no-racism.net logo
 
 

[ 13. Oct 2011 ]

Sexismus in der Radiofabrik

Eine Stellungnahme der Radiomacher_innen des Anarchistischen Radio (Wien) zur Debatte um Sexismus in der Radiofabrik (Salzburg).

 

Mit ziemlichem Entsetzen und großem Ärger haben wir die gut aufbereiteten Informationen des Infoladen Salzburg (sowie der Antifa Salzburg und Unterstützer_innen) gelesen, die die derzeitige Debatte um Sexismus in der Radiofabrik zum Thema haben. Auch kennen wir mittlerweile das Mail des Geschäftsführers des freien Radios, Alf Altendorf, der diesen offenen Brief des Infoladen Salzburg massiv kritisiert und mit "Konsequenzen" droht, da er darin den "Versuch einer 'Öffentlichen Diskreditierung der Institution Radiofabrik'" sieht.

Liebe Radiofabrik - das hat euer Geschäftsführer hiermit erledigt und nicht, wie von ihm unterstellt, der Infoladen Salzburg mit seiner Analyse und Aufarbeitung des Geschehenen. Sein Mail ist peinlich, dreht in klassischer Abwehrhaltung herrschende Gewaltverhältnisse schlichtweg um und sucht den Schulterschluss mit den vermeintlichen "Opfern" der vermeintlichen Hetze, nämlich den Radiomacher_innen, die Sexismus in Form eines frauenverachtenden Songs in ihrer Sendung Raum geben.
Und so sind die "Bösen" diejenigen, die Sexismus anprangern, ihnen wird mit Konsequenzen gedroht und mangelndes Demokratieverständnis unterstellt, weil sie es wagen, die kritische Öffentlichkeit über diese Vorfällen zu informieren.

Wir fassen zusammen:
In einer Sendung eines freien Radios wird ein sexistisches Lied gespielt. Ist nicht super, kann allerdings passieren, nicht alle Radiomacher_innen sind sich über sämtliche Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse im Klaren bzw. setzen sich damit auseinander.
Andere Sendungsmacher_innen kritisieren das angesprochene Lied ? zuerst intern, stoßen allerdings auf taube Ohren bzw. wird ihre Kritik als irrelevant eingestuft bzw. der angeprangerte Sexismus als "Spaß" dargestellt.
Da also intern in der Radiofabrik keine Bereitschaft zur Auseinandersetzung besteht, wird das Ganze veröffentlicht. Der Infoladen Salzburg liefert handfeste Erklärungen, warum besagter Song weder lustig noch ironisch sein kann, sondern sexistisch, diskriminierend und beleidigend ist. Der Geschäftsführer des freien Radios fühlt sich dann offenbar genötigt, den Infoladen zu diskreditieren, sich bei allen, die über die Sache informiert wurden, zu entschuldigen (ja, richtig gelesen, er entschuldigt sich nicht für den Sexismus im Radio, sondern für die ?Belästigung? durch den aufklärenden Infoladen Salzburg) und als Krönung noch alle Menschen dazu aufzufordern, die ?Kampagne? zu ignorieren.
So wird also mit kritischen Menschen in der Radiofabrik umgegangen.
Wir sind uns allerdings sicher: Der Geschäftsführer der Radiofabrik spricht nicht für alle Radiomacher_innen, denn diese sind keine homogene Masse und können sich selbst ein Bild der Lage machen.

Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken!


Wir solidarisieren uns hiermit mit dem Infoladen Salzburg und allen anderen kritischen Radiomacher_innen, die das Leitbild der Radiofabrik ernst nehmen (nachzulesen :: hier und :: hier) und für die Antisexismus nicht nur ein Lippenbekenntnis ist. Wir solidarisieren uns mit all jenen, die in alltäglichen Auseinandersetzungen dafür kämpfen, dass Diskriminierungen weder als "lustig" noch "ironisch" gelten, sondern angeprangert und öffentlich thematisiert werden.

Wir fordern den Geschäftsführer der Radiofabrik auf, sein Demokratieverständnis zu überdenken und kritische Radiomacher_innen sowie kritische Menschen im Allgemeinen als Bereicherung und nicht als lästige Nestbeschmutzer_innen wahrzunehmen.

Weiteres fordern wir alle Radiomacher_innen auf, sich gegen Sexismus zu engagieren und die vorgebrachte Kritik des Infoladen Salzburg ernst zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen! Als Radiomacher_innen haben wir Verantwortung für die Medien, die wir bespielen ? und in diesen soll Unterdrückungsmechanismen keiner Art eine Plattform geboten werden.

Sexismus, Gewalt gegen Frauen oder generell Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Alter, Körper, Sexualität usw. machen uns alle auf die eine oder andere Art und Weise das Leben schwer. Klar ist aber auch, dass niemensch frei von diesen Denk- und Handlungsmustern ist und dass immer wieder (auch uns selbst, wir nehmen uns da nicht aus) Fehler passieren.

Es liegt an uns allen, Diskriminierungsverhältnisse aufzudecken, anzusprechen, zu kritisieren, selbstreflexiv und offen für Auseinandersetzungen zu sein und zu bleiben. Würden wir die Klappe halten und schweigen, käme das einem Stillstand gleich und führte zu Zuständen, die weder in freien Radios noch in anderen emanzipatorischen Projekten tragbar sind.

Macher_innen des A-Radios
Wien, Oktober 2011