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Quellenangabe:
Das verheimlichte Massaker an den Toren zur EU (vom 13.04.2011),
URL: http://no-racism.net/article/3772/, besucht am 27.01.2022

[13. Apr 2011]

Das verheimlichte Massaker an den Toren zur EU

Beinahe jeden Tag müssen Menschen an den Grenzen Europas sterben. Auch in diesen Tagen wieder. Fortress Europe dokumentiert mehr als 16.000 Todesfälle, die wirkliche Anzahl der Toten ist unbekannt und mit Sicherheit weit höher.

Am 12. April 2011 mussten 7 Überlebende eines Schiffsunglücks die traurige Nachricht übermitteln, dass von den 72 Passagier_innen an Bord eines Schiffes, das im März von Tripolis in Richtung Italien aufgebrochen war, 65 Menschen umgekommen sind. Sie konnten mit Glück überleben, da sie sich mit Hilfe der Strömung an die libysche Küste retten konnten. "Und sie erzählen davon, dass sie im Meer von mehreren Kriegsschiffen (wahrscheinlich bei der Militärmission in Libyen eingesetzten Schiffen der NATO) alleine gelassen wurden. Und sie erzählen von einem Hubschrauber, der über sie geflogen ist und Wasserflaschen für sie abgeworfen hat, jedoch nicht Alarm geschlagen hat." Dies ist nicht das erste Mal, dass Migrant_innen aus Eritrea beim Versuch von Italien nach Libyen zu gelangen, ums Leben gekommen sind.'*

Ein weiterer tragischer Unfall ereignete sich heute, 13. April, in Sizilien, als vor der Küste ein Schiff aus Libyen mit 250 Passarier_innen kenterte. Dabei starben 2 junge Frauen. (')

Der folgende Artikel ist eine freie Übersetzung zweier Texte der Seite :: fortresseurope.blogspot.com. Es wurden dabei Artikel der internationalen Presse dokumentiert und statistisch ausgewertet, in denen über Todesfälle durch das europäische Grenzregime berichtet wurde. Eine Auflistung der dokumentierten Nachrichten (auf Italienisch bis 2011, auf Englisch bis 2008 und auf Französisch ebenfalls bis 2008) kann unter folgendem Link aufgerufen werden :: fortresseurope.blogspot.com; Es findet sich dort auch ein Link zu einer kartographischen Darstellung. Eine Übersetzung aller sich auf Österreich beziehenden Daten wurden am Ende dieses Artikels angefügt (diese Auflistung ist nicht vollständig).



"Es wird beinahe wie ein Wettrennen begangen, schnellstmöglich Zahlen derer zu nennen, die an den Küsten Europas landen. Die Zahl jener Menschen aber, die niemals mehr ankommen können, werden unter den Tisch gekehrt. Tag für Tag und Jahr für Jahr sterben Menschen, deren Körper aus dem Bewusstsein gelöscht werden und am Grund des mediterranen Friedhofs begraben enden. Sie werden von den Fischen aufgefressen oder auf den Gasleitungsrohren aufgestapelt, die manchmal wirken, als wären sie die letzte über gebliebene Verbindung zwischen den beiden Ufern des Mittelmeers.

'Fortress Europe' versucht seit Jahren, dieses Massaker zu dokumentieren. Die Zahlen sprechen für sich. Allein auf der Grundlage der dokumentierten Nachrichten kann davon gesprochen werden, dass seit 1988 entlang der Grenzen Europas mindestens 16.265 Menschen umgekommen sind. Seit Jahresbeginn (2011) sind die Todesopfer an der Grenze schon alleine 458. Diese Zahlen wurden am 11. April 2011 aktualisiert. Beleg für sie sind gesammelte Nachrichten der letzten 22 Jahre aus Archiven der internationalen Presse. Und weil diese Daten ausschließlich Ereignisse wieder geben, die in Nachrichten auch dokumentiert wurden, sind sie nur eine sehr makelhafte Annäherung an die Realität. In Wirklichkeit werden es wohl mehr Tote sein, viel mehr. Niemensch kann es mit Sicherheit sagen. Nur die Familien der Verschwundenen wissen es, die sich von Marocco bis Sri Lanka seit Jahren die Frage stellen, was mit ihren Söhnen und Töchtern passiert ist, die vor Jahren nach Europa aufgebrochen und nie wieder zurückgekehrt sind.

Eines Tages werden in Lampedusa und in Zuwarah, in Evros und in Samos, in Las Palmas und Motril Gedenkstätten aufgestellt werden, auf denen die Namen aller Todesopfer dieses repressiven Migrationsregimes stehen werden. Und unseren Enkel_innen werden wir nicht einmal sagen können, dass wir nicht Bescheid wussten." (*)



"Im Mittelmeer und im atlantischen Ozean (in Richtung der kanarischen Inseln) sind 11.502 Menschen ertrunken. Die Hälfte aller Leichen wurden nie wieder gefunden. Im Kanal von Sizilien zwischen Libyen, Ägypten, Tunesien, Malta sowie Italien starben 4.497 Menschen, von denen 3.358 verschollen sind. Weiters sind 186 Menschen auf der Fahrt von Algerien nach Sardinien gestorben. Entlang der Route durch Senegal, Mauretanien, der westlichen Sahara, Algerien und Marokko nach Spanien (Richtung Kanaren oder auf der Meerenge von Gibraltar) sind mindestens 4.552 Menschen umgekommen, von denen 2.332 als verschollen gelten. Im ägäischen Meer, zwischen der Türkei und Griechenland, haben 1.389 Migrant_innen ihr Leben verloren, von denen 827 verschollen sind. Im adriatischen Meer sind zwischen Albanien, Montenegro, Griechenland und Italien 640 Menschen gestorben, von denen als 256 verschollen gelten. Darüber hinaus sind in Richtung der französischen Insel Mayotte im indischen Ozean 629 Menschen umgekommen. Das Meer wird von vielen Migrant_innen nicht nur auf Passagierschiffen, sondern oft auch auf Fähren oder im Lagerraum von Handelsschiffen oder irgendeinem Container versteckt, überquert: zum Beispiel zwischen Griechenland und Italien. Aber auch hier sind die Bedingungen sehr schlecht: 154 der belegten Todesfälle sind auf Ersticken oder Ertrinken zurück zu führen.

Für alle Migrant_innen aus dem Süden des afrikanischen Kontinents ist die Sahara ein gefährliches aber notwendiges Durchreisegebiet. Die große Wüste trennt Westafrika und das Horn von Afrika vom Mittelmeer. Sie wird per LKW und Off-Roads durchquert, die von Sudan, Chad, Niger und Mali nach Libyen oder Algerien fahren. Seit 1996 sind dabei mindestens 1.703 Menschen umgekommen. Aber es gibt, so sagen es viele Überlebende, beinahe bei jeder Fahrt Tote. So sind die von der Presse gezählten Todesfälle wohl eine Untertreibung. Viele dieser Menschen sterben auch bei Massenabschiebungen die von den Regierungen in Tripolis, Algier oder Rabat durchgeführt werden. Deren gewohnte Praxis ist es seit Jahren auch, Gruppen von hunderten Menschen in der Wüste am Grenzgebiet sich alleine zu überlassen.

In Libyen werden Episoden schwerer Gewalt gegenüber Migrant_innen verzeichnet. Es gibt keine Daten zu dieser schwarzen Chronik. Im Jahr 2006 haben Human Rights Watch und Afvic die Regierung in Tripolis beschuldigt, willkürliche Verhaftungen durchzuführen und Folter in den Aufnahmelagern für Migrant_innen auszuüben. Von diesen Aufnahmelagern sind 3 vermutlich von Italien finanziert. Im September 2000 wurden in Zawiyah, im Norden des Landes, mindestens 560 Migrant_innen bei rassistischen Krawallen getötet.

In LKWs versteckt haben 367 Menschen durch Verkehrsunfälle, Erstickung oder von den Waren erdrückt ihr Leben gelassen. Und mindestens 298 Migrant_innen sind beim Versuch ertrunken, über Grenzflüsse zu gelangen: die meisten Menschen sterben gegenwärtig im Evros zwischen der Türkei und Griechenland, wie in der Vergangenheit in der Oder-Neisse zwischen Polen und Deutschland, der Sava zwischen Bosnien und Kroatien, der Morava/March zwischen der Slovakei, Tschechien und Österreich sowie der Tisza zwischen Serbien und Ungarn. Weitere 114 Personen sind aufgrund der Kälte gestorben, als sie zu Fuß die Pässe zwischen Griechenland und der Türkei zu überqueren versuchten. In der griechischen Provinz Evros, an der nordöstlichen Grenze zur Türkei, gibt es noch Minenfelder. Von diesen wurden 92 Menschen getötet, als sie versuchten, zu Fuß die Grenze zu überqueren.

Durch Schüsse der Grenzpolizei wurden 282 Migrant_innen umgebracht: 37 von ihnen in Ceuta und Melilla (den beiden spanischen Enklaven in Marokko), 50 in Gambia, 121 in Ägypten - 83 von ihnen an der Grenze zu Israel - und weitere 32 entlang der türkischen Grenze zum Iran und Irak. Aber es morden auch die Abschiebeprozeduren Frankreichs, Belgiens, Großbritanniens, Deutschlands, Österreichs, Spaniens, der Schweiz und die Externalisierung der Kontrollen nach Marokko oder Lybien. 41 Menschen sind schließlich erfroren, als sie sich im offenen Fahrgestell der Flugzeuge nach Europa versteckten. Und weitere 33 Menschen haben ihr Leben beim Versuch verloren, von Calais aus nach England zu kommen: In LKWs versteckt, die dort in Richtung Dover einchecken, oder unter Zügen, die den Ärmelkanal durchqueren. 3 Personen sind im Ärmelkanal ertrunken und 12 Menschen starben, als sie anderen Grenzen von Zügen erfasst wurden." (**)



26/10/03: Ein Mann stirbt an Erfrieren beim Durchqueren eines Waldes zwischen Ungarn und Österreich bei Eisenstadt [Migration News Sheet]

22/03/00: Ein Mann ertrinkt beim Durchqueren der March an der slowakisch-österreichischen Grenze [Salzburger Nachrichten].

11/03/00: Ein Schlauchboot kentert in der Donau an der Grenze zwischen Slowakei und Österreich. Vier Migrant_innen an Bord sterben [Irr].

01/05/99: Ein Mann wird von Polizisten während der Abschiebung von Wien nach Sofia, Bulgarien, erstickt [Statewatch].

01/10/98: Eine Frau stibt beim Versuch den Fluss Maltsch an der tschechisch-österreichischen Grenze zu überqueren [Irr].

10/09/93: Ein Mensch ertrinkt beim Versuch den Rhein zu überqueren, um von Österreich in die Schweiz zu gelangen [Thueringer Allgemeine].

1993-95: 3 Menschen ertrinken entlang der Oder-Neisse, Grenze zwischen Polen und Deutschland. Im selben Zeitraum wird die Leiche eines Mannes im Grenzgebiet von Österreich, Deutschland und Tschechien gefunden. Innenministerium der BRD

01/01/93: Bei Feldkirch wird die Leiche eines Mannes in einem Güterwagon gefunden, in dem er versteckt reiste [Neue Vorarlberger Tageszeitung].

02/04/90: In den Bergen am Brenner wurde ein Mann entlang eines Weges gefunden, der zum Überschreiten der Grenze genutzt wird [Ansa]. (')


Anmerkungen:

(*) & (') http://fortresseurope.blogspot.com/2011/04/i-sette-superstiti.html
(**) http://fortresseurope.blogspot.com/p/fortezza-europa.html
('*) http://palermo.repubblica.it/cronaca/2011/04/13/news/in_centinaia_sbarcano_a_lampedusa_e_pantelleria-14868967/?ref=HRER3-1

Artikel übernommen von :: at.indymedia.org, 13. Apr 2011.