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Quellenangabe:
Ein neuer Abschiebeknast, was geht uns das an? (vom 19.04.2010),
URL: http://no-racism.net/article/3337/, besucht am 21.10.2020

[19. Apr 2010]

Ein neuer Abschiebeknast, was geht uns das an?

Seit dem Frühling 2009 wird neben dem Flughafen von Zaventem, Belgien, ein neuer Abschiebeknast gebaut. Ein neues mit Einzelzellen ausgestattetes Gefängnis, worin jene Sans-Papiers isoliert werden, die sich ihrer Deportation widersetzen.

Er geht uns sehr wohl etwas an, dieser neue Knast. Nicht weil wir denken, dass sich die Asylpolitik doch etwas ändern sollte, nicht weil wir ihn für zu wenig human halten, oder weil man die Betrogenen besser behandeln sollte, sondern vielmehr weil dieser Knast viel über die Welt aussagt, in der wir leben. Weil der Bau dieses Knastes eine jener Sachen ist, die nicht nur klar aufzeigen, auf welchen Grundlagen die Gesellschaft funktioniert und welche Logiken dahinter stecken, sondern auch wieso Gefängnisse existieren, wer dort eingeschlossen ist und wer die Schlüssel in den Händen hält. Wieso sich einige oben auf der sozialen Leiter befinden und ihnen nichts mangelt, während sich die Anderen unten wieder finden, mit einem auf Überleben oder Krepieren reduzierten Leben. Kurzum, dieser neue Knast erzählt uns von jenen, die alles zu verlieren haben, und von jenen, die alles zu gewinnen haben, falls diese Leiter zersägt wird.
Es ist diese ganze Gesellschaft, die Abschiebeknäste nötig hat, die wir vollständig in Frage stellen wollen. Es ist jegliche Logik, die sich der Freiheit eines/r jeden entgegengestellt, die wir angreifen wollen.

Die gegenwärtig in Belgien geführte Migrationspolitik hört vor allem das, was ihr die Ökonomie diktiert. Man schaut wie viele Leute die Ökonomie verschlingen könnte: Jene, die schliesslich Papiere erhalten, sind jene, die arbeiten können, jene, die arbeiten werden und vorbildliche Bürger_innen werden wollen. Was jene anbelangt, die übrig bleiben, all jene, die für den Wohlstand nur ein Laster sind, so werden diese nun so effektiv wie möglich beseitigt werden müssen. Hier kommen die Abschiebeknäste ins Spiel, eines der Zahnräder in der "Abschiebemaschinerie". Die Abschiebemaschinerie ist die Gesamtheit der eingesetzten Mittel, um Sans-Papiers zu kontrollieren, zu jagen, zu verhaften, einzuschliessen und abzuschieben. Sie konkretisiert sich beispielsweise in Razzien, Identitätskontrollen, Abschiebeknästen und Asylheimen, Abschiebungen,... Was auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen mag, ist dennoch völlig logisch: Einerseits gibt es Immigrant_innen, die regularisiert werden (Anm: ein Aufenthaltsrecht bekommen), andererseits gibt es Immigrant_innen, die terrorisiert, verfolgt und eingesperrt werden.

In einer Welt, die um jeden Preis die Tatsache zu verunmöglichen versucht, dass man ohne Papiere überleben kann, sind die Abschiebeknäste nicht wegzudenken. Wenn es also verständlich ist, dass die Leute Papiere wollen, schlichtwegs da es ihnen helfen könnte zu überleben, so ist es dennoch die Gesamtheit dieser Welt, die uns bekümmert.

Die Immigrant_innen, denen man schliesslich eine Aufenthaltsbewilligung zugesteht, sind genauso wie wir eingeladen, ihre Zeit und ihre Energie beim Konkurrenzspiel, bei der Arbeit und bei der Integration zu verbrauchen. Mit diesem Versprechen, wenn du dich mit Unterwürfigkeit auszeichnest, kannst du vielleicht sogar die soziale Leiter erklimmen, ja sogar selbst Chef werden! Was jene anbelangt, die diese Einladung zurückweisen, so gibt es das Gefängnis und vor allem die Angst vor dem Gefängnis, damit alles glatt über die Bühne geht. So hämmert man dir die Idee ein, dass es, falls du das Gefängnis von draussen nicht akzeptierst, noch ein anderes, viel schlimmeres gibt, das dich drinnen erwartet.

Ob mit oder ohne Papiere, die Erpressung ist gegen uns alle dieselbe.
Diese Welt, die will, dass wir Papiere vorweisen ist die selbe Welt, die fordert, dass wir arbeiten, dass wir den Boss_innen und den Bull_innen gehorchen, dass wir uns dem Lauf der Dinge fügen, den wir nie gewählt haben. Was können wir damit tun? Letztendlich bleibt uns nur eine einzige Wahl. Entweder unsere Leben zu führen, als ob wir schon tot wären, oder eher... zu leben. Und zu Leben, das heisst vor allem für etwas völlig anderes zu kämpfen, denn mit dieser Welt könnten wir niemals in Frieden leben.

Tatsächlich wollen wir von diesem neuen Abschiebeknast sprechen, weil wir von all dem sprechen wollen, was uns einsperrt, von all dem, was uns erpresst und uns innerlich töten kann. Wir wollen gegen diesen neuen Abschiebeknast kämpfen, weil wir gegen alles kämpfen wollen, was einschliesst und erpresst.
Damit es uns nicht umbringen kann.

Artikel übernommen von :: ch.indymedia.org/de, 19. April 2010.