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Quellenangabe:
OPERATION SPRING - Fatale Stille rund um den 7. Jahrestag (vom 22.05.2006),
URL: http://no-racism.net/article/1690/, besucht am 15.08.2022

[22. May 2006]

OPERATION SPRING - Fatale Stille rund um den 7. Jahrestag

Ruhig ist es geworden rund um die "Operation Spring" - nach Meinung der FilmemacherInnen Tristan Sindelgruber und Angelika Schusten allzu ruhig.

Aussendung von Tristan Sindelgruber und Angelika Schuster


22.05.2006 - Neuigkeiten rund um OPERATION SPRING:

Wir sprechen jetzt nicht von unserem Film. Der ist nach wie vor immer wieder im Kino zu sehen, wird in Sommerkinos präsent sein, hat zuletzt eine Dokumentarfilmwoche in Hamburg eröffnet und einen Preis in Prag erhalten. Zudem haben ihn hierzulande bislang mehr als 13.000 Menschen im Kino gesehen und im Oktober wird er auf DVD erscheinen.

Doch wie gesagt, darum geht es an dieser Stelle nicht.

Es geht um die Stille und das Schweigen der offiziellen Stellen nach all der Aufgeregtheit und Betroffenheit im Herbst 2005, nachdem der Film die "Operation Spring" erneut thematisierte.

Vor sieben Jahren, am 27. Mai 1999, fand die Polizeiaktion "Operation Spring" statt. Für uns ein Anlass, eine Zwischenbilanz zu ziehen und Fragen zu stellen.

Was hat sich getan, nachdem sich die Aufregung rund um unseren Dokumentarfilm OPERATION SPRING gelegt hat, der nach Meinung vieler Medien einen "Polizei- und Justizskandal" aufzeigt? Welchen offiziellen Stellen und Personen ist der Film bislang bekannt? Vielleicht sollten wir besser fragen, wer ihn noch nicht kennt. Wie viele Anwälte haben den Film gesehen, wie viele Richter und Staatsanwälte? Wie viele Abgeordnete, Beamte des Innenministeriums und Beamte des Justizministeriums - wo nach wie vor eine DVD des Films liegt? Abseits der Mikrofone und Kameras zeigten sich Beamte, Zuständige aus allen Bereichen erschüttert, erzählten weitere Details und Unfassbarkeiten. Doch niemand will die Verantwortung übernehmen und sich der "Operation Spring" erneut und nachhaltig annehmen.

Das Justizministerium?

Wartet offiziell nach wie vor auf den Abschluss des letzten offenen Verfahrens. In diesem Verfahren wurde zwar Ende Dezember 2005 ein Urteil gefällt, doch bis zum heutigen Tag wurde dieses dem Anwalt noch nicht einmal zugestellt. Somit ist es ihm bzw. dem Angeklagten bis heute auch nicht möglich gewesen, Berufung einzulegen. So gesehen hat das Justizministerium wohl noch ein paar Jahre Zeit.

Das Innenministerium?

Das Innenministerium wurde bei der Premiere des Films im September 2005 von Hofrat Ernst Geiger vertreten, der danach für eine Stellungnahme für Medien nicht erreichbar war. Und auch in weiterer Folge hatten wir den Eindruck, dass das Innenministerium sich weit zurücklehnte, so weit, dass es nach Möglichkeit niemand sehen und nachhaken sollte.

Die NGO´s?

Viele NGO´s, darunter Amnesty International und SOS-Mitmensch, sowie engagierte Einzelpersonen und Gruppen haben im Herbst massiv Druck ausgeübt, dass die Operation Spring-Verfahren wieder neu aufgerollt werden sollen. Sie alle haben den Druck mitaufgebaut, der überhaupt erst dazu führte, dass sich offizielle Stellen zu dem Thema äußern mussten. Sie alle haben sich aber Tag für Tag mit den Auswirkungen von
Fremdenfeindlichkeit und der permanenten Verstöße gegen Menschenrechte auseinander zu setzen. Sie schaffen es oft nicht, über Monate an einer Geschichte dran zu bleiben und ihr immer wieder öffentliches Gehör und Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Die Betroffenen?

Was ist aus ihnen geworden? Wie viele von ihnen sind noch in Haft? Wie viele wurden nach dem Absitzen ihrer Haftstrafe in Schubhaft genommen? Wie viele von ihnen wurden bereits abgeschoben, obwohl massive Zweifel im Raum stehen, dass ihnen das Recht auf ein faires Verfahren tatsächlich gewährt wurde?

Wen kümmert es?

Was wir hierzulande und nicht nur in diesem Fall erleben, ist als ein System der kollektiven und systematischen Verantwortungslosigkeit zu lesen. Alle sehen und wissen, dass Unrecht geschah und geschieht, doch niemand übernimmt die Verantwortung.

Und wir selbst?

Der Wiener Rechtsanwalt Alfred J. Noll schrieb im Spectrum vom 01.10.2005 der Tageszeitung "Die Presse" über unseren Film: "Vielleicht stimmt, was Hegel notierte: 'Originelle ganz wunderbare Werke in der Bildung gleichen einer Bombe, die in eine faule Stadt fällt, worin alles beim Bier sitzt und höchst weise ist und nicht fühlt, dass ihr plattes Wohlsein eben das Krachen des Donners herbeigeführt.' Sicher ist das nicht." Nun denn, vielleicht werden nun auch wir uns zum Bier setzen und durch unser plattes Wohlsein das Krachen des Donners herbei führen.
Darauf stoßen wir an - Prost!