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Quellenangabe:
Zur Situation an der griechisch-mazedonischen Grenze - Teil 1 (vom 08.06.2016),
URL: http://no-racism.net/article/5137/, besucht am 15.08.2022

[08. Jun 2016]

Zur Situation an der griechisch-mazedonischen Grenze - Teil 1

2. Juni 2016: Das Camp in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze, mit über 10000 BewohnerInnen, wurde vor gut zwei Wochen geräumt. Die Medien berichteten wochenlang über die unzumutbaren Zustände im Camp und über die Räumung. Seit dem ist einiges passiert, nur scheint das Interesse in der Öffentlichkeit zu schwinden.

Der griechische Staat hat einige weitere offizielle Camps eingerichtet in dem sich die Menschen registrieren lassen müssen. Ca. 4000 Flüchtlinge sollen sich in diese Camps, unter anderen bei Nea Kavala oder Thesanloniki begeben haben. Viele wollen nicht in die Lager und befinden sich in neuen illegalisierten Camps oder verstecken sich in den Wäldern.


Viele wollen nicht in die Lager, da beispielsweise durch die sogenannte Drittstaatenregelung, eine weitere Flucht unmöglich gemacht werden würde. Zur Lage in diesen Camps gibt es nur wenige Informationen, da nur ausgewählte JournalistInnen und Freiwillige Zugang erhalten.

Mehrere tausend Flüchtlinge bewegen sich weiterhin in den Wäldern, auf den Straßen oder leben in einem der mehreren improvisierten Camps, wie dem "Camp Hotel Hara" in der Ortschaft Evzoni oder dem "Camp EKO" an einer Autobahnraststätte nahe des Ortes Polykastro (siehe Karte). Wie viele Menschen es wirklich sind lässt sich schwer schätzen, da Gruppen von Geflüchteten manchmal nur für einige Tage an einer Stelle bleiben und dann weiter ziehen bzw. sich eine große Anzahl an Menschen in den Wäldern oder Bergen versteckt hält. Vielen hier scheint klar zu sein, dass die sogenannte "Balkanroute" geschlossen bleiben wird und die nötigen Ressourcen um mit Schleusern weiter zu kommen stehen anscheinend auch nur wenigen Flüchtlingen zur Verfügung. Ein ehemaliger Arzt aus Damaskus, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern seit 3 Monaten im "Camp-EKO" lebt, sprach von einer ausweglosen Situation. Nach Syrien werde er solange Assad regiert und die Islamisten Teile des Landes kontrollieren unter keinen Umständen zurück. Er ist seit fast 3 Jahren unentwegt mit seiner Familie auf der Flucht. Eventuell will er zurück in die Türkei, wo die Versorgung in einigen offiziellen Lagern besser sein soll, als die in Griechenland. Momentan bleibt ihm nichts anderes übrig als hier weiter zu verharren. Die Hoffnung irgendwann ein Mal mit seiner Familie in Frankreich oder Deutschland zu leben hat er trotzdem noch nicht aufgegeben. Er will vor allen Dingen "gute Bildung" für seine Kinder, die er seit Jahren auf den Stationen der Flucht bisher selbst organisiert.

In "Camp Hara", welches nur wenige Kilometer vor der Grenze liegt, befinden sich zur Zeit zwischen 700 und 1500 Menschen und leben dort gänzlich ohne Sanitäranlagen, Gesundheits- oder Nahrungsversorgung. Es kursieren Gerüchte, dass auch dieses Camp in den nächsten Tagen geräumt werden soll. Die Situation und der weitere Verlauf ist allerdings unklar. Spiegel-Online hatte in diesem Zusammenhang als eines der einzigen und letzten Medien vor einigen Tagen über die Lebensverhältnisse vor Ort berichtet. Es kam unter anderen zu einer Schießerei zwischen Schleusern und Geflüchteten. Viele erhoffen sich hier aufgrund der Nähe zur Grenze einen möglichen Übertritt.

Das Camp an der EKO-Tankstelle bei Polykastro ist ein wenig besser versorgt als das in Evzoni. Beispielsweise bekocht eine große Küche, bestehend aus Flüchtlingen und Freiwilligen, die nach Schätzungen meist aus Syrien und dem Irak kommenden 500 Familien (insgesamt ca. 1700 Menschen) im Camp. Es gibt Dixitoiletten, ein Lern- und Spielzelt für Kinder und ein freies "No-Border Radio" welchen täglich Musik- und Kultur organisiert. Friseur_innen, kleine Kioske und sogar Tätowierer_innen sind im Camp anzutreffen. Am Abend gibt es an einigen Stellen selbst organisierte Kinos und woanders sitzen junge Menschen mit unterschiedlichsten sozialen und kulturellen Hintergründen zusammen, trinken Bier, hören Musik oder fluchen über das europäische Grenzregime.

Neben dem ganzen menschlichen Leid das hier passiert, ist in einigen Momenten so auch etwas wie Solidarität und Hoffnung wahr zu nehmen, dass sich die Situation in dieser Welt irgendwann ein Mal grundlegend ändert. Das ist Nötig, denn auch hier im "EKO-Camp" schlafen und wohnen die Menschen bei über 30° Grad Lufttemperatur dicht gedrängt meist in einfachen Zelten beieinander. Und auch hier sind die Lebensverhältnisse dreckig und menschenunwürdig.

Es ist schwer zu fassen was hier vor sich geht. Was auffällt ist, dass es tausende von Menschen gibt die sich bewusst auf die Flucht nach einem besseren Leben gemacht haben und die anscheinend nicht gewillt sind die politischen Entscheidungen der europäischen Regierungen zu akzeptieren.

Artikel zuerst veröffentlicht am 02. Jun 2016 auf :: fallingborderssite.wordpress.com