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Quellenangabe:
Am Anfang war El Dorado (vom 06.11.2009),
URL: http://no-racism.net/article/3161/, besucht am 02.07.2020

[06. Nov 2009]

Am Anfang war El Dorado

Am 30. Oktober 2009 feierte maiz 150 Jahre. In jedem einzelnen der fünfzehn Jahren des Bestehens dieses Vereins steckt so viel Arbeit, so viel Einsatz, so viel Wollen, dass jedes Jahr ein Jahrzehnt füllen könnte, doch die zugrunde liegende Überzeugung ist nach wie vor ungebrochen.

maiz besteht seit 15 Jahre und hat fest vor, weiterhin zu bestehen. Auf dem ersten Blick gibt es vielleicht nicht gerade viel zu feiern: So wie viele anderen Kulturvereine ist auch maiz weitgehend von "Projekten" abhängig, um den Betrieb aufrecht zu erhalten, ein Umstand, der unglaublich viel Zeit und Energie auffrisst und wenig bis gar keine Sicherheit bringt. Zudem ist 2009 nicht nur Kulturhauptstadtjahr in Linz, sondern auch Wahljahr in Oberösterreich. Das Kulturhauptstadtjahr soll viele "Ausländerinnen" nach Oberösterreich bringen, allerdings nur als Touristinnen, die auch wieder gehen. Dass es Wahljahr ist, merkt frau an den vielen hässlichen Plakate, die Feindbilder schaffen und selbstzerstörerische Abschottung und Isolierung propagieren. Ein autonomer, selbstorganisierter Verein von und für Migrantinnen in Oberösterreich hat es in dieser Situation nicht leicht.

Doch schon die Überschrift für die Feierlichkeiten, "Am Anfang war El Dorado", zeigt eindeutig, dass maiz weder um Almosen noch um Mitleid bittet. Mit diesem schlichten Hinweis wird vielmehr die lange, vielschichtige und überaus verwickelte Geschichte der Migration an sich ins Bewusstsein gerufen. Wer hat sich wann auf die Suche nach El Dorado auf dem Weg wohin gemacht? Welche Bedeutungen wurden dem vielsagenden Begriff von El Dorado im Laufe der Zeit aufgeladen? Schon der Name "El Dorado" beschwört die vielfältigsten Geschichten von Gier, Verirrungen, Sehnsüchten, Träume ...

Migrationen sind ein wesentlicher Bestandteil der Menschheitsgeschichte seitdem es Menschen überhaupt gibt. Die Beweggründe dafür sind auch so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Einfältige, wenn nicht gar böswilligen Unterstellungen, dass etwa "die Anderen" am selbst erarbeiteten, wohlverdienten Wohlstand mitnaschen wollten, ohne den eigenen Wohlstand zu erarbeiten, verschleiern genauso die komplexe Entwicklung und die verschlungenen Wege der Industrialisierungsgeschichte, wie die Kostenunwahrheit bei Konsumgüter es auch tut. Doch die grausame Geschichte der Eroberung Lateinamerikas durch goldgierige Europäerinnen birgt vielleicht noch einen Hinweis auf eine mögliche Erklärung der Abschottungs- und Aufteilungsversuche, die Mitbürgerinnen in "Heimische" und "Ausländerinnen" einteilen wollen: Es geht um das Wissen der Migrantinnen um die hässliche Schattenseite des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Migrantinnen, die in der Sexarbeit oder im Pflege- und Haushaltsbereich tätig sind, erwerben nebenbei mitunter umfangreiche Kenntnisse von den Ängsten, den Gemeinheiten, den schmutzigen Geheimnissen, die in diesen Bereichen verdrängt werden. Was würde passieren, wenn sie davon erzählten? Wie wäre die Weltgeschichte anders geschrieben worden, wenn nicht aus der Sicht "heldenhafter" Erobererinnen, sondern als schonungslose Darstellung des Giers und der Habsucht?

Auch wenn die Stadt aus Gold in Wirklichkeit nie existierte, als Sinnbild steht El Dorado auch für Sehnsüchte und Träume, die Vorstellung, dass das Leben ganz anders sein könnte, wenn nur ... Wer kennt solche Träume nicht? Manche solcher Träume entpuppen sich als traurige, enttäuschende Illusionen, doch es gibt auch Träume, die sich tatsächlich verwirklichen lassen. Die Sehnsucht nach einem guten Leben kann erfüllt werden - nur muss frau sich erst klar machen, was wirklich zu einem "guten Leben" dazu gehört, und dann müssen die Bedingungen dafür gegeben sein. Allein, isoliert, ausschließlich für eine Einzelne und die Ihren lässt sich der Traum niemals realisieren. Wer sich allein auf dem Weg nach El Dorado macht, wird sich bald hoffnungslos verirren. Wer das mythische Gold für sich allein horten will, findet es nie.

Mit Forderungen wie "Partizipation statt Integration" betont maiz, dass das gute Leben nicht auf Kosten von Anderen aufgebaut werden kann. Mit dem Motto "AM ANFANG WAR EL DORADO. Europas Suche nach dem El Dorado und die Utopien der Migration" wird ernsthaft nach unser aller Träume gefragt. Lassen sich unsere Sehnsüchte nach einem guten Leben vom Gier irreführen, oder bauen wir gemeinsam eine "goldene Stadt", in der alle gut leben können?

Artikel zuerst erschienen im Katalog "15-Jahre-maiz".