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Quellenangabe:
Demo nach Suizidversuch im Abschiebknast (vom 10.12.2010),
URL: http://no-racism.net/article/3601/, besucht am 08.08.2020

[10. Dec 2010]

Demo nach Suizidversuch im Abschiebknast

Nachdem bekannt geworden ist, dass Milos R. am 2. Dezember 2010 versuchte, sich in der Abschiebhaft das Leben zu nehmen, fand am Abend des 9. Dezember 2010 spontane Demonstration vom Bahnhof Sternschanze zum Untersuchungs- gefängnis Hamburg statt.

Nach den Selbstmorden von David M. und Yeni P. vom März und April diesen Jahres ist dies ist der dritte bekannt gewordene Suizid(-versuch) in Hamburger Abschiebknästen innerhalb eines Jahres.

Am 2. Dezember unternimmt der 22-jährige Miroslav R. im Hamburger Abschiebeknast Billwerder-Moorfleet einen Suizidversuch. Er erfuhr von der Ablehnung seines Asylantrags und fürchtete die sofortige Abschiebung nach Belgrad -- zum zweiten Mal in seinem Leben. Für den 7. und 9. Dezember hatten die Behörden Sammelabschiebeflieger ab Düsseldorf gechartert um Roma/Romnia, Ashkali und Ägypter_innen nach Serbien und in den Kosovo abzuschieben. Miroslav lebt, weil Justizbeamte ihn rechtzeitig fanden, doch die Abschiebung droht ihm weiterhin.

Im Herbst gelang ihm die Flucht, zurück in seine Heimat, zu Verwandten nach Hamburg. In Serbien war er immer wieder rassistischen Bedrohungen ausgesetzt. Der Kontakt zur Familie war abgebrochen.

Am 16. November 2010 wird Miroslav in Hamburg bei einer Kontrolle aufgegriffen, er stellt einen Asylantrag. Postwendend landet er im Abschiebeknast Billwerder in Hamburg. Dies geschah just am 16. November, ein Datum, das seit 8 Jahren für die gesamte Familie R. mit der schlimmsten Erinnerung verbunden ist.

Am Tag nach dem Suizidversuch wird Miroslav in die psychiatrische Klinik in Hamburg-Ochsenzoll gebracht. Wenn es nach den Behörden geht, soll er so bald wie möglich abgeschoben werden.

Miroslav ist Rom. Geboren ist er in Jugoslawien, aufgewachsen, seit er 2 Jahre alt ist, in Deutschland. Seit 1995 lebte die 7-köpfige Familie in Syke, Landkreis Diepholz in Niedersachsen. Als Asylbewerber mit einer Duldung und so genannten Abschiebehindernissen wurde ihnen Wohnraum in der Asylbewerberunterkunft "Deutsche Eiche", einem ehemaligen Gasthaus, zugewiesen. Milos R., der Vater der Familie protestierte gegen die unzumutbaren Zustände in der Unterkunft, er bat immer wieder um eine Arbeitserlaubnis, forderte ein Leben in Würde für seine Familie.

Am 15. November 2002 begeht Milos R. eine schier unbegreifliche Verzweiflungstat. Seiner Familie sagt er, er wolle Zigaretten holen. Tatsächlich geht er ins Rathaus von Syke, übergießt sich im Foyer mit Benzin und zündet seinen Körper an. Am Tag darauf, den 16. November, stirbt er an den Verbrennungen.

Zehn Tage später gedenken 100 Menschen in Syke dem Toten mit einem Trauermarsch. Sie wollen auch auf die ungewisse Situation der Flüchtlingsfamilie aufmerksam machen und protestieren gegen die Abschiebung von Roma nach Jugoslawien. Den Tod des Vaters hat Miroslav nie verkraftet.

Alle Bemühungen bleiben ohne Erfolg, knapp zwei Jahre später, im Oktober 2004 werden die Witwe und vier ihrer minderjährigen Kinder nach Belgrad abgeschoben. Die 17-jährige älteste Tochter läuft voller Panik weg, als die Polizei morgens die Wohnräume der Familie betritt. Sie versteckt sich zwei Monate lang und landet schließlich im Abschiebeknast Hannover-Langenhagen. Ihren 18. Geburtstag, etwas zwei Wochen später verbringt sie in einem Land das sie nicht kennt und nach Feiern ist ihr schon lange nicht mehr zumute.

Die abgeschobene Familie lebt nun in Südserbien. Man schlägt sich irgendwie durchs Leben. Die älteren Kinder müssen bald eigene Wege gehen. Ljalje versucht sich im Handel auf Flohmärkten und arbeitet eine zeitlang in einer Kneipe. Schreiben hat sie nie gelernt. Sie wird immer wieder krank. Aufgrund fehlender Zeugnisse und einer nicht geglückten Registrierung gehen die Kinder nun nicht mehr zur Schule.

Die Soliüberweisungen von Unterstützer_innen aus Deutschland vermögen die Not nicht wirklich zu mildern. Im Herbst 2010 entdecken die Ärzt_innen erneut bei Ljalje einen Tumor in der Brust. Sie war schon einmal in Deutschland an Krebs erkrankt. Auch diesmal kann noch operiert werden. Die für die OP notwendige Vorauszahlung in bar wird durch eine Blitzspendenaktion aus Bremen ermöglicht.

Als Miroslav die Reise zurück nach Hause - nach Deutschland - antritt, versuchte er der Verfolgung als Angehöriger der Minderheit der Roma zu entkommen, welche in Ex-Jugoslawien in extremer Armut und mit erschwertem Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung leben müssen.

Miroslav wagte es, für ein besseres Leben zu kämpfen. Als Miroslav erneut scheiterte und die zweite Abschiebung bevorstand, verließ ihn sein Lebensmut. Er konnte einfach nicht mehr und wusste keinen Ausweg.

Miroslav ist im Moment noch in der Klinik, wenn es nach den Behörden geht soll er Anfang Jänner abgeschoben werden. In Nordrhein-Westfalen wurde Anfang Dezember ein Abschiebestopp für Roma/Romnia, Ashkali und Ägypter_innen nach Serbien und Kosovo erlassen. Nicht jedoch in Hamburg.

Für ein würdiges Leben nach einem Suizidversuch im Hamburger Abschiebeknast am 2. Dezember. Die geplante Abschiebung von Miroslav stoppen!

Bleiberecht für Miroslav R.!

Artikel zuerst veröffentlicht am 10. Dezember 2010 auf :: de.indymedia.org.