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Quellenangabe:
Eine Reise nach Lampedusa (vom 18.05.2009),
URL: http://no-racism.net/article/2943/, besucht am 11.08.2022

[18. May 2009]

Eine Reise nach Lampedusa

Im März 2009 reisten mehrere Leute nach Lampedusa und nahmen mit AktivistInnen und BewohnerInnen vor Ort Kontakt auf. In der Folge enstand ein Bericht über die Situation auf der Insel, in den dortigen Lagern und die Landung von Booten.

borderline-europe und weitere Antirassismus-Gruppen wie kom-pa.net und borderline-sicilia haben Kontakte zu lampedusanischen AktivistInnen und BewohnerInnen der Insel aufgenommen. In der Nacht war ein Schlauchboot direkt auf der Insel angelandet. Die in den Felsen verstreuten Habseligkeiten der Flüchtlinge deuten darauf hin, dass auch Kleinstkinder an Bord waren.

Das ca. 8 m lange Schlauchboot lag ohne Motor vor den Felsen der Isola dei Conigli. Nach Angaben des Bürgermeisters handelte es sich um Flüchtlinge vom Horn von Afrika. Anscheinend wurden die ca. 70 Flüchtlinge aus dem Schlauchboot, so berichtete man der Gruppe, ohne jegliche Untersuchung und Identifikation - und damit ohne jegliche Feststellung der Minderjährigkeit - am heutigen Morgen mit unbekannten Ziel auf das Festland gebracht. Das verstößt gegen jegliche asyl- sowie kinderschutzrechtliche Verordnungen. Diese Aussage unterstützt auch Save the children, einer der NGOs, die Im Lager für die Minderjährigen zuständig sind. Sie haben eine Pressemeldung herausgegeben, die diese Vermutungen bestätigt. Im Anschluss die deutsche Fassung.

Enrico Montalbano, der für kom-pa.net die Filmaufnahmen während der Reise machte, hat seine Heimfahrt am 15.3. mit der Fähre von Lampedusa nach Porto Empedocle auf Sizilien beschrieben. Auch dieser Bericht im Folgenden.
Die anderen Mitglieder der Gruppe sind mit zwei verschiedenen Flügen nach Palermo zurückgereist. Bei dem ersten der Flüge, den auch Bürgermeister de Rubéis genommen hat, mussten sich die fünf Mitglieder der Gruppe unerwartet einer besonderen Personenkontrolle unterziehen: die Ausweise wurden von der Polizei eingezogen und die Namen notiert.

Den Bericht "Lampedusa - eine Insel ohne Rechte" mit einigen Fotos u.a. von der Anlandung in der Nacht zum 15.3.2009 lesen Sie hier:

:: Bericht der Reise als PDF (2,11 MB)
:: Video ansehen (vorerst nur in italien. Sprache, eine Übersetzung wird von borderline-europe erarbeitet)


Pressemeldung Save the children 15.3.2009


Save the children: Lampedusa, die angewandten Prozeduren bei den Anlandungen garantieren den Migranten, vor allem den Minderjährigen, ihre Rechte nicht

Circa 130 Menschen sind in den letzten Stunden auf der Insel angekommen, unter ihnen mindestens 10 unbegleitete Minderjährige.

Erste Hilfe, Unterstützung und Identifizierung von besonders Schutzbedürftigen, so auch Minderjährigen, müssen immer vor einem Transfer der MigrantInnen nach Sizilien und das Festland garantiert sein. Das forderte Saven the children schon beim Treffen mit dem Vizepräsidenten der Europäischen Union, Jacques Barrot in der letzten Woche und diese Forderung ist auch in einer Mitteilung an den Innenminister vom letzten Freitag enthalten. Das Vorgehen bei den letzten Anlandungen auf Lampedusa bekräftigt die Notwendigkeit der Einhaltung dieser Forderung.

In der Nacht zum 15.3. sind ca. 65 MigrantInnen, unter ihnen 10 Minderjährige, in Lampedusa angekommen. Im Laufe des Vormittags folgten zwei weitere Anlandungen: eine auf Lampedusamit ca. 70 MigrantInnen, eine auf Linosa mit mehr als 150 MigrantInnen.
Schon am Morgen wurden ca. 100 MigrantInnen (64 davon aus der Gruppe, die nachts angekommen war und ca. 40 von der am Morgen angelandeten) mit dem Schiff nach Sizilien gebracht, ohne vorher identifiziert zu werden. Man weiß also nicht, wie viele Minderjährige an diesem Morgen angekommen sind und niemand konnte über die eigene Rechtslage von den anwesenden humanitären Organisationen auf Lampedusa informiert werden.

"Die MigrantInnen sind in sehr schlechter gesundheitlicher Verfassung und geschwächt von der langen Reise angekommen. Nur die besonders schweren Fälle wurden in das Poliambulatorium der Insel gebracht", erklärte Valerio Neri, Generaldirektor von Save the Children. "Der sofortige Transfer nach Sizilien", so Neri, "kann zu schweren gesundheitlichen Problemen dieser Personen führen, wenn sie direkt nach der Ankunft so einer weiteren langen Schifffahrt gezwungen werden." Die Erstankunftszentren auf Sizilien sind weder dafür eingerichtet, so großen Gruppen die Erste Hilfe zu leisten, noch die notwendigen Informationen zu geben und die Einzelfälle zu überprüfen.

Save the Children bekräftigt die schon in den letzten Tagen ausgedrückte Besorgnis und fordert, dass auf Lampedusa wieder eine Erstaufnahme mit Erster Hilfe, Unterbringung und Identifizierung der besonders Schutzbedürftigen eingerichtet wird, bevor ein Transfer stattfindet.
Für weitere Informationen: Pressebüro Save the Children, 06 48070071 - 23, press (at) savethechildren.it

Aus dem Italienischen von Judith Gleitze


Enrico Montalbano, Heimkehr von Lampedusa


Nach zwei kurzen, aber intensiven Tagen auf Lampedusa, die wir uns alle wünschten, um zu verstehen, was in den letzten Monaten auf der Insel in Sachen Ankunft von Flüchtlingen, Lager, politischen Positionen auch des Bürgermeisters passiert ist, begebe ich mich am 15. März auf das Schiff der Siremar, um von Lampedusa zurückzufahren. Wir haben vieles auf Video gebannt und aufgezeichnet, um eine Reportage zusammenzustellen. Während ich auf einer der Bänke des Oberdecks sitze, kurz vor der Abfahrt, bemerke ich, dass sich etwas vom Meer mit hoher Geschwindigkeit dem Hafen nähert. Es sind zwei Schiffe, eines zieht etwas hinter sich her. Es ist ein Schlauchboot, auf dem MigrantInnen waren. Es handelte sich tatsächlich im eine der vielen Rettungsaktionen der "Meerespolizei", in diesem Falle des Zolls und der Küstenwache. Dann verschwinden die beiden Boote aus meinem Blickfeld und dem meiner Kamera, es ist klar, dass genau das passiert, was ich mir vorgestellt hatte. An Bord sind wohl um die 50 MigrantInnen die an die gegenüberliegende Mole gebracht werden, dort, wo immer die erste Untersuchung der MigrantInnen vorgenommen wird.

Ich habe sofort verstanden, dass mein Schiff mit Verspätung ablegen würde, es würde wenigstens so lange dauern, bis die MigrantInnen, die in der letzten Nacht auf der Isola die Conigli gestrandet waren und die eben Angekommenen an Bord gebracht würden, denn am Anleger des Schiffes ist inzwischen eine massive Polizei- und Carabinieripräsenz zu verzeichnen. Die Prozedur geht enorm langsam vor sich. Schließlich legt das Schiff mit zwei Stunden Verspätung ab. Die Passagiere sind aufgebracht. Wer es gewohnt ist, immer zu reisen will diesen Dingen nicht mehr beiwohnen und die ewigen Verspätungen erleiden. Ich vernehme die leisen Proteste der Menschen. Sie erwachsen auch aus den Diskussionen um die MigrantInnen. Ich stelle fest, dass die Menschen wenig Ahnung haben, genau wie schon vor 10 Jahren, allgemeine Aussagen, die auf den Verkündungen aus dem Fernsehen beruhen. Auch diejenigen, die mehr wissen, haben es langsam satt.

Dann wird bekannt, dass das Schiff auch auf Linosa halten wird, wo uns weitere 170 MigrantInnen erwarten, die wohl auch heute Morgen angelandet sind. Die Leute beschweren sich weiter. Ich rede mit den Passagieren, auch mit einem Polizisten, der mit ein Antiallergikum gibt. Auch seine Sicht der Dinge ist interessant.

Es ist unmöglich, sich der "Roten Zone" zu nähern, dort, wo die MigrantInnen sitzen. Wir nähern uns Linosa, verspätet. Ich frage mich, wie ich das Einsteigen der MigrantInnen filmen kann, denn die Carabinieri haben mir das Filmen verboten. Der einzige Weg ist die Flucht nach vorn und die Polizei um eine Genehmigung bitten...Ich spreche mit einem von ihnen, der mich zum Einsatzleiter bringt, den ich zufällig kenne. Da ich schon mal hier bin, "autorisiert" er mich. Ok...aber nur vom Schiff auf die Mole von Linosa, keine anderen Bilder...immerhin kann ich es so vermeiden, alles heimlich machen zu müssen.

Es geht viel schneller als auf Lampedusa. Aber es wird immer später, die schlechte Laune der Passagiere verstärkt sich, einige sind nervös, dass immer mehr MigrantInnen an Bord kommen. Diese werden immer mehr als Störenfriede gesehen, nicht als Menschen... "was haben wir damit zu tun... es sind schon so viele...es können nicht alle kommen", sagen sie im Dialekt... "sie sollen absaufen...basta, basta!"

Dann schließlich stört sie der schlechte Geruch, der aus dem Salon der MigrantInnen kommt, die Ersten halten sich die Nase zu, wenn sie vorbei gehen, immer direkt vor den Polizisten lang, als wollten sie ihnen ihre Missbilligung zum Ausdruck bringen wollen. Dann rechtfertigen sie sich, es seien ja arme Hunde, wer weiß, wie lange sie schon unterwegs sind, aber der Geruch sei unerträglich...

Aber dort, an Bord, unter den ganzen alten Passagieren, ist sicher einer, der einmal ein Migrant war oder noch ist. Und vielleicht hat auch er gestunken, als er vor 50 Jahren seine langsame, lange Zugfahrt gemacht hat und in irgendeiner Stadt der Welt angekommen ist. Und irgendjemand wird ihn gemieden und gesagt haben "diese Makkaronis stinken ja schrecklich, warum gehen die nicht nach Hause..."

Aus dem Italienischen von Judith Gleitze

Artikel übernommen von :: borderline-europe.de