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Quellenangabe:
Stadterforschung 4 - Zentralfriedhof, 15.03.2008 (vom 04.03.2008),
URL: http://no-racism.net/article/2451/, besucht am 23.10.2019

[04. Mar 2008]

Stadterforschung 4 - Zentralfriedhof, 15.03.2008

Zu Fuß wollen wir uns auf eine Forschungsreise durch den Wiener Zentralfriedhof und den angrenzenden Urnenhain begeben.

Samstag, 15.03.2008 (bei Regen: Sonntag, 16.03.2008)
Treffpunkt:
13:00 Uhr - Zentralfriedhof, Tor 1

(erreichbar mit den Straßenbahnlinien 71 und 6)

Flächenmäßig ist die 2,5 Quadratkilometer große Totenstadt die zweitgrößte Europas, was die Zahl der beigesetzten Leichen betrifft die mit Abstand größte. Wir wollen den Zentralfriedhof nicht aus der touristischen Perspektive einer Besichtigung diverser Prominenten-Gräber besuchen - interessant ist vielmehr, was die Stadt der Toten über Geschichte und Gegenwart der Lebenden aussagt. Denn gerade wenn es um den Umgang mit den Toten, der Art ihrer Bestattung und der Form des Gedenkens an sie geht, wurden und werden beständig gesellschaftliche Konflikte ausgefochten.

Den interkonfessionelle Charakter, den der Zentralfriedhof haben sollte, nahm die katholische Kirche bereits vor der Eröffnung im Jahr 1874 als Bedrohung für ihre Vormachtstellung im Bestattungswesen wahr. Die Tatsache, dass auf dem Zentralfriedhof auch eine israelitische Abteilung eingerichtet werden sollte, wurde von christlichen Kreisen zur antisemitischen Stimmungsmache genutzt.

Es soll auch nicht unerwähnt bleiben, dass einer der bekanntesten (und noch heute beliebtesten) Antisemiten Wiens, der ehemalige Bürgermeister Karl Lueger, auf dem Zentralfriedhof begraben ist. Seine Ruhestätte befindet sich unterhalb der alles überragenden und später nach ihm benannten Dr.-Karl-Lueger-Gedächtniskirche und bildet neben der Präsidentenkruft quasi das Zentrum der Friedhofsanlage.

Zweifellos interessant ist auch die politische Debatte um die Simmeringer Feuerhalle, deren Bau 1921 vom sozialdemokratisch dominierten Wiener Gemeinderat gegen massiven Widerstand der katholischen Kirche und der Christlichsozialen Partei bewilligt wurde. Die Feuerhalle und der Urnenhain befinden sich heute gegenüber von Tor 2, außerhalb des eigentlichen Friedhofgeländes.

Zu weiteren Zeugnissen politischer Kämpfe zählen das Mahnmal für die Opfer des 15./16. Juli 1927, jenes für die Angehörigen der internationalen Brigaden im spanischen BürgerInnenkrieg oder die Gedenkstätten für die Toten der Februarkämpfe 1934. Doch auch die Gegenseite verfolgt ihre eigene Gedenkpolitik. Etwa mit steinernen Monumenten für die Opfer der Exekutive, des Bundesheers und der austrofaschistischen Heimwehren (bezogen auf die Ereignisse 1927/1934).

Im Zuge der Novemberpogrome 1938 wurden sammtliche jüdischen Friedhöfe in Wien geschändet, darunter auch die beiden israelitischen Abteilungen des Zentralfriedhofes. Am 10. November 1938 kam es zur Verwüstung der Zeremonienhalle, die man nach dem Krieg nicht wieder aufbaute, sondern vollständig abriss. Die leere Grünfläche gleich hinter Tor 1 deutet noch heute die vormalige Existenz dieses Gebäudes an.

Auch der Zweite Weltkrieg hinterlies seine Spüren auf dem Friedhof - natürlich nicht ohne damit auch etwas über den spezifisch österreichischen Umgang mit der eigenen Geschichte zu erzählen. Neben Gräbern für Soldaten diverser gegen das nationalsozialistische Deutschland kämpfender Armeen und Gedenkstätten für ermordete Widerstands-KämpferInnen, befinden sich auch die Gräber von tausenden Wehrmachtsangehörigen auf dem Friedhof. Für die Erhaltung letzterer sammeln Organisationen wie der Kameradschaftsbund noch heute regelmäßig Geld an den Eingängen des Zentralfriedhofs. Auch die Anordnung der Denkmäler in der Gruppe 40 zeugt nicht gerade von großer politischer Sensibilität: Neben einer Grabanlage für Opfer des Nationalsozialismus findet sich ein schlichtes Kreuz (!) neben dem wiederum Erde aus Buchenwald und Asche aus Auschwitz beigesetzt wurde. Nur Meter weiter sind 400 Bombenopfer aus Wien begraben.

Stadterforschungstouren in Wien und darüber hinaus sollen zur Selbstaneignung von (Stadt-)geschichte dienen. Aus verschiedenen Gründen interessante Orte gibt es ja genug. Also bei Interesse kommen, und wenn wer was über die jeweiligen Orte weiß einfach erzählen.