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Quellenangabe:
Von einer brennenden Zelle im PAZ Hernals (vom 20.03.2019),
URL: http://no-racism.net/article/5527/, besucht am 19.07.2019

[20. Mar 2019]

Von einer brennenden Zelle im PAZ Hernals

Am 14. September 2018 wurde eine Zelle des PAZ Hernals in Wien in Brand gesetzt. Am 15. und 22. März 2019 wird über die Strafe für das in der versperrten Zelle gelegte Feuer verhandelt.

Ich habe die Polizisten nur gebeten, mir nicht so den Arm zu verdrehen und mir nicht dermaßen das Blut abzuschnüren. Jetzt ist es rechtskräftig, Widerstand gegen die Staatsgewalt, weil die Polizei sagt, dass ich mich gewehrt hätte. Ich habe einen Unfall gebaut, also kam die Polizei. Ich hatte Angst, also bin ich weggelaufen. Ohne den Unfall wäre ich vielleicht nie in der Schubhaft gelandet, wer weiß. Mein Mund war voll Blut, deshalb habe ich ausgespuckt, ich habe das Blut ausgespuckt, das ich im Mund hatte. Nur deshalb habe ich gespuckt. Hätte ich einen privaten Anwalt gehabt, gäbe es dieses Urteil jetzt nicht, da bin ich mir ganz sicher. Private Anwälte verteidigen gut. Wenn du dir keinen privaten Anwalt leisten kannst, musst du akzeptieren, was der Richter entscheidet.

In den sieben Jahren, die ich in Österreich verbrachte habe, habe ich nicht einmal das gemacht. Faruque schnippst gegen die Scheibe, die sich zwischen uns befindet. Der Telefonhörer aus Plastik, der das Gesprochene übertragt, ist schwitzig. Wenn du den Hörer nicht ans Ohr drückst, dann hörst du nur die anderen Besucher_innen, die links und rechts von dir sitzen. Hier habe ich viele Leute kennen gelernt, erzählt Faruque. Der eine ist wegen zwei Gramm Marihuana hier, einen anderen haben sie mit dreieinhalb Tonnen Marihuana erwischt und er ist mit einer Fußfussel wieder gegangen.


Hängende Schultern


Die Luft riecht abgestanden in der Besucherzone des Landesgerichts Wien, die Decke hängt tief. Bevor du hier jemanden besuchen kannst, wartest du am Gang mit anderen Freunden und Angehörigen von Inhaftierten. Die Zeit vergeht zäh und langsam und sie krümmt die wartenden Körper, die Löcher in den Boden starren. Manchmal durchschreiten Männer im Anzug und geschwollener Brust schnellen Schrittes den langen Gang, manchmal durchkreuzen ihn Polizisten mit breiten Schultern und zusammengezogenen Augenbrauen und immer wieder kann man das Putzpersonal beim Ableisten ihrer Arbeit beobachten, dessen herunterhängende Schultern und Köpfe auffällig stark an die Besucher_innen erinnert.

Faruque und die fünf anderen, mit denen er sich bis zum:: 14. September 2018 die Zelle im PAZ Hernals im Rahmen der Schubhaft geteilt hat, sind jetzt im Landesgericht getrennt voneinander eingesperrt. Grund für die Verlegung war, dass die Zelle von einem, einigen oder allen gemeinsam in Brand gesteckt wurde – hier gehen die Meinungen der Gefangenen auseinander. Diese Uneinigkeit sollte auch nicht weiter verwundern, wenn gemeinsam in diesem Zusammenhang bedeutet, denn Willen zu teilen, seine jeweils eigene Abschiebung unter allen und somit nicht sehr vielen im Gefängnis verfügbaren Mitteln zu verhindern.

Bevor die Matratze in der versperrten Zelle in Flammen aufging, wurde zusammen ein Stück Papier beschrieben, dass auf der Innenseite der Tür befestigt wurde. Ich bin Wahid. Mein Leben ist schwierig. Mein Leben ist sowieso am Ende. Unterschrift. Ich bin Najib. Ich will mich umbringen. Weil ich nicht nach Afghanistan zurückkann. Wenn ich dort bin, bin ich sowieso tot. Unterschrift. Ich bin Aziz. Mein Leben ist am Ende. Ich will mich auch töten. Meine Geduld ist am Ende. Ich habe den Abschiebetermin nach Afghanistan. Ich will mich umbringen. Ich will mich anzünden. Hier gibt es keine Menschlichkeit. Unterschrift. Ein Teil des Zettels ist nicht mehr leserlich, weil er vom Feuer verkohlt ist.


Schwarzer Schleim


Obwohl der Zellenbrand mittlerweile Monate zurückliegt, hustet Faruque noch immer schwarzen Schleim: Ich habe auf den Zettel geschrieben und übersetzt, weil ich der einzige in der Zelle, war der auf Deutsch schreiben konnte. Hinter Faruque sitzt ein Justizwachebeamter, der Zeitung liest. Er wird bald kommen und unser Gespräch beenden. Vielleicht in dem Moment, in dem Faruque von seiner toten Mutter gesprochen haben wird, vielleicht gerade in dem Moment, wo Faruque davon erzählt, wie er in den Iran gezogen ist um der Gewalt zu entkommen. Vielleicht wird es auch gerade darum gegangen sein, wie er sich über die Türkei, nach Mazedonien bis nach Österreich durchschlug, unter Anwendung von viel Zeit, Mühe, Geld, Kontakten und Ausdauer; allen Hindernissen, aller Kontrollen und aller Gewalt zum Trotz. Vielleicht wird es gerade auch darum gegangen sein, wie er unter diesen Umständen seinen jungen Sohn, mit dem er hierher unterwegs war, auf irgendeiner Toilette gewaschen hat.

Vielleicht wird es auch gerade darum gegangen sein, wie Faruque ohne Arbeitserlaubnis hart dafür gearbeitet hat, seine Wohnung bezahlen zu können, von seinem Arbeitgeber auf Nötigung verklagt wurde oder wie Faruque im Auto telefoniert, einen Unfall baut, dann versucht der Polizei zu entkommen, wie sie ihm die Handschellen viel zu eng anlegen, wie er Blut spuckt und sie ihm dann Widerstand gegen die Staatsgewalt vorwerfen.


Selbstmord und Protest


Laut einer parlamentarischen Anfrage (1681/AB XXVI. GP) wurden zwischen 2013 und 2018 18.033 Menschen in Abschiebehaft in einem der 17 Polizeianhaltezentren (PAZ) festgehalten. In diesen fünf Jahren kam es laut der Statistik des Innenministeriums zu 3700 Hungerstreiks, wobei 2850 davon im PAZ Hernals gezählt wurden.

Wenn der Gefängniswärter aufstehen wird, dann wird es vielleicht auch gerade darum gegangen sein, mit wem er sich aller in der Schubhaft im PAZ Hernals die Zelle geteilt hat, welche Sprachen dort gesprochen wurden, wer es schafft, in der Küche zu arbeiten und was man sich so im Gefängnis erzählt, vielleicht wird es gerade darum gegangen sein, unter keinen Umständen nach Afghanistan zurück zu wollen, vielleicht darum, dass man sich erzählt, dass einer mal rausgekommen ist, weil er seine Zelle angezündet hat. Mit ziemlicher Sicherheit wird es nicht um die Frage gegangen sein, ob der Brand in der Zelle ein kollektiver Selbstmordversuch gewesen ist oder ein Zeichen des Protests, es wird nicht darum gegangen sein, ob man Selbstmord und Protest unterscheiden kann, wann, wie und wer diese Unterscheidung für welchen Zweck treffen könnte.

Vielleicht wird es auch um die Frage gegangen sein, die sich auch der Bruder von Najib stellte: Warum werden im Akt die beschädigten Polster, Wände und Matratzen gelistet, nicht aber die zu zehn Prozent verbrannte Hautoberfläche von Wahid? Es kann aber auch sein, dass in dem Moment, in dem dieses Gespräch vorbei sein wird, Faruque gerade darüber erzählt haben wird, wie du unter Umständen verhindern kannst, an jenen Ort verschleppt zu werden, dem du mit all deiner Kraft, all den zur Verfügung stehenden Mitteln und trotz der fundamentalen Ungewissheit, ob du da je lebend wieder rauskommst, entflohen bist. Vielleicht wird es also gerade um die entscheidende Frage gegangen sein: Ausdruck welcher Biographien ist ein gelegtes Feuer in einem versperrten Raum?


Produktion von Gewalt


Aus der erwähnten parlamentarischen Anfrage geht außerdem hervor, dass zwischen 2013 und 2018 111 Menschen versucht haben, sich das Leben zu nehmen, 74 davon im PAZ Hernals. 31 der 74 Suizidversuche fanden im Jahr 2018 statt, was damit einen rasanten Anstieg gegenüber den Jahren davor ausmacht. Die steigende Unterdrückung, Ausbeutung und Entrechtung von Migrant_innen wird also nie einfach nur hingenommen: Sie artikuliert sich als Gewalt – gegen den eigenen oder gegen irgendeinen anderen Körper.

Wenn die Zeit um sein wird, dann wird es wahrscheinlich nicht gerade um einen da draußen gegangen sein, der angeblich für die innere Sicherheit zuständig ist, aber de facto diesbezüglich wenig anzubieten hat außer noch und noch mehr :: Migrant_innen zu inhaftieren und der davon phantasiert, dass niemand mehr in Österreich einen Asylantrag stellen können soll. Vielleicht ging es auch gerade darum, wie manche die Mittel besitzen, ihre Phantasien umzusetzen und wie die ohne Mittel immer und immer wieder darum kämpfen, ihre Träume doch zu realisieren und dem Zwang doch nicht dermaßen zu erliegen. Vielleicht wird es gerade darum gegangen sein, was die gegenwärtige Politik, was diese Wirklichkeit mit dir macht, welche Lebensformen sie hervorbringt, was für Gewalt, gegen deinen eigenen Körper oder gegen andere Körper, diese Politik produziert. Bei all den Ungewissheiten, all den Möglichkeiten und der prinzipiellen Offenheit einer jeden Gegenwart wird aber trotz der dicken Scheibe eines klargeworden sein: Sicherheit schafft diese Politik nicht, und zwar für niemanden.

Artikel am 15. März 2019 auf :: mosaik-blog.at erschienen.

Die Namen wurden von der Mosaik-Redaktion geändert.

Mehr Information findet sich u.a. auf :: freepazhernals6.noblogs.org und :: auf no-racism.net.

Niki Kubaczek, der Verfasser dieses Artikels, ist Soziologe und Teil der Redaktion von :: transversal texts, des :: eipcp sowie von :: kritnet – Netzwerk für kritische Grenzregime- und Migrationsforschung.