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Quellenangabe:
Angelo Soliman - einmal mehr zur Schau gestellt? (vom 14.01.2012),
URL: http://no-racism.net/article/4014/, besucht am 24.04.2018

[14. Jan 2012]

Angelo Soliman - einmal mehr zur Schau gestellt?

Mythen, Sagen, Spekulationen, Herrschafts- geschichten. Informationen, auf die sich Philipp Blom, Kurator einer Ausstellung über Angelo Soliman im Wien Museum beruft. In dem im 18. Jahrhundert u.a. in Wien lebenden Soliman erkennt er ein "Produkt kolonialistischer Kultur". Ein spezielles, wie wir erfahren: Getauft und gebildet war er, erzählt der Kurator, "er hat's geschafft".

Die Kurator_innen(*) haben es ebenfalls geschafft: Die rassistische Zuschreibung scheint wieder salonfähig zu werden - in der Figur des "edlen M*". Dessen sagenumwobenes Schicksal bietet den Stoff für eine Schaustellung, die unreflektiert Rassismen produziert. Blom wird im Standard vom 29. September 2011 zitiert: "Als wolle man von höchster Stelle zu verstehen geben, gut, er war getauft, er war gebildet, er hat's geschafft, aber eigentlich war er nur ein N*". Ob er die von ihm ausgesprochene rassistische Fremdzuschreibung wertfrei verwendete?

Ein paar Tage zuvor strahlte der ORF einen bereits :: auf no-racism.net thematisierten Film über die Ausstellung aus, die der Kurator mit der Beschreibung seiner Rolle einleitete:

"Geschichte ist ja wertlos, wenn sie sich nur mit der Vergangenheit beschäftigt. Geschichte muss sich auch mit der Zukunft beschäftigen. Wir können sagen, der Historiker ist der, der am Feuer sitzt und die Geschichten über die Ahnen erzählt. Und diese Geschichten über die Ahnen können sich ändern. Aber die Geschichte in der man lebt, aus der zieht man auch seine Werte. Wer bin ich, was will ich, was darf ich, was darf ich nicht, wo sind die Tabus. All diese Werte werden durch Geschichte und Geschichten transportiert. Deswegen glaube ich haben Historiker auch eine Aufgabe, diese Geschichten mitzuschreiben."


Zur Sprache wertfreier Geschichte/n


Welche Geschichte/n schreibt die Ausstellung im Wien Museum (mit)? Sie ist, wie bereits der Programm-Folder verrät, ein "Teil der Wiener Stadtmythologie". In zahlreichen Werken - Büchern, Aufsätzen, Theaterstücken, Bildern, Opern usw. - wird nach der Spur des faszinierenden Menschen gesucht. Schon bei der ersten Begegnung, die der Kurator im Jahr 1999 mit Soliman hatte, war er fasziniert. Doch was war das Faszinierende? Dass er "ihm" bei dieser Begegnung in die Augen blicken konnte? War es der Umstand, dass hier ein Mensch scheinbar nicht den stereotypen Klischees entsprach, es schaffte, sich aus der ihn zugeschriebenen Rolle zu lösen? Oder war es die Verkörperung der Ideale der Aufklärung, mit denen sich der Historiker beschäftigt? Ist es einfach Sensationslust, verbunden mit einigen Stufen Aufstieg auf der Karriereleiter? Oder der Versuch, eine diskreditierte rassistische Zuschreibung im Wien des 21. Jahrhunderts wieder salonfähig zu machen?

Über die Motive, die sich hinter der Schau verstecken, vermögen wir nur zu spekulieren, um so wichtiger erscheint ein kritischer Blick auf die zur Schau gestellten Objekte. Was lösen sie aus? Warum gehen Menschen in ein Museum, um einen Schwarzen Menschen zu betrachten? Einige waren sichtlich enttäuscht darüber, dass im Schaukasten die Rekonstruktion der Haut - "das Präparat" - fehlte.


Der weiße Blick


Die Zeitschrift "Der Standard" schreibt über die Herangehensweise des Kurators: "Man[n] solle nachvollziehen können, aus welcher Perspektive das Thema angegangen wurde. Für ihn wurden Erfahrungen mit heute in Wien lebenden Afrikanern wesentlich. Ihre auf Videos festgehaltenen Erzählungen sind ein Parcours durch Klischees und Rassismen bis in die Gegenwart." Der Kurator hat einigen heute in Wien lebenden Menschen ausgewählte Fragen gestellt - als sein kritischer Beitrag in den von ihm transportierten Geschichten. Unter den Interviewten findet befindet sich ein Polizist, der die Möglichkeit erhält zu erzählen, es gäbe keinen Rassismus bei der Wiener Polizei, so als gäbe es keinen strukturellen Rassismus.

Sylvia Köchl fasst in Kulturrisse 4/2011 die auf zwei großen Bildschirmen präsentierten "Videostatements mehrerer Schwarzer ÖsterreicherInnen und MigrantInnen von heute (...), die uns ihre Überlegungen zur Frage "Wie wäre Angelo Solimans Leben in Österreich heute?" mitteilen" folgendermaßen zusammen: "Er wäre kein Sklave mehr, die Sklaverei wurde in Österreich 1811 abgeschafft, aber sonst hätte sich für ihn nicht viel geändert. Seine gesellschaftlichen Chancen wären genauso gering, er müsste sich heute genauso in einer Umgebung zurechtfinden, die von strukturellem und offenem Rassismus geprägt ist, in der er immerwährend als "anders" im negativen Sinn wahrgenommen wird und in der er aufgrund seiner Hautfarbe unter ständiger Beobachtung steht."

Die Schau im Wien Museum führt uns dies nur zu deutlich vor Augen. Es ist die Farbe der Haut, verbunden mit ihrer sagenumwobenen Zurschaustellung vor mehr als 200 Jahren im k.u.k. Naturalienkabinett, die das voyeuristische Interesse weckt. Nicht die Person Angelo Soliman steht im Mittelpunkt der Ausstellung, sondern jene Inszenierung, für die ihm die Haut abgezogen wurde. Mit viel Fantasie wurde versucht, die Sensation vergangener Tage ins Heute zu transferieren. Auf die Rekonstruktion der Haut wurde dabei verzichtet, der "Federnschmuck" ist jedoch so in den Kasten montiert, dass der Körper vorstellbar wird. Es ist der Tiefpunkt einer Ausstellung, die den Blick die ganze Zeit über auf das "Andere" richtet, während die eigene Position ausgeblendet wird.


Gewaltvoll inszeniert


Nicht die Thematisierung des Rassismus und dessen Nutzen für die Europäer_innen damals und heute bildet die Klammer, die die einzelnen Räume und Themen der Ausstellung verbindet. Statt dessen reihen sich rassistische Zitate an Mythen und Erzählungen. Unkommentiert wird die wissenschaftliche und aufklärerische Legitimation von Rassismus wiedergegeben - und damit reproduziert. Um am Ende eines zur Schau gestellten Lebens vor einem Kasten inmitten aufgemalter wilder Tiere zu stehen, inmitten der Beschau eines Objektes rassistischer Vorstellungen. Im Raum 5 mit dem bezeichnenden Namen: "Wie ein Tier. Leichenschändung und Schaustellung".

Die Kulturtheoretikerin Belinda Kazeem bezeichnetete diesen Ort im Rahmen einer Spezialführung am 4. Dezember 2011 als "gewaltvolle Inszenierung", der sie zutiefst verletze. Ihr zufolge verkörpert Soliman in dieser Ausstellung einen Typus Schwarzer Mensch; es ging nicht um das Individuum Angelo Soliman, sondern er musste als Typus herhalten. Die (Neu-)Inszenierung des "Körpers" ist auch ohne Körper voyeuristisch und gewaltvoll. In der Verkleidung im Kasten kann mensch sich den Körper leicht dazu vorstellen.

Die Beleuchtung betont den "Federnschmuck", mit der die zur Schau gestellte Haut Angelo Solimans bekleidet wurde. Ihr wird eine hohe Bedeutung zugeschrieben. Der Erzählung zufolge war es Kaiser Franz II - im Wien Museum gegenüber des makaberen Schaukastens präsentiert - der damit ein Exempel statuieren wollte: Gegen die Ideale der Aufklärung. Die Aufmerksamkeit, die diese Interpretation dem großen politischen Spiel zweier Kaiser schenkt, fehlt für die Auseinandersetzung mit den rassistischen Intentionen der Ausstopfung und Ausstellung von konstruierten Körpern - durch den Blick auf die große Geschichtsschreibung wird der Rassismus unsichtbar gemacht.

Der Kurator wollte eigenen Aussagen zufolge "mit Feingefühl bei diesem Thema vorgehen" und das Individuum Soliman sehen. Doch was kam dabei heraus?


Eine Schaustellung rassistischer Geschichte/n ...


Anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie Geschichte/n - mit Blick auf die sich bis heute gehaltenen rassistischen Zuschreibungen - neu geschrieben, wie Stereotype dekonstruiert und Gegenbilder geschaffen werden können, finden viele Spekulationen ihren Weg in die Ausstellung. Warum wurde die Haut Solimans nach seinem Tod mit Glasperlen und einem Federschmuck präsentiert? Und vor allem: Warum war dieser "Federschmuck" weiß, rot und blau? Doch wen interessiert das?

Die Ausstellung erzählt nicht, wie Schwarze österreichische Geschichte/n bisher verborgen wurde/n. Anstatt "bisher weitgehend ungehörte Gegengeschichte/n und mögliche Gegenentwürfe" (remapping Mozart) sichtbar zu machen, teilt der Kurator via besagtem Beitrag im ORF mit:

"Wir wissen sehr viele Details über Soliman, aber von dieser Zeit wissen wir praktisch nichts über ihn persönlich. Wir wissen nicht was er darüber gedacht hat, sich so ausstaffieren zu lassen. Wir wissen nicht, ob er das mit Überzeugung gemacht hat oder ob er einfach nur verzweifelt ein Spiel mitgespielt hat, das seine einzige Chance war. Wir wissen nicht ob er verbittert war. Wir wissen nicht ob er Heimweh hatte. (...) All diese persönlichen Informationen fehlen uns und für den Rest seines Lebens fehlt uns eigentlich alles. D.h. bevor er nach Wien gekommen ist haben wir einen Bericht, einen Aufsatz von ungefähr 30 Seiten, von dem die Hälfte eine Fantasie über seine Kindheit ist. Und da müssen wir dann versuchen, mit anderen Mitteln das anzugehen..."

Der Kurator begnügt sich damit zu sagen, über die Einstellung und die Gedanken Solimans wenig bis gar nichts zu wissen. Er sucht nicht nach verborgenen Geschichten, verzichtet auf die kritische Auseinandersetzung mit dem rassistischen Blick auf Schwarze Körper und blendet damit seine Position als weißer Mann vollkommen aus. Der Kurator richtet den Blick auf das von ihm gewählte Objekt. Eine Auseinandersetzung mit rassistischen Leseweisen der Gegenwart fehlt - und gerade in diesen scheinen die Ausstellungsmacher_innen gefangen zu sein. "Geschichte in der man lebt, aus der zieht man auch seine Werte", teilte er dem aufgeklärten und kulturell interessierten Publikum im ORF mit. Als seien Zitate aus Büchern, mit denen zu Solimans Lebzeiten Schwarze Menschen schubladisiert wurden, heutzutage nicht mehr aktuell und problematisch, werden sie - unkommentiert - in der Ausstellung wiedergegeben.

Betritt mensch die Ausstellung, dann ist als erstes ein Gemälde Angelo Solimans zu sehen, in dem er als "edel" dargestellt wird. Hinter dem Bild, auf der anderen Seite der Schautafel, verbergen sich die Stereotypisierungen, die durch die Ausstellung verfestigt werden.

Was die Ausstellungsmacher_innen dazu bewogen hat, eine Definition aus Zedlers Universallexikon von 1731, die aus einer Aneinanderreihung rassistischer Stereotype besteht, gleich am Beginn der Ausstellung vollkommen unkommentiert zu reproduzieren, wissen wir nicht. Vielleicht hängt dies damit zusammen, dass am Ende des Zitats festgehalten wird: "doch hat es unter so vielen Bösen auch einige tugendhafte und vortreffliche Männer ... gegeben." Die Vermutung liegt nahe, dass einer der zuletzt genannten im Wien Museum zur Schau gestellt wird: der "vortreffliche", der "Edel-M." Angelo Soliman.

Einige Portraits, die in der Ausstellung gezeigt werden, stellen Schwarze Menschen gemeinsam mit ihren Sklavenhalter_innen bzw. Besitzer_innen dar (z.B. Pierre Mignard, Louise de Kérouaille, Großherzogin von Portsmouth mit "Diener", 1682 aus der Londoner Nationalgalerie). In der bereits erwähnten Führung von Belinda Kazeem wurde darauf hingewiesen, dass diese Bildzusammenstellung gewählt wurde, um die Kontraste deutlicher zu zeichnen, also das Weißsein stärker hervor zu heben und damit die Herrschaftsverhältnisse zu verdeutlichen. Diese Ausstellung mit dem vermeintlichen Anspruch, die Geschichte Solimans und seiner Zeit nachzuzeichnen, lenkt den Blick jedoch erneut nur auf die weiße Figur, der Beleuchtungsspot ist ganz klar auf sie gerichtet, nicht jedoch auf den (kleiner dargestellten) Diener, um dessen Geschichte es ja eigentlich gehen sollte.


... antirassistisch gestalten?


Kritik an derartigen Praxen gibt es genügend, und immer wieder wird ihr mit rassistischen Argumenten entgegnet. Deshalb wollen wir auf eine Ausstellung verweisen, im Rahmen derer eine kritische und reflektierte Praxis umgesetzt wurde. Im Mozart-Gedenkjahr 2006 wurde versucht, mit dem vierteiligen Ausstellungsprojekt "Verborgene Geschichte/n. remapping Mozart" die Rollenverteilung zwischen denen, die Geschichte schreiben und denen, "über die geschrieben wird, die bloß als Objekte Eingang in die Historiografie finden" aufzubrechen. remapping Mozart stellte "dem vorherrschenden Geschichtsbild und der Konstruktion eines einzigen Geschichtskanons eine Mehrzahl von Geschichten gegenüber und widmete sich jenen verborgenen Positionen, Fakten, Strukturen und Zusammenhängen, die (...) gemeinhin unsichtbar und verschüttet bleiben" (Einleitung zum Ausstellungskatalog: Verborgene Geschichte/n - remapping Mozart, S. 9).

In der Konfiguration III von remapping Mozart mit dem Titel "Was aller Welt unmöglich scheint", ging es um das Leben von Menschen im 18. Jahrhundert, der Zeit Mozarts. "Bisher weitgehend ungehörte Gegengeschichte/n und mögliche Gegenentwürfe" wurden sichtbar gemacht. "Nichtsdestotrotz heißt das Schreiben und Erzählen Schwarzer österreichischer Geschichte angesichts der vielen schmerzhaft offen bleibenden Fragen auch, ständig damit konfrontiert zu sein, dass Geschichtsschreibung auch eine Geschichte hat, eine Geschichte des Verbergens und eine Geschichte der Gewalt. Und diese Geschichte in einer Ausstellung zu bedenken heißt, auch zu erzählen, dass und wie Schwarze österreichische Geschichte bisher verborgen wurde" (Ausstellungskatalog: Verborgene Geschichte/n - remapping Mozart, S. 30f).

Dabei beruft sich die "Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte" u.a. auf bell hooks und das von ihr benannte "talking back". Es ist im doppelten Sprachsinn sowohl ein Zurückreden als auch ein Erzählen der (eigenen) Geschichte/n Schwarzer Menschen.


Ignoranz? Rassismus? Von wem?


Die Schaustellung im Wien Museum ignoriert diese Schwarze Perspektive und ist Teil einer herrschenden, weißen Geschichtsschreibung. Sie wagt keine Umkehrung der Perspektive, um dem Publikum Schwarze Geschichte/n zu erzählen, sondern greift (vor)herrschende Erzählungen eines Mythos auf. Der Großteils des Publikums kommt nicht in diese Schau, weil es Schwarze Geschichte/n sehen will, sondern weil vor 200 Jahren einem Menschen die Haut vom Körper gezogen und präpariert zur Schau gestellt wurde. Den Ausstellungsmacher_innen war es wichtig, diese "gewaltvolle Inszenierung" nachzubilden. Und es ist zweifelsohne genau dieser Raum der Ausstellung, der das größte Interesse auf sich zieht. Bei mehreren Führungen gab es genau hier, im rekonstruierten Schauraum aus dem k.u.k Naturalienkabinett, die meisten Nachfragen der Besuchenden.

Die Perspektive des Blicks hat einen wesentlichen Anteil daran, was bei einer Ausstellung gezeigt wird. Dass eine Darstellung Schwarzer österreichischer Geschichte auch anders möglich ist, beweist die bereits thematisierte Ausstellungsreihe "verborgene Geschichte/n - remapping Mozart".

Besonders entlarvend ist der Umgang des Wien Museums mit im Rahmen dieses Projekt erarbeiteten Ergebnissen der "Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte". Diese stellte sich damals die Frage, wie Angelo Soliman heute wirken würde und beauftragte einen Künstler, Robert Sturm, mit der gestalterischen Umsetzung ihrer Ideen zu "Angelo X". In der Ausstellung zu Angelo Soliman im Wien Museum wird dieses Bild mit einem Text versehen, der eher vermuten lässt, dass der weiße Künstler einer jungen Gruppe Afrikaner_innen im Rahmen eines Workshops auf der Suche ihrer Identität geholfen hätte. Zudem wird es völlig entkontextualisiert dargestellt und in keinen Zusammenhang mit seiner Ursprungsgeschichte im Rahmen der Recherchegruppe gebracht. Nun könnten wir Unwissen der Kurator_innen vermuten - aber auch schlichte Ignoranz.


"... heute zahlen sie Geld, um mich zu begaffen" (**)


Die im Wien Museum präsentierte Schau ist kein "Schreiben und Erzählen Schwarzer österreichischer Geschichte" (Recherchegruppe), vielmehr kann sie als eine Fortsetzung der Zur-Schau-Stellung Schwarzer Menschen gesehen werden. Nicht weil dort Menschen dem rassistischen Blick breiter Massen aussetzt werden. Die Ausstellungsmacher_innen bedienten sich aus dem reichhaltigen Repertoire sagenumwobener mythischer Erzählungen und Objekte vergangener Jahrhunderte, um erneut aus der Sensationslust einer - zivilisierten - Gesellschaft Kapital zu schlagen. Wenn die Ausstellung behauptet, dass "Soliman gewissermaßen zweimal seiner Selbst entkleidet wurde", dann wird die Tatsache verborgen, dass die Schau im Wien Museum selbst nichts anderes tut.

Anstatt die Lebensrealitäten der damaligen Zeit zu erzählen, nach ihnen zu suchen und sie aus dem Verborgenen zu holen, wird die herrschende Geschichtsschreibung fortgesetzt. Dadurch wird der Raum für kritische Reflexion eingeengt, bleiben die Positionen klar verteilt. Wer kommt ins Museum, um die sagenumwobene Geschichte zu bestaunen? Wer beschwert sich darüber, dass "das Präparat" fehlt? Wer will nicht darauf verzichten, "die Anderen" fortwährend als "die Anderen" zu benennen, anstatt ihre Anwesenheit, ihre Präsenz zu akzeptieren.

Deshalb rufen wir hier zwei Aussagen in Erinnerung, mit denen vielen Menschen gegen rassistische Ausschlüsse Stellung beziehen: "Wir sind von hier!" und: "Wir bleiben hier!"




Anmerkungen


* Das Konzept zur Ausstellung stammt vom Historiker Philipp Blom. Er kuratierte sie gemeinsam mit Eva-Maria Orosz und ist für den Großteil der Ausstellungstexte verantwortlich, insbesondere beim historischen Teil. Das Wien Museum und dessen Direktor Wolfgang Kos waren bei der Auswahl der gezeigten Objekte eingebunden. Die Kritik in diesem Artikel richtet sich vor allem an Blom, doch sollten sich das Wien Museum bzw. dessen Mitarbeiter_innen ebenfalls angesprochen fühlen.

** Nach Ilija Trojanows Beitrag im Katalog zur 376. Sonderausstellung des Wien Museums, herausgegeben von Philipp Blom und Wolfgang Kos: Angelo Soliman. Ein Afrikaner in Wien, Brandstädter, Wien, 2011, S. 144. Dieser Text, ein "Selbstgespräch", wurde bei der Spezialführung von Ilija Trojanow am 8. Jänner 2012 vor dem rekonstruierten Schaukasten aus dem k.u.k Naturalienkabinett vorgetragen.