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Quellenangabe:
No Border Camp Ukraine - ein Rückblick (vom 23.08.2007),
URL: http://no-racism.net/article/2239/, besucht am 23.05.2024

[23. Aug 2007]

No Border Camp Ukraine - ein Rückblick

Vom 10. bis 20. August 2007 kamen 300 Leute aus ungefähr 15 verschiedenen Ländern in die Nähe von Uzhgorod nahe der slowakisch - ukrainischen Grenze. Die Region Transkarpatien ist ein wirklich interessanter Ort fuer ein solches Camp, da sich hier die Verlagerung der Politik der Abschirmung und des "Managments" von Migration an und über die Grenzen Europas zeigt.

Erst zwei Tage vor Beginn des Camps wurde entschieden trotz Trinkwasser- und Elektrizitäts-Problemen den am Fluss gelegenen Platz zu nutzen. So war in den ersten Tagen die Infrastruktur noch etwas provisorisch. Ein erster interessanter Workshop war ein Länderbericht über die Migrations- und Flüchtlingspolitik in den verschiedenen Ländern.

Während tagsueber weitere Workshops stattfanden fuhren Samstag und Sonntag abend jeweils zwei Busse voller Leute vom Camp nach Uzhgorod, wo ein von Leuten aus dem Camp organisiertes No-Border-Festival organisiert war. Es gab Konzerte auf dem Hauptplatz der Innenstadt. Viele Leute blieben stehen und die Stimmung war richtig gut. Durch die Redebeiträge und die Kein-Mensch-ist-illegal-Sprüche auf der fest installierten Videoleinwand, auf der ansonsten Sony-Werbung läuft, war die Message ziemlich klar. Je später es wurde, desto mehr Leute tanzten und mit "No Border - No Nation - Stop Deportation" Slogans ging es dann wieder zu den Bussen zurück ins Camp. Eine weitere Veranstaltung im Rahmen des No-Border-Festivals in der Stadt im Verlauf der Woche war eine Podiumsdiskussion im Puppentheater von Uzhgorod.

Es fanden während des Camps viele Workshops zu migrationspolitischen Themen statt, wie European Neighbourhood Policy, Migration und Workers-movement, Internal Racism und Nationalism, das ukrainische Migrationsregime, das nahe Internierungslager in Pavshino, über die kommenden No-Border Camps in England oder an der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze, über das Dublin II Abkommen und weitere.

Neben diesen Themen und einem Treffen unterschiedlicher Food-Not-Bombs Gruppen fanden natürlich auch Workshops zu anderen Themen statt, so zum Beispiel Trampen in Osteuropa, Kommunikationsnetzwerke in Russland, Indymedia in Osteuropa, Anti-/Repression, Squatting, Anarco-feminism, Theater of the oppressed, Domination over Children, Capitalism is not a Conspiracy über Antideutsche, kritischer Blick auf Aktivismus, über PGA und so weiter.

Anstrengend as usual und teilweise ziemlich kontrovers und zum Teil auch ganz schön skuril waren die Morgenplena und es zeigten sich doch ziemlich unterschiedliche Herangehensweisen und Rahmenbedingungen für ein solches Camp. (Da mir das auszuführen im Internetkaffee im Moment zu kompliziert wird, lasse ich die Reibungslinien grade erst mal weg, nur mal soviel: Diskussion der Polizei Essen zu geben, die von Amnesty International nach dem Nazi-Überfall anfang des Monats auf das Camp in Sibirien zum Schutz des Camps angeordnet wurde, Menschen in Militärlook von denen einer irgendwann nachts auch mal jemanden mit dem Messer bedrohte, komische Verhandlungen mit Nationalisten, die bei einem Kongress Bedingungen für uns aufstellten, damit sie uns nicht angreifen (eine Bedingung: die schwarz-roten Fahnen abzuhängen, weil das ihre Farben sind - was natürlich nicht passiert ist, ...).


Am Mittwoch gab es in dem Hangar auf dem Camp-Platz ein paar lustige Konzerte, jede Menge Vodka, Stage-Diving und andere Pogo-Spielchen.
Ausgehend von einem ziemlich eindrücklichen Workshop über die Situation im nahe gelegenen detention center in Pavshino wurden für den 17. August ziemlich spontan zwei parallel stattfindende Aktionen geplant. Ein Teil der AktivistInnen fuhr nach Pavshino, andere zogen ausgehend vom Migrations-Büro durch Uzhgorod.

30 bis 40 Leute fuhren also zum militärisch gesicherten und tief im Wald gelegenen Gefangenenlager. Hier sind Männer eingesperrt, die beim Versuch über die Grenze zu kommen festgenommen werden, oder von der Slovakei zurückgeschickt werden. Das Lager ist vollkommen überfüllt, genau wie die Toiletten, es gibt kaum sauberes Wasser und die Situation dort ist wirklich ein Desaster und ist beispielhaft für die Unmenschlichkeit und Brutalität des (europäischen und ausgelagerten) Grenzregiems. Vor dem Tor wurden Parolen gerufen, Lärm gemacht und Transparente entrollt. Einige Gefangene kamen an die Fenster und vor die Baracken und winkten.

Als die Boarder Guards mit der Polizei drohten, machten sich die AktivistInnen wieder auf den Weg, um Repression innerhalb des Camps zu vermeiden. Etwas später als diese Gruppe aber dennoch am Morgen machten sich über hundert Leute aus dem Camp auf in die Grenzstadt nach Uzhgorod. Einige Leute verteilten Flyer in dem Bürogebäude, in dem unter anderem auch das Migrations-Büro ist. Von aussen wurden Parolen gerufen und Transparente machten auf die Forderungen aufmerksam. Die Fahne der Ukraine wurde über dem Eingang durch eine schwarz-rote ersetzt und auch vom Dach aus wehte später eine. Sprüche verschönerten die Fassade. Danach zog die Demo weiter zum Regierungsgebäude und auf dem Weg wurden hunderte von Flyern an BürgerInnen verteilt. In der Stadt angekommen zogen alle spontan und lautstark durch die Strassen.

Die letzten Tage des Camps wurden dann zwar leider von der Sicherheitslage bisschen zu sehr dominiert, wegen einem Fussballspiel in Uzhgorod mit Nazifans und den oben erwähnten Nationalisten (die irgendwie keine Nazis sein sollen).

Trotz Schwierigkeiten und Widersprüchen bot das Camp Raum für viele Diskussionen, Kennenlernen und Austausch zwischen AktivistInnen aus Ost- und Westeuropa. Auch wenn aus dem Camp heraus falls ich mich nicht täusche nicht so viel Perspektive oder konkrete Kampagnen entstanden sind, so machen doch die vielen ausgetauschten Adressen und das 'Wann sehen wir uns wieder' Hoffnung. Zumindest wurde über das bisher im stillen gehaltene Pavshino etwas Öffentlichkeit geschaffen (leider weniger für das Lager für Frauen in der Stadt Mukachevo) und der Kampf gegen Grenzen, Lager, Rassismus und diese ganze Scheisse wird hoffentlich von den TeilnehmerInnen des Camps und vielen anderen weitergetragen. Ein Gruss in diesem Sinne an das No-Border Camp in England und an der Grenze zu Mexiko und ein "No Border No Nation Stop Deportation - No Nation No Border Fight Law and Order" an alle.



Anmerkung: Interessant aus österreichischer Sicht ist, dass das Detention Center in Pavshino vom österreichischen Innenministerium gemeinsam mit dem britischen Home Office gegründet wurde. Die Caritas Österreich ist an der Leitung des Camps führend beteiligt.


Der Text wurde zuerst am 22.08.2007 auf www.de.indymedia.org publiziert, bearbeitet von no-racism.net