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Quellenangabe:
'Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört' - Am Beispiel Niger Delta (Nigeria) (vom 21.05.2007),
URL: http://no-racism.net/article/2092/, besucht am 01.03.2024

[21. May 2007]

'Wir sind hier, weil ihr unsere Länder zerstört' - Am Beispiel Niger Delta (Nigeria)

Afrika ist ein Kontinent, der aus Nationalstaaten besteht, die ursprünglich von den europäischen Kolonialherren geschaffen wurden, hauptsächlich oder besser ausschließlich um ihre kommerziellen und wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen.

Dies geschah, als 1884 während der :: Berliner Konferenz die europäischen Mächte zusammenkamen, um den afrikanischen Kontinent willkürlich in einzelne Gebiete (die sie Nationen nannten) entlang von Grenzen aufzuteilen, die durch Flüsse oder andere mögliche Linien gekennzeichnet waren. Indem sie so vorgingen, befanden sich Menschen einer ethnischen oder kulturellen Gruppe innerhalb der gleichen Grenzen wie Menschen anderer Ethnien oder Kulturen. Kein Gedanke wurde über die möglichen Konsequenzen verschwendet, die uns heute bekannt sind - Konflikte, Kriege, Massenmorde, Massenvernichtungen, Vergewaltigungen, Unterdrückung und so fort. Die fortwährenden und endlosen Konflikte von sehr makabrer Natur, die wir heute unter der afrikanischen Bevölkerung sehen, kann man bis zur Berliner Konferenz zurückverfolgen. Menschen wurden willkürlich getrennt und gewaltsam unter die jeweiligen europäischen Mächte unterworfen; alte afrikanische Königreiche oder Regentschaften wurden durch diese neuen Strukturen zerstört. Unterschiedliche afrikanische Kulturen wurden deshalb gezwungen, unter einem Dach zu leben, sozusagen.

Als der :: "Wind der Veränderung" ("wind of change") durch das Afrika der 1960er Jahre wehte, erlangten viele afrikanische Nationen ihre Unabhängigkeit von den Kolonialherren. Man kann feststellen, dass die Basis der Unabhängigkeit der afrikanischen Nationalstaaten darin bestand, die Wünsche und Forderungen ihrer kolonialen Herren auf dem wirtschaftlichen und kommerziellen Sektor zufrieden zu stellen. So geschah es, dass Einzelpersonen oder Gruppen von Leuten, die als eine Bedrohung galten oder immer noch gelten, rücksichtslos ausgeschaltet oder vernichtet werden. Diese Methode nahm unterschiedliche Formen in unterschiedlichen Gebieten auf dem afrikanischen Kontinent an. Diese Tatsachen wurden selbst von Europäern bestätigt - (Ref. "Der Spiegel" vom 19. März 2007. Darin sagt James McAvoy (28), Gewinner des Oscar-Preisträger-Films ":: Der letzte König von Schottland": "Wir haben uns in Afrika hundert Jahre eingemischt; wir haben diesen Kontinent zugrunde gerichtet." (Mit "Wir" sind europäische Mächte gemeint!)

Die Tatsache, dass Afrikaner afrikanische Menschen in unabhängigen afrikanischen Staaten regieren, in denen die Interessen der Europäer bedient werden, zeigt die Tendenz, diejenigen Regierungen zu stärken, die mit schwächeren kleinen Stämmen durch Gewalt und Rechtswidrigkeiten zum Zweck der Versklavung und Vernichtung, fertig werden. Welch namenloses Leiden und Tod diese Tendenz den Afrikanern gebracht hat, kann man nur erahnen.

:: Nigeria ist ein gutes Beispiel. Mehr als 250 Millionen Menschen von unterschied­lichen Kulturen und Sprachen wurden von den Engländern unter ein Dach als Nation gebracht, und ganz allein auf der Grundlage der gleichen Hautfarbe. Dies geschah 1914, als die nördlichen und die südlichen Protektorate unter eine gemeinsame autoritäre Herrschaft unter Lord Lugard, dem damaligen General Gouverneur, gebracht wurde.

Nach der Unabhängigkeit 1960 übernahm eine Elitegruppe die Herrschaft über das Land und die bitteren und schwerwiegenden Unterschiede waren zu auffällig, als dass man sie hätte ignorieren können. Die Hauptakteure in der politischen Szene, die von den drei größten Stämmen kamen, nämlich :: Hausa-Fulani, :: Yoruba und :: Igbo, wurden ganz offen geteilt, eine Teilung, die durch Mitglieder des Beamtentums und des Militärs ging. Dies führte zu einer Situation, in der man sich gegenseitig an die Kehle ging, der :: blutige Bürgerkrieg, in dem ungefähr eine Millionen Menschen getötet wurden, war das Ergebnis.

Die Ölförderung warf den ersten Schatten auf den Bürgerkrieg. Das Öl wurde 1958 in der Gegend des :: Niger Delta in Nigeria entdeckt. Kurz nach der Unabhängigkeit wuchs die Ölförderung sprunghaft. Um Kontrolle über die Ölförderung zu erlangen, einigten sich die militärischen Führer, zu den Gewehren zu greifen. Ein Militärdiktator nach dem anderen, und hauptsächlich vom Stamm der Hausa-Fulani, übernahm gewaltsam die Macht über das Land.

Diese Militärdiktatoren waren nichts weiter als Banditen, die von großen westlichen Ölkonzernen begleitet wurden, nämlich Shell, und deren Hauptziel war es, den öffentlichen Staatsschatz zu plündern, mit der Folge, dass jeder Militäroffizier ein Millionär wurde. Dafür, dass die Diktatoren keine formelle nennenswerte Erziehung genossen hatten, um die enormen Staatspflichten zu meistern, suchten sie sich handverlesene Persönlichkeiten zu ihrer Unterstützung. Gemeinsam plünderten sie dann das Staatsvermögen. Die nigerianische Oberschicht, die nicht bereit war zu arbeiten, aber sich mit dem freien Fluss des Öl-Geldes, das zu ihnen strömte, zufrieden zeigten, unterstützten sie ebenfalls.

Sie überführten ihre Beute von Hunderten von Milliarden von Dollars in ausländische Banken, ohne sich über eine Investition in Nigeria Gedanken zu machen, so dass junge Leute davon profitieren könnten, indem sie Arbeit finden.

Das Militär hatte und hat den Menschen von Nigeria nichts anzubieten außer Gewalt und Tod. Durch Androhung von Gewalt machten sie die Bevölkerung blind und so war und ist es möglich, die unterschiedlichen Stämme als eine Nation zusammen zu halten. Unter diesen Umständen erlitten die Interessen der Minderheiten, besonders in der Niger-Delta-Region, unerträgliches Elend. Die Leiden und die Getöteten in Nigerias Niger-Delta sind hier von besonderem Interesse. Der Öl-Raubbau, der im Niger-Delta durchgeführt wird, verwandelte die gesamte Region in eine hoffnungslose Wüste und bedauernswerte Hoffnungslosigkeit.

Als Ergebnis des Öl-Raubbaus wurde Land, besonders Ackerland, Flüsse und Bäche vollständig und irreversibel durch das Öl verseucht, die Luft ist mit Methan, Kohlenmonoxyd und Kohlendioxyd (CO²) verpestet, das durch das Gas entsteht, welches 24 Stunden täglich seit ungefähr 50 Jahren fortwährend ausgestoßen wird, und dies ganz in der Nähe von Wohngebieten.

Saurer Regen, undichte Öl-Pipelines und Öl-Verpuffung hier lassen das Niger-Delta in vollständiger Wüstenei. Hochdruckpipelines durchqueren die Landschaft und ökonomisch nützliche Gegenden des Landes.

Das Ergebnis dieser unkontrollierten Umweltzerstörung und Verseuchung ist die vollständige Zerstörung des Ökosystems des Niger-Deltas. Flora und Fauna sind tot. Mangrovenwälder sterben aus und Nypa-Palmen sind unwiederbringlich angegriffen. Der Regenwald fällt der zerstörerischen Axt der Ölfirmen zum Opfer, Leben von Wildtieren ist verschwunden, die Fische sind alle tot, Farmland kann nicht länger bebaut werden, da der Ertrag der Feldfrüchte sehr mäßig ist, oder gar keine Früchte wegen des sauren Regens mehr wachsen. Frische Luft ist nur etwas aus der Vergangenheit. Ernten werden zerstört, ohne eine Kompensation dafür zu erhalten.

Nun sind die Menschen im Niger-Delta hauptsächlich Fischer und Bauern. Das bringt die Tatsache mit sich, dass die :: Umweltzerstörung Millionen von Bauern und Fischern aus ihren Jobs vertrieb und vertreibt - verseuchter Boden, tote Fische. Daraus ergibt sich, dass Männer nicht länger ihre Frauen und Kinder ernähren können, geschweige denn, sie in die Schule zu schicken.

Zusätzlich zu alle dem werden die Menschen im Niger-Delta auch politisch unterdrückt und ihrer Rechte beraubt, sogar der Rechte über ihr Land und ihrer Rechte auf Überleben. Trotz des Ölreichtums der Region leben die Menschen im Niger-Delta unter sehr primitiven und rückwärtsgewandten Bedingungen. Sie leben in heruntergekommenen Hütten, in einer Moskito-verseuchten Umgebung ohne Elektrizität, trinkbarem Wasser, ohne Krankenhäuser, feste Häuser und ohne Schulen. Sie sind wie Sklaven in Mitten ihres gottgegebenen Reichtums.

Seit über 50 Jahren gibt es schreckliche Fälle von Auftrags-Attentaten, Morden, Verschwinden lassen und Gefangennahme von Menschen, die es gewagt haben, für die Rechte der Menschen zu kämpfen. Der wohl berühmteste und vielleicht der bekannteste ist :: Ken Saro-Wiwa, der 1965 ein Lehrer des Autors dieses Artikels war - im Stella Maris College in Port Harcourt. Kurz gesagt, wenn irgend jemand seinen Finger in Protest erhebt, wird sein Kopf abgeschlagen.

Der Platz reicht nicht aus, um die vollständige Liste des Leids, das die Menschen im Niger-Delta für so lange Zeit ertragen mussten. Aber es ist genug um nur ein paar hier zu erwähnen. Eine Folge der Armut ist, dass einige Leute sich aufmachen um aus geplatzten Öl-Pipelines Öl abzuzapfen, um das Öl zu verkaufen und unglücklicherweise haben die meisten dadurch ihr Leben wegen des Feuers durch Explosionen verloren. In einer kleinen Stadt namens Apawar (ungefähr 2000 EinwohnerInnen) starb mehr als die Hälfte der BewohnerInnen durch Feuer, das bei geborstenen Pipelines entstand. Am 12. Juli 2000 verbrannten in der Stadt mit Namen Adeje bei lebendigem Leib 250 Menschen auf die selbe Weise und 497 BewohnerInnen wurden wegen ernsthafter Verbrennungen behandelt, von denen später 97 starben. Oder, am 20. November 1999 protestierten Jugendliche vom Stamm der Ijow und töteten zwei Polizisten in einer Stadt namens Odi (25.000 EinwohnerInnen). Als Antwort auf dieses Ereignis sandte das :: Obasanjo-Regime eine mobile Polizeitruppe und Militärpanzer. Sie hinterließen eine Spur von vielen Toten, selbst Frauen und Kinder, und machten alle Häuser platt. Die Regierung verhinderte, dass ausländische JournalistInnen zum Tatort kamen und erlaubten ihnen nicht, verwundete Soldaten in den Krankenhäusern in Port Harcourt zu interviewen.

Am 11. April 2000 protestierten in K-Dere die EinwohnerInnen dagegen, dass eine Straße auf Gemeindeeigentum gebaut werden sollte. Bei dieser Gelegenheit wurde ein Junge mit Namen Barimadua Jungle Obarako erschossen, 5 weitere starben später. Häuser wurden niedergebrannt, weil ein Polizeiinspektor verwundet war. Einige Ogonis wurden festgenommen und im Gefängnis misshandelt. Ungefähr im März 2007 kidnappten Jugendliche im Niger-Delta eine Gruppe von philippinischen Seeleuten und hielten sie als Geiseln für einige Zeit, nur um die Aufmerksamkeit in der Weltgemeinschaft wegen der Situation der Menschen
im Niger-Delta zu erregen.

Wir fordern:


"Mwalimu", ein Flüchtling aus Nigeria

Dieser Text erschien zuerst am 14. Mai 2007 auf :: carava.net.