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[ 12. Mar 2005 ]

Recherche zum Tod in der Schubhaft

Chronologie einer Recherche, die mehr Fragen aufwirft als beantwortet und die polizeiliche Selbstmord Theorie fragwürdig erscheinen lässt

 

Schon seit zwei Wochen kursieren unter AlgerierInnen und Algeriern in Wien Gerüchte um den mysteriösen Tod eines Algeriers in Schubhaft. Ben Habra Saharaoui soll bei seiner Festnahme schwer verprügelt worden sein. Woran ist er gestorben?
Im Internet ist darüber nichts zu finden. Die Menschen und Organisationen, die in der Flüchtlingshilfe arbeiten, scheinen nichts zu wissen.
Anruf bei der algerischen Botschaft: Ja. Es sei wahr. Es habe einen Toten gegeben. Am Dienstag, den 22.Feber um sechs Uhr früh sei er tot in der Zelle im Schubhaftgefängnis am Hernalser Gürtel aufgefunden worden. Die Botschaft sei von der Polizei informiert worden, daß es sich um einen Selbstmord handelt und wartet auf den Obduktionsbericht.
Anruf im Innenministerium. Niemand weiss davon. außerdem sei für Schubhaftgefängnisse das Justizministerium zuständig.
Anruf im Justizministerium. Es sei für Schubhaftgefängnisse das Innenministerium zuständig.
Anruf im Innenministerium. Es sei die Bundespolizeidirektion Wien zuständig
Anruf bei der Bundespolizeidirektion. Man weiss von nichts.
Anruf im Innenministerium. Man habe von der Polizei inzwischen erfahren, daß es einen Selbstmord gegeben haben soll.
Anruf bei der Polizei: In der Meldungsübersicht vom 22.2. steht nichts, aber man habe gehört,
"daß es möglich ist, daß es einen toten Schubhäftling gab."
Am nächsten Tag weiss dann Mag. Goldgruber, der zuständige Polizeijurist des Innenministeriums, daß der Tote seit 1999 schon fünf mal in Schubhaft war, daß er bereits mehrmals durch Hungerstreiks wieder freigekommen sei. Es sei nicht verwunderlich, daß man niemanden darüber informiert habe, weil generell über Selbstmordfälle in der Schubhaft nicht an die Öffentlichkeit berichtet werde.
Die grüne Justizsprecherin Terezija Stoisits berichtet, daß sie am 25.2. im Polizeianhaltezentrum (so heißt der Schubhäfn offiziell) einen zweieinhalb stündigen Rundgang mit allen Verantwortlichen auch aus dem Innenministerium unternommen habe, dabei habe niemand auch nur erwähnt, dass sich drei Tage vorher ein Häftling im Hungerstreik erhängt habe.


Er war so frühlich.


Gespräch mit einer Bekannten Ben Habra Saharaouis. Sie glaubt nicht an Selbstmord.
"Saharaoui war in Innsbruck im Gefängnis, wegen Dummheiten, die er längst bereut hat, Diebstahl, oder so. Ich habe ihm regelmäßig geschrieben, ihn aufgemuntert, ihm erzählt, was so passiert. Ich wußte, er wird am 20.Feberuar entlassen. Am Freitag, den 18.Februar klingelte dann mein Handy. Saharaoui war dran. Er sei entlassen, zwei Tage früher als erwartet, wegen des Wochenendes, und stehe in Innsbruck. "Setz dich in den nächsten Zug und komm nach Wien", habe ich ihm gesagt. "Ich habe eine Wohnung, du kannst bei mir übernachten."
Abends stand er dann vor der Tür. Er war gleich mit dem Taxi vom Westbahnhof gekommen und strahlte vor Glück, daß er in der Freiheit ist. Wir freuten uns, saßen, redeten. So um zwei Uhr früh wollte Saharaoui dann mich und meine Freundin überreden, daß wir mit ihm losziehen, seine Entlassung feiern. Aber ich hatte den ganzen Tag viele Dinge erledigt und war möde und sagte zu ihm: "Wir können morgen zusammen feiern." Er ist dann alleine noch weggegangen. Als er am nächsten Tag weder auftauchte, noch sich meldete, habe ich mir schon Sorgen gemacht. Am Montag hat er mich dann aus der Schubhaft angerufen. Er sagte, er hätte vier Nähte im Gesicht, sei genäht worden, weil ihn die Polizei so fürchterlich verprügelt hätte. Ich solle seine Papiere zu seiner Schubhaftbetreuerin bringen. Das habe ich dann getan. Am nächsten Tag hat mich die Kriminalpolizei angerufen und vorgeladen. Die haben mir gesagt, er habe sich umgebracht, haben mich gefragt, ob er mit mir über Selbstmord gesprochen habe. Nein, habe ich ihnen gesagt. Ich glaube überhaupt nicht, daß er sich umgebracht hat. Er war so frühlich, so glücklich. Wenn er sich umbringen wollte, dann hätte er das ja während der zwei Jahre in Innsbruck tun können, oder? Und aus der Schubhaft hat er sich schon Öfters herausgehungert. Er ist schon vier, fünf mal mit Hungerstreiks nach 20, 25 Tagen aus der Schubhaft freigekommen. Also ich glaube nicht, daß Saharaoui Selbstmord begangen hat."


Erhängt mit einer Hand?


Eine im Online-Standard erschienene Kurzmeldung, daß sich Ben Habra Saharaoui mit einem Leintuch erhängt haben soll, wird anonym kommentiert: "Erhängt mit einer Hand? Aus verlässlichen Quellen ist bekannt, dass der durch angeblichen Selbstmord umgekommene Algerier S. durch seine Festnahme eine verletzte Hand hatte und am Tag vor seinem Tod nicht in der Lage war, selbst eine Telefonnummer in ein Handy zu tippen, da er seine Finger nicht ordentlich bewegen konnte. Merkwürdig ist, wie er es dann geschafft hat, sich mit nur einer beweglichen Hand zu erhängen (Leintuch)?"
TelefonGespräch mit der Schubhaftbetreuerin des Vereins Menschenrechte. Ja, sie habe mit Saharaoui noch am Tag vor seinem Tod gesprochen, doch mehr sage sie nicht. Sie habe einen Bericht geschrieben und ihrem Chef, Günter Ecker, übergeben. Nur der gebe Auskünfte. Günter Ecker aber möchte nichts sagen. daß Saharaoui verletzt war, genäht wurde, und seine Hand nicht einmal zum Telefonieren benützen konnte, bestätigt er.


Fragen.


Was ist bei der Festnahe Ben Habra Saharaouis geschehen? Was ist im Schubhäfn Hernalser Gürtel geschehen? Warum scheinen Polizei und Innenministerium die Geschichte möglichst schnell unter den Teppich kehren zu wollen? Wie kommt es, daß Mitarbeiterinnen einer Flüchtlingsbetreuungsorganisation von ihrem Chef ein Sprechverbot auferlegt bekommen und ihre Zweifel an der Selbstmordthese nicht öffentlich äußern dürfen? Wie kommt es, daß Günter Ecker als Chef einer Menschenrechtsorganisation, die Menschen in Schubhaft betreuen soll, wenn es auch nur den leisesten Zweifel an einem Selbstmord eines in einer totalen Institution Verstorbenen gibt, nicht sofort an die Öffentlichkeit geht, AufKlärung verlangt, sondern er im Gegenteil, offensichtlich bemüht ist, solche Aufklärung tunlichst zu verhindern?

Von Tina Leisch