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Quellenangabe:
Brutale Ausschaffung einer syrischen Kurdenfamilie - Bericht eines Augenzeugen (vom 10.08.2010),
URL: http://no-racism.net/article/3466/, besucht am 12.08.2020

[10. Aug 2010]

Brutale Ausschaffung einer syrischen Kurdenfamilie - Bericht eines Augenzeugen

Wie brutal und hinterhältig die Behörden bei Abschiebungen vorgehen, zeigt sich einmal mehr in diesem Bericht, den der Verein Miteinander Valzeina veröffentlicht hat.

Dank dem mutigen Handeln der Mithäftlinge der ausgeschafften Familie hat das Wissen über die Geschehnisse sich über die Gefängnismauern hinaus verbreiten können.

Am Nachmittag vom 14.07.2010 besuchte Frau S. mit ihren 4 Kindern ihren Mann H. in der Ausschaffungshaft im Sennhof Chur, Schweiz. In dieser Zeit wurde im Flüeli Valzeina durch mehrere Polizist_innen und einen Beamten vom Amt für Polizeiwesen und Zivilrecht (APZ) die Sachen von S. und den Kindern zusammengepackt und abtransportiert. (Auskunft der Polizei an eine Flüeli Bewohnerin: "Sie bekommen ein besseres Zuhause".) Nachher wurde im Sennhof die ganze Familie von der Polizei abgeführt.


Ein Strafgefangener des Gefängnisses Sennhof Chur berichtet:


«Am Mittwoch, 14. Juli sagte man uns, dass wir nicht arbeiten müssen. Wir fragten wieso, ob es denn ein Fest gebe? Die Auskunft war: 'Nein, einfach so, heute wird nicht gearbeitet.' So sassen wir in unseren Zellen herum.

Am Nachmittag hörte ich, wie zuerst ein Auto und dann ein zweites auf den Gefängnishof vorfuhr. Ich schaute zum Fenster hinaus und sah einen roten und einen blauen Bus mit abgetönten Scheiben. Kurz darauf hörte ich Schreie und Lärm. Da sah ich einen Mann mit Gesichtsmaske, Handschellen und Fussfesseln, eine Frau mit Gesichtsmaske, Handschellen und Fussfesseln und vier kleine Kinder. Die Gesichtsmasken waren von der Art, die im Mund-Nasenbereich Luftlöcher haben und auch Augenlöcher, den Rest des Gesichtes aber verdecken. Der Mann schrie fortwährend: 'Lasst mich frei, lass mich frei!' Die Frau schrie nur, ohne dabei etwas zu sagen. Alle vier Kinder weinten.

Es waren ein paar grosse Polizeibeamte und eine Beamtin der Fremdenpolizei dabei. Ein Sennhof-Insasse, der die Frepo-Beamtin anscheinend kennt, rief sie zum Zellenfenster hinaus mit ihrem Namen an. Die Beamtin drehte sich um und schaute, wer sie so ansprach. Er rief ihr dann zu, sie solle die Frau und die Kinder in Ruhe lassen. Weitere Häftlinge mischten sich daraufhin ein und wir beschimpften zu den Zellenfenstern hinaus die Polizeibeamten, dass man so nicht mit Frauen und Kindern umgehe.

Die gefesselte Frau hielt den Kopf mit der Gesichtsmaske gegen oben gewandt, wiegte ihn die ganze Zeit hin und her und schrie. Die Kinder weinten in Panik. Dann hob ein Polizeibeamter die Frau hoch und warf sie wie ein Spielzeug in den Bus. Die Frepo-Beamtin packte die Kinder von hinten und warf sie hinterher. Einfach so, wie Puppen, warfen die beiden Beamten die Frau und die Kinder in den Bus - sie haben sie sicher verletzt dabei. Der Mann und zwei Kinder wurden im einen Bus weggeführt, die Frau und zwei Kinder im anderen.

Um gegen das Geschehen im Gefängnishof zu protestieren warfen wir Gegenstände, vor allen Kaffeetassen und Papier, auch WC-Papier, das wir angezündet hatten, aus den Zellenfenstern auf den Hof. Schlussendlich ging sogar die Sprinkleranlage los. Die Beamten wollten uns mit ihren Sprays stoppen.

Wir konnten nicht glauben, was wir da gesehen hatten. Er war wie in einem Horrorfilm und ich sehe diesen Film in Gedanken nach wie vor immer wieder. In dieser Nacht hat sicher niemand von uns geschlafen. Wir haben einen Brief verfasst, in dem wir beschrieben, was wir an diesem Mittwochnachmittag mit ansehen mussten. Die meisten Häftlinge haben unterschrieben. Die Beamten drohten uns als Bestrafung an, dass ab dem kommenden Tag abwechslungsweise immer einer in den Bunker gesperrt werde. Am nächsten Tag wurde das Geschehene aber nicht mehr thematisiert. Niemand wurde in den Bunker gebracht und der Gefängnishof ist von Beamten geputzt worden, wir mussten nicht einmal mithelfen.»

Artikel übernommen von :: bleiberecht.ch, 06. Aug 2010, (Quelle: "Verein Miteinander Valzeina", :: vmv.ch).