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Quellenangabe:
1. März - europäischer Aktionstag gegen europäisches Grenzregime und prekäre Arbeit (vom 06.03.2016),
URL: http://no-racism.net/article/5037/, besucht am 02.12.2022

[06. Mar 2016]

1. März - europäischer Aktionstag gegen europäisches Grenzregime und prekäre Arbeit

Am 1. Marz 2016 gingen in verschiedenen europäischen Ländern migrantische Arbeiter_innen gemeinsam mit anderen Prekären und Proletarisierten auf die Straße, um gegen kapitalistische Ausbeutung und das rassistische Grenzregime zu protestieren.

Ein Anfang wurde gemacht. Die Stärke der Aktion besteht darin, dass hier proletarische Kollektive und Basisgewerkschaften ohne Unterstützung von Großorganisatinen koordiniert gehandelt haben. Wir müssen die Aktionen jetzt auswerten und weiter entwickeln. Denn der 1. März steht antagonistisch sowohl zur Politik der herrschenden Eliten der EU als auch der rechten Gruppen, die überall anwachsen. Hier der Bericht zum Spaziergang durch das Prekäre Berlin am 1. März:

"Inversible Care Work" und "Migrants without Labourrights" ist auf den bunten Schirmen zu lesen, die Lucia aufgespannt hat. Sie gehört den Migrant Strikers an, einer Gruppe von italienischen Arbeitsmigrant_innen in Berlin Sie gehörten zu Organisator_innen eines Spaziergangs durch das Berlin der migrantischen Arbeit, der am Dienstagnachmittag (1. März) am Potsdamer Platz startete. Ca. 100 Menschen haben sich am Platz eingefunden, darunter auch eine Sambagruppe, die musikalisch für Stimmung sorgt. Einige Aktivist_innen mit Clownsmasken fragen PassantInnen nach ihren Arbeitsbedingungen. Die meisten schweigen.


16 Monate Kampf und noch immer kein Lohn


Vor dem Eingang der Mall of Berlin wird in einem Beitrag eines Mitglieds der Basisgewerkschaft Freie Arbeiter Union (FAU) die 8 rumänischen Bauarbeiter erinnert, die sich nun mehr als 16 Monaten um den ihnen vorenthaltenen Lohn kämpfen. Trotz zahlreicher Kundgebungen und juristischer Klagen haben sie bis heute kein Geld erhalten. "Was in der letzten Zeit fehlt ist eine kritische Öffentlichkeit, die solange vor dem Eingang der Mall of Berlin protestiert, bis die Kollegen ihren Lohn bekommen haben".

Auf der zweiten Station vor einem Gebäude der HistorikerInnenfakultät der Humboldtuniversität sprechen Kommiliton_innen über prekäre Arbeitsbedingungen im Wissenschaftsbetrieb. Sie fordern einen Tarifvertrag für die ca. 6000 studentisch Beschäftigen an Hochschulen.

Vor dem Jobcenter in der Charlottenstraße sprachen Aktivist_innen der Erwerbsloseninitiative Basta über Widerstand gegen Sanktionen und Schikanen. Auf dem Weg nach Kreuzberg wurde in Kurzbeiträgen an die zahlreichen Restaurants erinnert "Die Gastronomiebranche ist ein zentraler Motor der prekären migrantischen Arbeit in Berlin", meint Nicola von den Migrant Strikes. Pablo vom Oficina Precaria Berlin, in dem sich Arbeitsmigrant_innen aus Spanien koordinieren, zeigt sich mit dem Ablauf des Spaziergangs zufrieden. "Wir hatten nur einen knappen Monat Vorbereitungszeit und haben unterschiedliche prekär Beschäftigte KollegInnen erreicht". Dazu gehören die Beschäftigten des Botanischen Gartens an der FU Berlin. Sie wehren sich gegen Outsourcing und haben mit einen Banner der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi an den Spaziergang teilgenommen. Erwin vom der Berliner Blockupy-Plattform, die in den letzten Jahren Krisenproteste organisiert hat, will erst von einen Erfolg sprechen, wenn der Kampf gegen migrantische Arbeit auch über den 1. März hinaus fortgesetzt wird. In der nächsten Woche wird man über die weitere Arbeit beraten.


Vor der Mall of Berin wurde folgender Redebeitrag gehalten:

Wir stehen hier vor der Mall of Berlin, einem Symbol der Ausbeutung der prekären Arbeit Arbeit, aber auch von Widerstand geworden. Rumänische Bauarbeiter kämpfen mit juristischen Klagen und politischen Aktionen seit über einen Jahr um den Lohn, der ihnen noch immer vorenthalten wird. Der Fall ist sehr typisch im Kapitalismus: Die Arbeiter wurden ohne schriftliche Verträge zu rechtswidrigen Niedriglöhnen beim Bau der Mall of Shame, welche durch die insolvente Fettchenhauer Controlling & Logistic GmbH als Generalübernehmerin unter Investor Harald Huth betreut wurde, beschäftigt. Dabei erhielten sie nicht einmal die ihnen zustehende Summe der Niedrigstlöhne. Als das Gebäude fertig war, wurden die Kollegen ohne den Lohn entlassen. Sie mussten auch ihre Unterkünfte verlassen und waren so obdachlos.

Was danach passierte, war ganz untypisch.

Die Kollegen wehrten sich, malten zunächst ohne jegliche Unterstützung von Außen ein Transparent, auf dem sie die Auszahlung ihres Lohnes forderten und stellen sich vor den Eingang der Mall of Berlin. Danach informierten sie sich beim DGB-Projekt Faire Arbeit über ihre Rechte. Dort sagte man ihnen, sie könnten einen Teil des Lohnes ausgezahlt bekommen, wenn sie unterschrieben, dass sie auf alle weiteren Rechte verzichten. Ein Teil der Kollegen akzeptierte, andere waren nicht bereit, auf einen Teil ihrer Rechte zu verzichten. Sie wandten sich an die Basisgewerkschaft FAU. Gemeinsam mit den Kolleg_innen organisieren sie seit mehr als 16 Monaten den Widerstand. Es gab mehrere Demonstrationen und Kundgebungen, es gab mehrere Gerichtsprozesse. Am Anfang nahmen die Eigentümer die Kollegen nicht ernst und erschienen gar nicht erst vor Gericht und wurden dafür verurteilt. Mittlerweile haben sie erkannt, dass es den Kollegen ernst mit dem Kampf um ihren Lohn. Es gab mehrere Verurteilungen, doch trotz mehr als 16 Monate Kampf haben die Kollegen das Geld noch nicht ausbezahlt bekommen. Eines der beteiligten Subunternehmen Metatec hat mittlerweile Insolvenz angemeldet. Auch das ist eine Methode, die Forderungen der Kollegen zu ignorieren. Was in der letzten Zeit fehlt, ist eine solidarische Öffentlichkeit, die möglichst häufig hier vor den Toren der Mall of Berlin erscheint mit der Forderung: "Bosse, bezahlt die Arbeiter oder werdet keine Ruhe haben."

Artikel zuerst veröffentlicht am 03. Mar 2016 auf :: de.indymedia.org