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Quellenangabe:
Die Geschichte des formalisierten Korridors (vom 06.08.2017),
URL: http://no-racism.net/article/5220/, besucht am 15.12.2017

[06. Aug 2017]

Die Geschichte des formalisierten Korridors

Erosion und Restrukturierung des Europäischen Grenzregimes auf dem Balkan. Zwei Jahre nachdem sich unzählige Menschen zu Fuß auf dem Weg von Südosteuropa nach Zentraleuropa aufmachten, erschien ein lesenswerter Bericht von bordermonitoring.eu. Es ist eine Geschichte über migrantische Mobilität, migrantische Protestformen und hierauf reagierenden staatlichen Kontrollbestrebungen. Fazit: Die heimliche Migration über den Balkan findet weiterhin statt. Geschlossen wurde nicht die 'Balkanroute', sondern lediglich der 'formalisierte Korridor'.

Vor zwei Jahren kamen hunderttausende Flüchtlinge während des langen Sommers der Migration über die Türkei, Griechenland und den Balkan vor allem nach Deutschland. Dort wurden sie zunächst in einer unerwarteten Welle der Solidarität willkommen geheißen. Zweifelsohne weht der Wind zwischenzeitlich wieder erheblich rauer. Dennoch: Der formalisierte Korridor über den Balkan stellte eine Zäsur im Europäischen Grenzregime dar. Wir würden sogar von seinem temporären Totalzusammenbruch sprechen. Bisher wurden Zustandekommen des formalisierten Korridors, seine geographischen und qualitativen Veränderungen, sowie der Prozess seiner Schließung dennoch nicht zusammenhängend beschrieben. Diese Lücke schließt der vorliegende Bericht.

Neben der :: Online-Version (als pdf) wird der Bericht auch als Buch erscheinen, das über die Adresse bestellung (at) bordermonitoring.eu zum Preis von 7 Euro (zzgl. Versand) bestellt werden kann.


Einleitung


Laut dem weit verbreiteten Narrativ entschied sich Angela Merkel im Sommer 2015 dazu, die "Grenzen zu öffnen". Breite Wiederholung fand diese dominante Geschichtsschreibung noch einmal anlässlich des Jahrestages des :: March of Hope, der Anfang September 2015 vom Budapester Bahnhof Keleti :: startete. Vielfach vermittelten die Reportagen den Eindruck, dass es zuvor überhaupt keine Migration über den Balkan in Richtung Westeuropa gegeben habe. In den meisten Artikeln wurde die Eskalation am Budapester Bahnhof und die drauf folgenden Entwicklungen auf höchster politischer Ebene als Startpunkt des langen Sommers der Migration interpretiert.

Nur selten wurde die Frage gestellt, wie die Menschen überhaupt nach Budapest gelangt waren und warum sie dort plötzlich am Bahnhof strandeten? Weiterhin wurde nur in sehr wenigen akademischen wie auch Presse-Veröffentlichungen :: chronologisch beschrieben, was genau nach den Ereignissen in Budapest auf dem Balkan geschah.

Anders formuliert: Welche Ereignisse führten zu radikalen Transformationen der migrantischen Mobilität über den Balkan in den Jahren 2015 und 2016, wie materialisierten sich diese Brüche und welche Ursachen gab es hierfür? Das sind die zentralen Fragen, denen der vorliegende Bericht nachgeht. Dabei wird von der Prämisse ausgegangen, dass sich migrantische Praxen und staatliche Kontrollbestrebungen wechselseitig beeinflussen, was in der Etablierung eines formalisierten Korridors mündete.

Warum findet in diesem Berichtder Begriff formalisierter Korridor Verwendung, anstatt humanitärer Korridor oder einfach Balkanroute? Zunächst einmal dient dies dazu, einen spezifischen Zeitraum zu definieren und zwar in Abgrenzung zur Balkanroute: Letztere ist durch eine weitaus längere Geschichte migrantischer Mobilität charakterisiert, die vielfach klandestin erfolgte und gegenwärtig erneut klandestin stattfindet. Im Gegensatz dazu wurde durch den formalisierten Korridor irreguläre Migration temporär formalisiert, wodurch ihr gewissermaßen die Irregularität genommen wurde. Damit einhergehend erhöhte sich nicht nur die Quantität der Migration über den Balkan, sondern sie wurde auch sichtbarer. Der Formalisierungsprozess fand dabei nur partiell aufgrund von humanitären Überlegungen der involvierten Staaten statt, weshalb auch der Begriff humanitärer Korridor unpassend ist.

Denn vielfach war es, wie dieser Bericht aufzeigt, eher so, dass die beteiligten Staaten in der Formalisierung und der damit einhergehenden Beschleunigung des Transits durch ihr Territorium schlichtweg die rationalere "Problemlösung" sahen als in der physischen Verteidigung der Grenzlinie.

Der Bericht ist in sechs Phasen untergliedert: Die erste Phase setzt sich vor allem mit der Formalisierung des südlichen Teils des Korridors in Serbien und Mazedonien auseinander. Diese geht der Formalisierung des nördlichen Teils, die in der zweiten Phase thematisiert wird, zeitlich voraus. Daran anschließend wird die geographische Verlagerung des formalisierten Korridors nach Kroatien (dritte Phase) und nach Slowenien (vierte Phase) in den Blick genommen. In der fünften Phase wird die Verengung des Zugangs zum formalisierten Korridor thematisiert, die schlussendlich in seine Schließung mündete (sechste Phase).

Quelle: Der Bericht "Die Geschichte des formalisierten Korridors. Erosion und Restrukturierung des Europäischen Grenzregimes auf dem Balkan" wurde am 02. Aug 2017 auf :: bordermonitoring.eu veröffentlicht.