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Quellenangabe:
Wien dreht durch - und hat drei Wagenplätze (vom 27.07.2009),
URL: http://no-racism.net/article/3047/, besucht am 04.06.2023

[27. Jul 2009]

Wien dreht durch - und hat drei Wagenplätze

Am 21. bzw. 22. Juli 2009 wurden zwei neue Wagenplätze in der Hafenzufahrt- straße und der Baumgasse in Wien besetzt. Am 23. Juli starteten die Wagentage - zum ersten mal in Wien. Übersicht über die Ereignisse und die mögliche Räumung des Platzes in der Baumgasse am 28. Juli 2009.

Seit es Fahrzeuge gibt, mit denen Menschen herum reisen, wohnen sie auch darin. In Österreich wird gegen "Fahrende", wie sie oft genannt werden, regelmäßig Hetze betrieben. Das Leben ohne "festen" Wohnsitz wird abgewertet und als "nicht der Norm entsprechend" bezeichnet. Nichts desto trotz lassen es sich viele nicht nehmen, selbst zu bestimmen, wie sie leben und wohnen wollen. Plätze, auf denen sich Menschen mit ihren Fahrzeugen niederlassen, um dort nach ihren Vorstellungen zu leben, werden Wagenplätze oder Wagenburgen genannt.

Seit drei Jahren existiert ein derartiger Wagenplatz in Wien, musste jedoch mehrmals den Platz wechseln, bis vor zwei Jahren ein Grundstück in der Kimmerlgasse in Simmering gemietet wurde. Da dieses relativ weit abseits vom Zentrum liegt, verhandeln die Bewohner_innen des Wagenplatz seit eineinhalb Jahren mit der Stadt Wien über ein alternatives Grundstück. Doch die zuständigen Politiker_inenn Stadt Wien, die sich anfangs kooperationsbereit zeigten, haben bereits gemachte Zusagen plötzlich "vergessen", obwohl von den Bewohner_innen der Kimmerlgasse der Mietvertrag des Platzes bereit mit Ende August 2009 gekündigt wurde. Die Leute wollen den Platz wie mit dem Vermieter vereinbart verlassen und haben für den Fall, dass es mit der Stadt Wien zu keiner Einigung über ein geeignetes Grundstück kommt, angekündigt leer stehende Plätze :: zwischenzunutzen.

Vor diesem Hintergrund wurden am 21. und 22. Juli 2009 zwei Plätze in der :: Hafenzufahrtsstraße und der :: Baumgase besetzt und Wien hat somit vorübergehend drei Wagenplätze.

Der Platz in der Hafenzufahrtsstraße 60 im 2. Bezirk befindet sich im Eigentum der Gemeinde Wien, auf dem Grundstück befindet sich eine offene Halle und das Grundstück bietet ausreichend Platz. Die Nachbar_innen stehen dem Projekt offen gegenüber, doch die Gemeinde Wien, die bekannt dafür ist, viele Flächen mit Beton zu überziehen, will gerade dort ein Wiederaufforstungsprojekt betreiben, weil sie an anderer Stelle zu viele Bäume gefällt hat. Wie sich die Situation dort entwickelt wird sich zeigen, die Besetzer_innen sind jedenfalls :: zuversichtlich, zumindest über die Wintermonate dort bleiben zu können.

Der Platz in der Baumgasse, Ecke Litfaßstraße, im 3. Bezirk ist im Besitz der Baufirma Porr, der ein sehr enges Verhältnis zur SPÖ und zur Stadt Wien nachgesagt wird. Die Bereitschaft, die Besetzung des seit Jahrzehnten leer stehenden Grundstückes zu dulden, ist gering. Die Besetzer_innen wurden aufgefordert, das :: Grundstück bis Dienstag, 28. Juli 2009 um 9:00 Uhr zu verlassen.

In den vergangenen Tagen haben die Besetzer_innen jedenfalls gezeigt, dass sie brach liegende Grundstücke gut nutzen können und trotz schlechter Witterung die Bemühungen, einen offenen Raum für Kultur, Kunst und Austausch zu schaffen, gelungen sind. Zahlreiche Menschen sind gekommen, um die Besetzer_innen zu unterstützen und mit ihnen zu feiern.

Am 23. Juli begannen zum ersten mal in Wien die jährlich stattfindenden :: Wagentage. Zahlreiche Menschen von Wagenplätzen, vor allem aus Deutschland, sind angereist und mit ihren Wägen auf die neu entstandenen Wagenplätze gezogen. Es gab zahlreiche Workshops, Austauschtreffen und Aktionen, u.a. ein "Schneckenrennen" am Samstag Nachmittag. Um 17:00 trafen sich die Bewohner_innen der Wagenplätze mit Unterstützer_innen am Schwarzenbergplatz, wo sich unter anfangs vor allem für die Polizei schwer zu kontrollierenden Umständen eine Parade Richtung Rathaus in Bewegung setzte. Mehr als 100 Leute beteiligten sich und sorgten für großes Aufsehen in der Wiener Innenstadt. Die Polizei beschränkte sich auf die Umleitung des Verkehres und die Bewachung von Gebäuden, wie dem Parlament oder der ÖVP-Zentrale. Ohne weiter Zwischenfälle endete das Schneckenrennen gegen 21.00 Uhr hinter dem Rathaus.

Die Wagentage dauern noch bis heute, Montag, 27. Juli 2009, doch die Besetzungen und Aktionen werden weiter gehen, solange die Bedürfnisse der Wagenbewohner_innen nicht erfüllt sind. In den aktuellen Aussendungen heißt es dazu: Sollte die Stadtpolitik tatsächlich so derb sein, und uns - nachdem sie uns aus unserem Mietverhältnis getrickst haben, räumen lassen, ziehen wir auf die nächste Brache und: Die Entscheidung treffen wir - und nicht der Staat!

Am Montag, 27. Jul 2009 findet ab 20.30 die :: Wagenbar mit Vortrag und Diskussion am :: Wagenplatz in der Hafenzufahrtsstrasße 60, 1020 Wien statt,

Weitere Informationen zu weiteren Entwicklungen und zu den Hintergründen gibt es auf :: wagenplatz.at und im :: Feature auf at.indymedia.org.