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"Penthesilea. Eine Hundsoper sehr frei nach
Kleist"
-Aufführungen im EKH im März 1996
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Text aus dem Programmheft zu "Penthesilea":
VolXtheater.
Leute, die Theater machen wollen. Ein Stück über wilde
Frauen. Penthesilea finden. Stotternd und staunend die ungewohnte
Sprache daherstammeln. Sätze bleiben hängen. Tauchen drei
Tage später in einem Gespräch wieder auf. Liebesworte.
"Duft deiner süßen Lippen". Kampfesworte. "Und
alles schüttelt was ihm unerträglich der Mensch von seinen
Schultern sträubend ab". Hundegejaul.
Bald stellt sich
heraus, daß die Penthesilea so nicht spielbar ist, nicht für
uns. Denn es ist immer noch so, daß drei Stunden Schönsprechtheater
ganz ohne Sound ein Genuß ist, der nur auf den höheren
Schulen eingeübt wird. Von künftigen Ärzten und Bankiers.
Dem Heimkind, der Friseuse fehlt meist die Zeit, die Geduld und
von allem die Initiation in die mögliche Schönheit eines
appollinischen Theaters. Für sie hat die Kulturindustrie die
dionysischen Varianten des Theatralischen zum berauschenden Spektakel
hergemästet. Rockevent. Tekknoparties. Brot und Spiele. Das
Paradox für die rebellischen Theaterleut: stellen sie eine
Propaganda für den Widerstand auf die Bühne, gerät
die ob des üblichen Theaterpublikums sofort zum ästhetisierten
Genuß für die Leserschaft liberaler Tageszeitungen. Der
Bürger läßt sich gern einmal eine Revolüzzerin
auf der Bühne vorführen.
Wir aber wollen Theater, Oper als Ort, wo die kämpfenden Proletarierinnen
über ihre strategischen Entwürfe debattieren, wo die wilden
Weiberhorden von heute (die wenigsten sind Zahnärtzinnen und
Burgtheaterstammgast) sich selbst genießen dürfen in
der Darstellung.
Unsere Bearbeitung
versucht also das Rebellische. Aufsässige. Feministische. Trotzige.
Poetische. Wütende und Widerständige an Kleists Amazonendrama
zu benützen für die Ästhetik des Frauenwiderstandes.
Da mußte als erstes die Königin und Hauptheldin abgeschaft
werden. Aus Priesterinnen und Fürstinnen wurden Genossinnen.
Die Monologe der Heldin verteilten sich an mehrere
Das Amazonenheer
trifft auf die Nachahnen der Griechen: die Krieger und Politikerkasten
der imperialistischen Metropolen. Technokraten. Europolizisten.
Geheimdienstexperten des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Sehr schnell
war klar, daß diese nicht kleistisch sprechen, daß ihre
Widerwärtigkeit als Aufrechterhalter dieser mörderisch
ungerechten Weltordnung weder die Ästhetisierung einer poetischen
Sprache noch die plump realistische Darstellung ihrer technokratischen
Blödigkeit und Skrupellosigkeit verträgt. Die Szene im
Innenministerium wurde ca. 14 mal neu geschrieben.
Kämpfen. Nichts
leichter als das. Jedes Frauengedächtnis vermerkt Wunden zur
Genüge, die die Gesellschaft als Struktur oder als Mann geschlagen
hat. Eine kleine autonome Schreikur, Tanzkur holt Erinnerungen an
längst verdrängte Gemeinheiten aus den Verkrampfungen
und Haltungsschäden hervor. Unsre Körper und Stimmen,
Nacken und Bäuche sind gezeichnet von der - glücklicherweise
mißratenen - Erziehung zum braven, hübschen, gefälligen
kleinen Mädchen. Ein paar Lockerungsübungen und unsre
Fäuste schlagen ganz von selber zu.
Kämpfen. Schnelle
Schuhe. Hosen oder Röcke, die keinen KungFuTritt behindern.
Klettern, rennen. Kampfesschreie: Nie wieder!
Nie wieder sich selbst zubereitet als Leckerspeise dem Auge Munde
Schwanze eines Mannes.
Erst fressen dann gefressen werden!
Nie wieder geduldet, erlitten, sich vielleicht gar noch geschämt
für den sexuellen Übergriff eines Mannes. Nie wieder das
Geschlecht einem Gynäkologen entgegengereckt!
Wir lassen uns in den Spitälern nur noch von Frauen behandeln!
Nieder mit der Dominanz der männlichen Wissenschaft über
den weiblichen Leib!
Nie wieder von einem präpotenten Weißkittel hören:
"Nehmen Sie Hormone, Gnä Frau, da bleibt die Brust straff",
ohne daß der Typ ein Frauenknie im Unterleib hätte.Für
jedes unterwürfige "Danke Herr Doktor" in den Frauenarztserien
verdienen die Drehbuchautoren, Regisseure und SchauspielerInnen
sieben Stockhiebe in die Karrieristenfressen. Wahrscheinlich wären
wir gnädig, begnügten uns damit, die Herren Klos putzen
zu lasse. Leider stellt sich die Frage so noch nicht.
Kämpfen als Frauen. Gar nicht so einfach. Zum ersten. Wer ist
eine Frau?
Schießen wir uns nicht ein entscheidendes Eigentor, wenn wir
zur Bekämpfung des Patriarchats uns erst einmal als Frauen
definieren, identifizieren, also festschreiben?
Unserer Theatergruppe
stellte sich diese Frage ganz vehement, in der Gestalt eines Schauspielers,
der eine Amazone spielen wollte. Er gab sich redlich Mühe.
Doch 20 Jahre Männerleben verschwinden nicht in vier Wochen
Proben aus den Gelenken. Manche Frauen fühlten sich auf während
der Frauenproben durch die Anwesenheit des Mannes gestört.
Manches sagt sich nicht so leicht vor Männerohren und seien
es auch nur zwei und die eines Mannes, der im patriarchalen Sinne
des Wortes keiner mehr sein will. Andererseits stellt sich dann
natürlich die Frage: Und wenn er sich umoperieren ließe?
Dürfte er/sie dann Teil der Frauengruppe werden? Heikle Frage.
Wir sind doch keine Biologistinnen, die nach Chromosomen urteilen.
In der Theatergruppe wiederholten sich also Prozesse, die auch für
die Geschichte der europäischen Frauenbewegung charakteristisch
sind: Der Ausschluß der Männer. Die anschließende
Frage nach der weiblichen Identität.
Die Ablehnung von Identitäten, insbesondere sogenannten weiblichen.
Die Vorstellung einer Welt mit beliebig vielen Geschlechtervariationen.
Die Frage, was denn, wenns die Biologie nicht ist, uns zu Weibern
macht. Die Irrwege und Verdummungen.
Heftige Diskussionen.
Zeigen wir Amazonen wie sie sein sollten? Solche, die den gemeinsamen
Kampf über ihre Egotrips stellen. Solche, die einander ruhig
zuhören, sich ausreden lassen, immer Rücksicht nehmen
auf die Schwächste in ihren Reihen. Oder dürfen die Kleistschen
Konflikte, die Liebe zu einem Mann, der Wahnsinn, der Größenwahn,
die fanatische Kriegsleidenschaft unsre Amazonen durcheinanderbringen?
Heftige Diskussionen.
Müssen nicht die mutigen Widerstandskämpferinnen in den
männerdominierten Befreiungsbewegungen doppelt kämpfen?
Gegen die Armeen. Und gegen die patriarchalen Strukturen in der
eigenen Organisation. Wurde ihnen nicht oft genug der Kampf gegen
organisationsinterne patriarchale Strukturen untersagt mit Hinweis
auf die nötige Einheit gegen den Klassenfeind?
Der Geschlechterkrieg ein Nebenwiderspruch? Warum zum Teufel gibts
so verdammt wenige Amazonenheere auf der Welt?
Männer. Wesen, die allein in diesem Jahrhundert in Europa über
xxxx Menschen umgebracht haben. Aus Spaß. Aus Gehorsam. Aus
Kapitalinteresse. Aus Ressentiment und Überheblichkeit. Um
dem Soldatenweibe zu gefallen. Um die Frauen der "Feinde"
zu vergewaltigen. Weils die anderen Männer auch machen.
Xxx Menschen, die von Frauen geboren wurden sind Männer. Diese
gleichen Männer (ihre Söhne) nun machen sich selber als
Menschen-Machen. In den Laboratorien der KZ´s geschult (ja
das war ein Material! Eierstöcke en masse!) und noch immer
auf der Suche nach den Renitenz- und Zigeuner- und Lesbengenen schnipseln
die Genetiker in der Software des Lebens herum.
Frankenstein war ein Stoffteddybär gegen das, was daraus erwachsen
wird. (Das AIDSvirus z.B. könnte so ein erster Sieg der männlichen
Wissenschaft über die Mutter Natur gewesen sein...)
Kämpfende Frauen
in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts können sich unmöglich
darauf beschränken, den Geliebten sich im blutigen Feld der
Schlacht zu suchen. Die Umkehrung eines traditionellen Gewaltverhältnisses
beim Liebeswerben macht zwar Spaß, ist aber zuwenig in einer
Zeit wo die aufgeklärten Nachfahren Achills und Odyss gerade
dabei sind im Kaukasus, dem fruchtumblühmten und auch sonst
auf der Welt die letzten Reste nicht durchkapitalisierter Gesellschaften
sich gnadenlos zu unterwerfen, und dabei Millionen Verhungerte,
Unterernährte, Zwangssterilisierte, an heilbaren Krankheiten
Gestorbene, ökologische Katastrophen ungeahnten Ausmaßes
einkalkulieren.
Kämpferische
Frauen - wunderbar. Doch welche, die nicht als Propagandistinnen
für "Frauen ins Bundesheer" mißverstanden werden
können, welche, die als Genossinnen der kämpfenden Frauen
in den ausgeplünderten Ländern Afrikas, Asiens, Lateinamerikas
kämpfen. Als nomadische Kriegsmaschinen gegen die Institutionen
des Staates. Als Alltagskriegerinnen, wie sie sich in den Armutsvierteln
der südlichen Großstädte zur Organisierung des täglichen
Überlebens und zum politischen Kampf zusammentun.
Heftige Diskussionen.
Improvisationen übers Zusammentreffen der kleistisch daherschwärmenden
Amazonen mit der Reality 1996. Das wenigste davon wird Teil des
Stückes. Wir machen aus bißerl Kleist plus Frauenkämpfe
eine etwas oberflächliche Operette mit fetzigem Sound. Wir
spielen Hunde, Löwen, Elefanten. Wir erfinden einen guten Achill.
Wir streiten uns
nächtelang über die Szenen im Gefängnis. Dürfen
wir eine Amazone zeigen, die sich auf eine Diskussion mitm Schließer
einläßt? Die Figur ist nicht so sehr der Schließer,
als vielmehr Inbegriff des Patriarchats, das Gefängnisse baut.
Überall Mauern, Zäune, Barrieren errichtet, daß
die Leute ganz wahnsinnig werden und dann muß man sie einsperren.
Das ist doch Theater nicht die Wirklichkeit. Wir spielen doch nur.
Spielen wir doch mal, die Welt wäre anders als sie ist. Spielen
wir, frau könnte mitm Geheimpolitisten, Schließern, Technokraten
reden. Aber da vermitteln wir ja eine ganz falsche Vorstellung von
der Welt.
Unsere Ebene entfernen sich meilenweit voneinander. So wird das
Stück sehr weit. Weiter als von meinen surrealistischen Phantasien
bis zu deinem aufklärerisch-propagandistischen "Kämpft
Frauen, kämpft! Und zwar so:...!"-Anspruch.
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