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Quellenangabe:
Dringender Aufruf zur Unterstützung: Situation in Presevo (serbisch-mazedonische Grenze) (vom 12.10.2015),
URL: http://no-racism.net/article/4920/, besucht am 31.03.2020

[12. Oct 2015]

Dringender Aufruf zur Unterstützung: Situation in Presevo (serbisch-mazedonische Grenze)

Dies ist ein aktueller Erfahrungs- bericht von der serbisch mazedonischen Grenze aus Presevo (Sonntag, 11. Oct 2015), wo tausende Menschen unter katastrophalen Bedingungen in Regen und Kälte ohne Zugang zu ausreichend Wasser, Essen und medizinischer Versorgung ausharren. Es werden dringend Unterstützer_innen, Geld- und Sachspenden benötigt!

Wir sind nach ca 30 Stunden Autofahrt nun seit 2 Tagen in Presevo an der Grenze von Serbien zu Mazdeonien. Unser Van war vollgepackt mit Essen, Kocher, Decken, Zelten, Jacken etc. und wir haben riesen Glück gehabt, dass wir überhaupt nach Serbien gelassen wurden, da Hilfsgütertranporte und humanitäre Hilfe generell meist verwehrt wird. Ein absurdes politisches Spiel. Nur dadurch, dass wir inszeniert haben zu einem Technofestival in Thessaloniki zu fahren, konnten wir passieren.

(Triggerwarnung: Beschreibung der schlimmen Zustaende hier.)

Die Situation hier in Presevo ist schrecklich. Es kommen ununterbrochen tausende Menschen von der mazedonischen Grenze hierher, wo sie nach stundenlangem Warten registriert werden, nur um die offizielle Erlaubnis zu haben sich 72 Stunden in Serbien aufzuhalten. Es regnet fast permanent in Strömen, nachts fällt oft die Elektrizität aus, es ist dunkel, kalt und nass und die Menschen warten teilweise 13 Stunden stehend in einer umgitterten Schlange bis sie in das Camp gelassen werden, wo sie mit Decken, wovon es viel zu wenig gibt, und ein bisschen Suppe versorgt werden, um sich dort ein Papier mit Stempel abzuholen.

Anschließend werden sie rausgelassen auf einen Vorplatz, auf dem es warmes Essen und Chai gibt. Wenn sie die Schlange verlassen, weil sie schlafen wollen oder zu erschöpft sind um zu stehen, z.B. Familien, müssen sie sich danach wieder hinten anstellen. So kommt es, dass einige Leute 2 Tage warten müssen bis sie endlich einen Bus bekommen, der sie für 35 Euro an die naechste Grenze nach Babska in Kroatien fährt.

Als wir ankamen wurde inmitten dieser schlimmen, vermüllten Situation eine Hochzeit gefeiert. Absurder hätte das alles nicht sein können.

Es ist alles so pervers. Die serbischen Taxifahrer_innen und viele Privatpersonen mit Autos organisieren sich mafiös und versuchen die Refugees vor der langen Schlange abzufangen und sie zu überreden, dass sie ein Taxi nehmen. Sie werden abgezockt und für viel viel zu viel Geld irgendwohingefahren und dann rausgelassen. Diese Autos versuchen aus der absoluten Krisensituation auch noch Geld ohne Ende zu schlagen. Wir versuchen die Menschen zu informieren und von den kriminellen Taxifahrer_innen abzuraten. Wenn sie in der Schlange stehen, müssen sie im Dauerregen stundenlang warten. Die Polizei lässt sie häppchenweise vor und scheut sich nicht davor wild mit Schlagstöcken rumzuspielen und die Menschen wie Dreck zu behandeln.

Es sind so unfassbar viele Menschen, viele Kinder, Schwangere, kranke oder verletzte Menschen, die gerade den Kriegs- oder Krisengebieten entflohen sind und nun hier wieder auf die absolute Demütigung stoßen. Anders als an den kroatischen oder slowenischen Grenzübergängen werden Schwangere, Mütter mit Babies oder Menschen, die nicht mobil oder krank sind, hier nicht bevorzugt sondern müssen auch ausharren.

Um 3 Uhr nachts macht Registrierung zu und erst um 8 Uhr morgens wieder auf, das heißt solange müssen alle im Regen stehen oder sie suchen sich Schutz in leeren Läden, unter Planen oder in den wenigen Zelten, die wir aufgebaut haben.

Es gibt nur 1 Arzt im Camp und dahin dürfen nur die absolut dringendsten Fälle, quasi lebensbedrohliche Fälle. UNHCR und NGOs machen nachts Feierabend. Es ist einfach unglaublich, in solch einer katastrophalen Situation Feierabend zu machen! Die Mehrheit der Menschen ist völlig unterkühlt, Babies und Kinder sehen nur noch apathisch aus. Fast alle Menschen haben kreideweiße Hände, manche sind barfuß. Hypothermie (Unterkühlung) ist hier quasi Normalzustand, zitternde super erschöpfte Menschen, die kaum noch stehen können.

Die Presse ist nicht da. Wir kochen und übernehem nun die Essensversorgung auf dem Vorplatz und versuchen regelmäßig Chai in die wartende Menschenschlange zu geben. Es mangelt hier an allem, vor allem brauchen wir mehr Unterstützer*innen.

Die letzte Nacht war der Horror. Es hat in Strömen geregnet, die Abwasserkanäle waren verstopft und die Straße war ein Fluss. Wir standen teilweise bis kurz unters Knie im Wasser, der ganze Muell schwamm umher, alle waren nass, unterkühlt, hungrig und so erschöpft! Kinder schreien kaum noch, weil sie nur noch apathisch sind.

Ich habe eine Familie getroffen. Die Mutter war klitschnass, hatte nur ein dünnes Tshirt an, hochschwanger und mit Baby umgeschnallt. Der Vater und die anderen beiden Kinder auch völlig fertig und ausdruckslos. Wir konnten ihnen ein Zelt zum Ausruhen geben. Ich habe den Säuglich zum Zelt getragen, weil die Mutter es nicht mehr konnte, wir mussten sie stützen. Durch eine tiefe überschwemmte Wiese haben sie sich dorthin geschleppt. Zum Glück konnten wir ein paar Decken und Bananen auftreiben. Alle waren am Zittern und haben kaum noch ein Wort gesprochen.

Direkt danach habe ich ein Zelt auf der Straße gesehen, dass schon völlig unter Wasser stand und wollte schauen ob dort Menschen drin schlafen. Als ich das Zelt aufgemacht hab, waren dort 4 Kinder, die älteste vielleicht 7 Jahre alt, der Jüngste eineinhalb oder so. Sie waren allein ohne Eltern. Ich konnte aus den paar Wörtern Englisch der Ältesten nur verstehen, dass die Eltern gegangen waren ohne zu erfahren wohin. Mit zwei anderen haben wir die Kinder da rausgeholt und zum Arztzelt getragen. Der Kleine auf meinem Arm war bis auf ein Tshirt komplett nackt und hat so gezittert, wie ich es noch nie gesehen hab. Ich konnte ihn nur durch ganz festes Anmichdrücken etwas auffwärmen. Alle Kinder waren total apathisch und abwesend. Wir haben den Namen der Mutter rausgefunden und wollten Decken organisieren um die Kinder zu wärmen, dann hat die Polizeichefin uns verboten auf das Camp zu gehen und wir konnten beides nicht machen. Wir sind in der Nähe des Zeltes geblieben um zu schauen, ob die Eltern zurückkommen um die Kinder zu holen und dann kamen sie. Die Mutter war super panisch als sie das leere Zelt gesehen hat, sie wollten sich registrieren und die Kinder später abholen. Aber die Familie hat sich wiedergefunden, zum Glück!

Eine Mutter hat gestern nacht ihr ungeborenes Baby verloren, vielleicht weil sie einfach nicht mehr konnte.

Es gibt viele solcher grauenhaften, unfassbaren Geschichten von einzelnen Menschen hier.

Der Regen hat zum Glück heute tagsüber kurz nachgelassen und die Leute konnten sich etwas aufwärmen und trocknen. Nachmittags ist plötzlich das Militär mit Maschinengewehren aufgetaucht. Mitten auf dem Platz. Sie haben nichts getan, außer Macht zu demonstrieren und einzuschüchtern, dann sind sie wieder gefahren.

Auch hier ist alles so repressiv, Hilfe wird kriminalisiert, zumindest selbstorganisierte, NGOs lassen sich wenig in Aktion blicken und das meiste läuft eben über die Menschen, die einfach hierherkommen und helfen. In unserer Küche werden wir viel von wartenden Refugees unterstützt, deren Busse noch nicht fahren. Wir können in einem Lagerraum auf den UNHCR Decken schlafen, schlafen aber eher wenig. Die Lage ist echt schlimm und ich habe Angst vor der nächsten Nacht. Wie soll man schutzsuchenden Menschen erklären, dass sie ab nun mindestens 12 Stunden im kalten Regen warten müssen um dieses überflüssige Papier zu bekommen und dann auch noch Geld bezahlen sollen, um an die kroatische Grenze zu kommen? Vor allem schwangeren Frauen oder Familie mit Säuglingen? Wir versuchen auf uns aufzupassen, aber das hier emotional zu verarbeiten ist kaum möglich, weil kein Raum da ist und weil es teilweise so surreal erscheint, was hier passiert. Aber gemeinsam mit vertrauten Menschen können wir uns hier zumindest immer wieder neue Kraft geben und die Wut und Trauer teilen.

Viele Volonteers reisen heute nacht ab, weil morgen wieder die Woche beginnt. Wir brauchen dringend Unterstützung hier mit allem, was geht. Essen, Wasser, Decken, Regencapes, Geld, Ärzt_innen, Unterstützer_innen! Falls ihr noch Menschen mit Kapazitäten kennt, gebt diese Infos bitte weiter!


Für mehr und aktuelle Infos und Kontaktaufnahme zu den Leuten an der Grenze siehe :: Updates von den Grenzen - kommentierte Linkliste und Chronologie der Berichte auf no-racism.net.

Artikel zuerst veröffentlicht am 12. Oct 2015 auf :: linksunten.indymedia.org.