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Quellenangabe:
Antira-Grinch treibt in Neuss sein Unwesen! (vom 05.12.2010),
URL: http://no-racism.net/article/3590/, besucht am 23.01.2020

[05. Dec 2010]

Antira-Grinch treibt in Neuss sein Unwesen!

Am Samstag, dem 4. Dezember 2010, beteiligten sich um die 180 Menschen aus unterschiedlichen politischen und sozialen Zusammenhängen bei Schneefall und Eiseskälte in Neuss an der zum 11. Mal stattfindenden Demonstration gegen das dort seit 1993 betriebene Abschiebegefängnis für Frauen.

Die Veranstaltung richtete sich nicht nur gegen den einzigen ausschließlich mit Frauen belegten Abschiebeknast der Bundesrepublik, sondern generell gegen die menschenverachtende Praxis der Abschiebung als einem wesentlichen Baustein EU-weiter Migrationskontrolle sowie den für zahlreiche Flüchtlinge tödlichen Ausbau der "Festung Europa".

Zur Situation von Abschiebung bedrohter Frauen heißt es im :: Aufruf zur Demonstration:

Frauen sind von den beschriebenen Verhältnissen und Lebensbedingungen in den entsprechenden Herkunftsregionen in besonderer Schwere betroffen, sind sie doch dort meist einer geschlechtsspezifischen Unterdrückung ausgesetzt. Häusliche Gewalt, Frauenhandel, Zwangsverheiratung und -prostitution und/oder Genitalbeschneidung sind nur einige Beispiele, die hier zu nennen wären.
Aber auch wenn ihnen eine Flucht aus diesen Umständen gelingt, erwartet sie ein alles andere als "rosiges" Leben.
Geschlechtsspezifische Unterdrückungsmechanismen gibt es im so genannten zivilisierten Westen ebenfalls zur Genüge und auch hier ist mensch gezwungen, die eigene Arbeitskraft - in Form von Lohnarbeit - zu verkaufen. In vielen Fällen ist Prostitution oder Arbeit in anderen Bereichen der Sexbranche für die Frauen der einzige Weg, ihre Grundbedürfnisse zu decken. Alternativ haben sie in der Regel lediglich die Möglichkeit, einer Arbeit in den meist schlecht bezahlten Bereichen der Dienstleistungsbranche, wie zum Beispiel im Reinigungsgewerbe, nachzugehen.
Im Schnitt hielten sich 2009 im Abschiebeknast permanent 10 bis 20 Frauen, vorwiegend aus afrikanischen Ländern, auf. Die Altersspanne lag bei 18 bis 75 Jahren. (...)
Nach unseren Informationen erhalten die Frauen dreimal täglich Mahlzeiten, die in den verriegelten Zellen eingenommen werden müssen. Lediglich die Frauen, die sich gegen ein Taschengeld an "Reinigungsarbeiten" im Knast beteiligen, haben die Wahl des Essaufenthaltes außerhalb der Zelle. Zum Knastinventar gehört ein - ausschließlich mit einem Loch im Boden zur Verrichtung der Toilettengänge - versehener Raum, in den einige Frauen, die sich vor ihrer Abschiebung des so genannten Ungehorsams schuldig machen, eingesperrt werden.
Mütter, Partnerinnen, Freundinnen, Schwestern und Tanten sitzen in diesem Gebäude des Frauenabschiebeknastes in Neuss, die ihre Familien und inzwischen volljährigen Kinder entweder zurücklassen müssen oder das Wissen haben, dass Verwandte und Bekannte in anderen Abschiebeknästen in Deutschland und Europa sitzen, um auf ihre "Verfrachtung" zu warten.
(*)

Die Demo-TeilnehmerInnen zogen unter Sambaklängen und kämpferischen Parolen lautstark durch die auf Grund des vorweihnachtlichen Einkaufstrubels gut besuchte Neusser Innenstadt zur auf der Grünstraße betriebenen Haftanstalt. Im Gegensatz zum Ablauf der Vorjahre wurde die Zwischenkundgebung nicht unmittelbar vor dem Knastgebäude, sondern eine Straße weiter vor dem Neusser Amtsgericht abgehalten. Da auf dieser erheblich mehr Autos und PassantInnen zu verkehren pflegen, ließ sich so ein höheres Maß an Aufmerksamkeit für die Anliegen der Demo erzielen. Darüber hinaus besaßen die bei den Antifrauenknast-Demonstrationen stets in den hinteren Hafttrakt verlegten GefängnisinsassInnen große Chancen, zumindest akustisch an der zu ihren Gunsten veranstalteten Solidaritätsaktion zu partizipieren.

Nach mehreren, die menschenverachtende EU-Migrationspolitik sowie rassistische, sexistische und homophobe Tendenzen innerhalb der herrschenden Gesellschaftsordnung kritisierenden Redebeiträgen und dem Verlesen mehrsprachiger Grußworte, bewegte sich der Demonstrationszug zurück in die Neusser City. Direkt vor dem Weihnachtsmarkt wurde im Rahmen eines weiteren Redebeitrages erneut der rassistische und sexistische Normalzustand angeprangert.

Zum Abschluss der Veranstaltung riefen antirassistische AktivistInnen dazu auf, am Donnerstag, dem 9. Dezember 2010, gegen 10.30 Uhr im Terminal des Düsseldorfer Flughafens zu erscheinen, um unter besonderer Berücksichtigung der notorischen Abschiebungs-Fluglinie Air Berlin dezentral, kreativ und vielfältig gegen eine für diesen Tag geplante Abschiebung von 80 Menschen nach Serbien zu demonstrieren. Nach Auflösung der Demo wartete die Kochgruppe "Krisenherd" mit ihrem allseits heißgeliebten veganen Essen auf.

Die Demo-VeranstalterInnen vom Aktionsbündnis für Globale Bewegungsfreiheit bedanken sich bei allen TeilnehmerInnen, der Sambagruppe, den KöchInnen des "Krisenherdes" und allen Menschen, die ihren Protest in welcher Form auch immer unterstützt haben.



Anmerkung von no-racism.net

(*) Wir bevorzugen die Selbstbezeichnung :: Sexarbeit anstelle des des vorbelasteten Begriffs "Prostitution". Ohne die Realität von Zwangsarbeit - u.a. im Sexgewerbe - zu verharmlosen, ist es gerade im Diskurs über Migration von Frauen wichtig, vorsichtig mit Begriffen wie "Zwangsprostitution" umzugehen. Denn diese werden von SchreibtischtäterInnen sehr oft dazu benutzt, weitere Restriktionen gegen MigrantInnen einzuführen - und somit die Ausbeutbarkeit von MigrantInnen zu verstärken. Vor allem Frauen werden von den Behörden als Opfer von "kriminellen Organisationen" und FluchthelferInnen dargestellt, ohne ihnen einen angemessenen "Opferschutz" zu gewähren. Den Opfern wird die eigene Handlungsfähigkeit abgesprochen - doch wenn es um ihren Aufenthaltstitel geht, werden sie zu TäterInnen erklärt, die sich widerrechtlich in Land befinden würden. Dieser Opferdiskurs dient vor allem der Legitimierung rassistischer Gesetze und Praxen.

Quellen :: ann.blogsport.de vom 05. Dez 2010 und vom :: 20. Okt 2010