sich in seiner Funktion als Kronzeuge der Anklage nicht bestätigt. Natürlich sie hatte ihn auch ziemlich bloß gestellt. Sie fragte ihn, ob ihm denn nicht aufgefallen sei, dass hier von einem Paragraphen 00 geschrieben werde. Und weil er darauf wieder nicht antworten konnte fügte sie hinzu: "Selbst einem Nichtjuristen wie ihnen müsste es doch bekannt sein, dass es einen Paragraphen 00 nicht geben kann". Das musste Folgen haben wie wir am letzten Verhandlungstag bei einer weiteren Einvernahme des Direktors mit staunenden Ohren verfolgen durften. Weil die Staatsanwältin unangenehme Fragen gestellt hatte, schrieb ihr der Direktor einen persönlichen Brief. Er wollte sie darauf aufmerksam machen, dass er ein Zeuge der Anklage sei und wohl mit gebührenden Respekt von ihr behandelt werden wollte. Dass das im Sinne eines bürgerlichen Gerichts nicht im geringsten zu ihren Aufgabe zählt war ihm einfach nicht bekannt. Muss es ja auch nicht, was weiss schon ein Schuldirektor.

Ein Resumee ist schwer, vielleicht dieses: Wenn ich um unser schlechtes Auftreten nicht selbst Bescheid wüsste, wenn ich nicht wüsste, dass Requisiten wie der Irisscanner aus einer schwarzen Schachtel und einer aufgeklebten Taschenlampe bestanden, wenn ich nicht dabei gewesen wäre, wie den SchülerInnen völlig irrelevante Fragen gestellt wurden ... Wenn ich das alles nicht selbst gesehen hätte, dann würde ich wohl davon ausgehen, dass diese Aktion hervorragend geplant und durchgeführt wurde. Tja, so ist es aber nicht, und bis heute frag ich mich wie es ein derartiges Maß an Machtgläubigkeit, vorauseilendem Gehorsam und einfacher Dummheit geben kann, an einer Schule, unter den Lehrkräften.

In seiner letzten Aussage bringt es der Herr Direktor noch einmal auf den Punkt. "Diese Leute haben unsere Einfältigkeit und unser Staatstreue ausgenützt". Ja Herr Direktor das haben wir getan, sie haben zwei Jahre gebraucht um das auch nur halbwegs verstehen zu können und nun wären sie gut beraten darüber nochmal in aller Stille nachzudenken.

ein angeklagter