no-racism.net Druckversion

Quellenangabe:
Zu Gast bei Freunden? Von wegen! (vom 08.07.2006),
URL: http://no-racism.net/article/1745/, besucht am 12.08.2020

[08. Jul 2006]

Zu Gast bei Freunden? Von wegen!

Die Teams aus Ghana und Nigeria dürfen nicht zur WM im Streetfootball nach Deutschland einreisen. Die deutschen Behörden bescheinigten den jugendlichen Fußballern eine "mangelnde Rückkehrwilligkeit" und verweigerten die Ausstellung der Visa.

Mit einem Pfeifkonzert und einer "Roten Karte" war der deutsche Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier zur Eröffnung der 1. Streetfootball-WM in Berlin am Sonntag den 02.07.06 im Rahmen des WM-Kulturprogramms begrüßt worden. Viele hofften noch tagelang auf ein Nachgeben der Bundesregierung. Doch das Auswärtige Amt blieb trotz aller Proteste und der in diesen Tagen penetrant gelobten deutschen Gastfreundschaft hart.

Zwei Teams aus der ghana­ischen Hauptstadt Accra und der nigerianischen Hauptstadt Lagos durften nicht zur Weltmeisterschaft der Straßenfußballteams nach Deutschland einreisen. Die deutschen Botschaften bescheinigten den jugendlichen FußballerInnen eine "mangelnde Rückkehrwilligkeit". Offenbar hatten sie in den Gesprächen mit den Diplomaten zu freimütig von einer Karriere als ProfifußballerInnen geträumt.

Auch der Versuch eines 17 Jahre alten Spielers aus Ghana, der bereits seit Jahren in Deutschland lebt, ersatzweise eine Manschaft mit ebenfalls in Deutschland lebenden FreundInnen zusammen zu stellen scheiterte. Nachdem der Spieler dem Anmeldekomitee sein Anliegen, jetzt doch noch eine ghanaische Mannschaft ins Spiel zu bringen, vorgetragen hat, zeigte man sich auf Seiten der OrganisatorInnen skeptisch. Nach ein paar Telefonaten und Überlegungen kam als Antwort ein klares "Nein".

So begann die erste Weltmeisterschaft im Straßenfußball auf dem Kreuzberger Mariannenplatz am vergangenen Sonntag mit 22 statt 24 Teams aus allen fünf Kontinenten. "Die Lücken im Spielplan werden nicht gefüllt, stattdessen laufen Clips und Bilder aus den beiden Projekten auf der Großbildleinwand im Stadion", sagte der Geschäftsführer von Streetfootballworld, Jürgen Griesbeck der Jungle World. Die Lücke im Turnier wird also deutlich bleiben und an Stelle der geplanten Spiele u.a. ein Film über Ghanas Straßenfußball laufen.

Je zwölf Minuten lang spielen die aus fünf Spielerinnen und Spielern bestehenden Teams auf dem nur 15 mal 25 Meter großen Bolzplatz gegeneinander. Männer und Frauen spielen zusammen, ohne SchiedsrichterIn, die Spielregeln werden vor jedem Match neu ausgehandelt. Mit dabei ist unter anderem das Team »fx united« aus mehreren Jugendzentren in Friedrichshain-Kreuzberg und ein israelisch-palästinensisches »Peace Team«. Weitere Gäste reisten aus dem Senegal, aus Kenia, Ruanda, Argentinien und sogar aus Afghanistan an.

Nach sechs Tagen wird am kommenden Samstagabend feststehen, welches der Teams den begehrten "Copa Andrés Escobar" mit nach Hause nehmen darf. Der Pokal erinnert an den kolumbianischen Fußballnationalspieler, der vor 14 Jahren auf offener Straße von Unbekannten ermordet wurde, weil er bei der Weltmeisterschaft 1994 im Spiel gegen die USA ein Eigentor geschossen hatte. Unter dem Eindruck dieses Mordes entwickelte Jürgen Griesbeck, damals Gastdozent für Sportsoziologie an der Universität von Medellín, der Stadt, aus der Andrés Escobar kam, das Streetfootball-Projekt. Ihm geht es darum zu zeigen, dass "Fußball die Menschen von Hass, Einsamkeit und Verzweiflung wegbringt und zu Respekt und Fairplay führt".

Millionen von Euro steckte die Fifa in dieses und ähnliche Projekte, die als kulturelles Begleitprogramm zur Männer-Fußballweltmeisterschaft dienen. Sogar die Ausstellung "BallArbeit" über Fußball und Migration und die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen der Profifußballer zwischen "Menschenhandel und Plünderei" finanziert der Weltfußballverband mit.

Die Fifa und der Deutsche Fußballbund haben sich offiziell dem Kampf gegen den Rassismus in den Stadien verschrieben. Ab Herbst sollen Schieds­­richter auch in Deutschland eine Partie abpfeifen dürfen, falls es zu rassistischen Ausschreitungen kommt.

Den FußballerInnen in Accra und Lagos nützt das alles jedoch wenig. Vielleicht haben sie in vier Jahren mehr Glück. Die nächste Weltmeisterschaft im Straßenfußball soll wieder gleichzeitig mit der großen Fußballweltmeisterschaft in Südafrika stattfinden.

Quellen:
Jungle World
ARD