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[ 24. Feb 2008 ]

Andalusien: Gemüsesklaven mit Zeitverträgen

andalusien migration

Spanien will mit Herkunftskontrakten die illegale Migration bekämpfen. Mit dem Senegal begann die Entsendung von Saisonkräften.Die Gewerkschaft Sindicato de Obrer@s de Campo klagt gegen einen Sub-Unternehmer wegen krimineller Entlassungen. SOC wirft ihm Lohnbetrug und rassistische Ausbeutung vor. Den Arbeitsvermittlern und Behörden im Hintergrund drohen Konsequenzen durch den Bruch bilateraler Abkommen.

 

Spaniens Pläne, mit Herkunftskontrakten die "illegale Migration" über die Strasse von Gibraltar zu bremsen, drohen zu scheitern. Mit dem Senegal ist diese Zusammenarbeit bislang am weitesten gediehen. Beide Länder begannen im Herbst 2007 mit der Auswahl und Entsendung von Saisonkräften.

Gewerkschaft kämpft für ErntehelferInnen mit Herkunftsverträgen

Die Gewerkschaft der LandarbeiterInnen SOC (Sindicato de Obrer@s de Campo) zieht nun gegen einen lokalen Sub-Unternehmer wegen ungesetzlicher Entlassungen vor Gericht. Auf einer Pressekonferenz wirft ihm das SOC unter anderem Lohnbetrug vor. Dem Arbeitsvermittler und zuständigen Behörden drohen Konsequenzen durch den Bruch bilateraler Abkommen.

Die erste Entsendegruppe war in Dakar/Senegal über die spanische Botschaft angeworben worden. Die Senegalesen wurden in die andalusische Gartenbauprovinz Almeria vermittelt. Eingesetzt waren sie dort seit September zur Salaternte auf den Gemüsefeldern. Nach zwei Monaten waren bereits neun der 67 Männer unter offenkundig vorgeschobenen Vorwänden wieder entlassen.

Bei 5,60 Euro pro Stunde Mindestlohn bekamen sie in Pulpi (Kreis Levante) nur zwischen 150 bis 400 Euro im Monat ausbezahlt. Das liegt deutlich noch unter dem Preis der Arbeitskraft, der sonst für Illegale üblich ist (2 bis 3 Euro die Stunde). 200 Euro im Monat war Vorabzug für eine erbärmliche Unterkunft - ein Schlafraum für 30 Mann. Die Kündigungsgründe klingen vorgeschoben: "? fehlender Respekt vor Vorgesetzten und Mitarbeitern ? mangelndes Interesse an der Arbeit ? mangelhafte Produktivität?". Mit den Entlassungspapieren gab es Gutscheine für den baldmöglichsten Rückflug am 22.Januar. Keiner der Betroffen hat dieses skandalöse Vorgehen akzeptiert. Der Fall geht nun als Musterklage vor das Arbeitsgericht.

SOC fordert Mindestgarantien für KontraktarbeiterInnen

Schwere Vorwürfe erhebt die Gewerkschaft insbesondere gegen den Unternehmerverband COEXPHAL, sowie den Gemüseproduzenten Hortalizas de Almanzora. Fernando Plaza (Sprecher der SOC in Almeria: "Das Ministerium für Migration präsentiert uns Leiharbeiter als Musterlösung ?" (für den saisonalen Arbeitskräftebedarf), "? und dann sind sie nicht einmal in der Lage vernünftige Arbeitbedingungen vor Ort zu garantieren ? Politisch trifft Ministerin Consuelo Rumi die Verantwortung. Die Menschen kommen aufgrund bilateraler Abkommen, und dann herrschen in Spanien erbärmliche Zustände. Nach der Erteilung von Arbeitslizensen im Ausland müssen die Leute hier grundsätzlich jede Arbeit machen dürfen die sich findet." Eine Beschränkung der Arbeitserlaubnis auf ein bestimmtes einzelnes Unternehmen ist nicht zulässig.

Coexphal bestreitet sowohl generell, als auch im konkreten Fall jede Verantwortung. Man sei lediglich als Vermittler tätig. Der jeweilige Unternehmer übernimmt das Arbeitsverhältnis und die Verantwortung für die Arbeitsbedingungen.

Staatlicher Sklavenhandel oder illegale ArbeitsnomadInnen?

Spanien wirbt seit Jahren schon Saisonarbeiter aus Osteuropa an ? neuerdings auch aus den Heimatländern der Bootsflüchtlinge. Nach denVorstellungen der Regierung in Madrid sollen Zeitarbeitsverträge das Problem des illegalen Massenmigration lösen (jährlich über 6000 registrierte). Fördergelder sollen helfen, die mörderische Flucht der Menschen über das offene Meer in wenig seetauglichen Booten in geregelte Bahnen zu lenken. Aufgrund der humanitären Katastrophe auf den Kanaren und an der Südküste handelt Madrid zurzeit mit mehreren westafrikanischen Ländern solche Abkommen aus. Ab der Winterernteperiode 2007/08 sollen dem Agrobusiness diese neuen Saisonniers zur Verfügung stehen. Funktioniert dieses Modell können die Bauern besser auf illegal Beschäftigte verzichten.

Die illegal Eingewanderten könen vertrieben werden, da sie nicht mehr als billiges Arbeitskräftereservoir benötigt werden; oder der Staat schiebt ab. Spanien und Marokko haben wenig Skrupel "Papierlose" einfach in der Sahara auszusetzen. Oder der rassistische Mob jagt sie aus dem Dorf, wie im Februar 2000 die Marokkaner in El Ejido.

El Ejido hatte dieses Jahr wieder einen prächtigen Stand in Berlin auf der Fachmesse Fruit Logistika vom 7. bis 9. Februar 2008 (jedes Jahr gleich nach der Grünen Woche). Trotz rassistischer Morde (zum Beispiel an SOC-Mitglied Azzouz Hozni) und der Proteste von MenschenrechtsaktivistInnen verlieh der Berliner Wirtschaftssenator 2005 den Messepreis.

Die Provinz Almeria präsentierte sich als Musterländle und Öko-Paradies des "kontrollierten biologischen Anbaus". Nach jahrzehntelangem Pestizidmissbrauch in Monokulturen vergehen noch Jahre bis die Rückstände verschwinden. Die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Gewächshaussklaven schweigt man tot. Deutsche Handelsketten (ALDI, LIDL, PLUS) sind Hauptabnehmer der Ware. Jede zweite Gurke oder Paprika kommt aus dem Poniente almeriense. Wenig ökologisch sind auch die täglich über 1000 LKWs auf der Autobahn nach Zentraleuropa

Kommt jetzt eine neue Ära der internationalen Leiharbeit statt illegaler Migration?

Seit 2007 vermitteln spanische Behörden und Unternehmerverbände als Modell "präventiv" KontraktarbeiterInnen aus Westafrika weiter - die potentiellen "boatpeople". Da einige habgierige Gemüsepflanzer den Hals nicht voll genug kriegen konnten, verweigerten sie ihnen einfachste menschenwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen. Bilaterale Kooperationen und internationale arbeitsrechtliche Normen werden ausser Acht gelassen.

Genau wie die illegal eingewanderten Landsleute erleiden diese SaisonarbeiterInnen - mit scheinbar "guten Verträgen" - Rechtlosigkeit und Rassismus pur. Sie haben sich gewehrt und dieses Spiel nicht mitgespielt. Wenn sich diese schäbige Behandlung auch in den Herkunftsländern herumspricht, wird es nichts mit dem neuen Modell "internationale Sicherheit durch Zeitarbeit". Beim Genuss von spanischem Treibhausgemüse bleibt ein bitterer Geschmack?

Der Artikel erschien zuerst am 24.02.2008 auf :: de.indymedia.org, bearbeitet von no-racism.net.