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Quellenangabe:
'Alles nicht wahr, alles in Ordnung' (vom 11.10.2009),
URL: http://no-racism.net/article/3130/, besucht am 22.06.2024

[11. Oct 2009]

'Alles nicht wahr, alles in Ordnung'

Mangelnde medizinische Versorgung: Ein Kranker stirbt beinahe im Ausschaffungs- gefängnis in der Schweiz.

Nach dem tragischen Tod des Ausschaffungshäftlings Abdi Daud im März 2008 berichteten zuverlässige Quellen von einem weiteren Fall von Nichtbehandlung einer schweren Erkrankung im Zürcher Flughafengefängnis II. augenauf unterbreitete den Fall der zuständigen Behörde, die einmal mehr kaltschnäuzig alles abstreitet. Auf Wunsch des Betroffenen sind alle Fakten anonymisiert und zeitlich verlegt.

John ist ein hoffnungsvoller, sportlicher junger Mann. Das Asylgesuch des Afrikaners hat keine Chance, er soll das Land wieder verlassen. Dass er noch nicht 18 Jahre alt ist, hindert die Schweizer Asylbürokratie nicht daran, ihn in Ausschaffungshaft zu verlegen. Und dort durchlebt John grauenvolle Tage und Nächte, bis er in letzter Minute gerettet wird.

Eines Tages im Februar 2009 bekommt John starke Kopfschmerzen. Er meldet sich bei der zuständigen Krankenschwester. Diese findet, Migräne sei zu dieser Jahreszeit normal, er solle doch öfter unters offene Fenster stehen und frische Luft einatmen und gibt ihm ein Schmerzmittel. Die Schmerzen lassen nicht nach. In der Nacht weint John, er schreit: «Oh, mein Kopf!» Die Gefangenen in den benachbarten Zellen können nicht schlafen. «Alle, die zu dieser Zeit im Ausschaffungsgefängnis waren, kennen die Geschichte», sagt ein ehemaliger Mitgefangener. Johns Zellengenosse klingelt noch und noch um Hilfe, die Wachen schauen in die Zelle, unternehmen aber nichts.


Schmerzmittel gegen eine lebensgefährliche Infektion


«John konnte vor Schmerzen nicht mehr gehen und kaum mehr atmen», so der Mitgefangene. Die Krankenschwester und ein offenbar herbeigerufener Arzt beharren weiterhin darauf, dass Johns Kopfschmerzen vorübergehend seien. So bekommt er auch am zweiten und dritten Tag nur Schmerzmittel, die ihm nichts nützen. Das beschreiben auch zwei weitere Personen, mit denen augenauf gesprochen hat.

Sehr wahrscheinlich am vierten Morgen von Johns Leiden platzt den Mitgefangenen der Kragen. Sie lärmen beim Zellenauf schluss und verlangen, dass John, dessen Horror sie Nacht für Nacht miterleben, endlich medizinisch behandelt wird. Daraufhin interveniert ein Polizeitrupp, die Gefangenen werden wieder eingeschlossen. Die Polizisten nehmen aber immerhin Johns Klagen und den Protest der Mitgefangenen so ernst, dass sie einen Notarzt rufen. Dieser weist John sofort ins Universitätsspital Zürich ein, wo eine lebensgefährliche Infektion des Gehirns festgestellt wird. John wird unter grossem Aufwand gerettet. Er habe nur aufgrund seiner Jugend und sehr sportlichen Konstitution überlebt, sagt eine mit der Sache vertraute Person.


«Instrumentalisierung von Schicksalen zu politischen Zwecken»


Der junge John ist unterdessen in guten Händen. Er will den Schock verdauen und mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun haben. Öffentlichkeit oder gar eine Klage gegen das Gefängnispersonal wegen unterlassener Hilfeleistung sind damit für augenauf ausgeschlossen. So intervenierten wir im Juli einzig schriftlich beim zuständigen Leiter des Amts für Justizvollzug des Kantons Zürich, Dr. Thomas Manhart, und forderten ihn auf, die Sache zu untersuchen und die Konsequenzen zu ziehen. Kopien des Schreibens gingen an den vorgesetzten Regierungsrat sowie an vier Zürcher Kantonsräte, die bereits im Fall von Abdi Daud aktiv geworden waren.

Die Antwort von Manhart folgte Ende August. Alles habe sich ganz anders abgespielt: John habe nie geklingelt, niemand habe je protestiert oder sich von Johns nächtlichem Schreien gestört gefühlt. Beim ersten nächtlichen «Zellenruf» habe der diensthabende Aufseher «eine ernsthafte Erkrankung für möglich gehalten» und den SOS-Notfallarzt aufgeboten. Dieser habe zuerst Medikamente verschrieben und John dann aber schon am nächsten Tag ins Universitätsspital überwiesen.

Der nächste Abschnitt in Manharts Antwortschreiben war dann eher an die Parlamentarier und den vorgesetzten Regierungsrat als an augenauf gerichtet. Er verwahre sich gegen den «Versuch der Instrumentalisierung von Schicksalen einzelner Insassen zu politischen Zwecken» und wolle seine «Mitarbeitenden vor haltlosen Behauptungen schützen».

So einfach geht das: Es ist nichts passiert, die Wärter haben schon beim ersten «Zellenruf» den Notfallarzt geholt, die empörten Zeugen, die Johns Leiden miterlebt haben und die augenauf informierten, lügen alle.

Dieser Bericht von augenauf Zürich erschien zuerst im :: augenauf Bulletin Nr. 62; Oktober 2009 (pdf).