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[ 23. Mar 2000 // letzte änderung: 23. Mar 2000 ]

Rassismuskritik und Wertvergesellschaftung

In der Protestbewegung gegen die Regierung wird vorrangig gegen Sozialabbau agitiert. Dennoch hat auch die Kritik an Rassismus ihren Platz. Doch was für ein Verständnis von Rassismus liegt dieser Kritik zugrunde?

 

Die "Minderwertigen"

In Österreich und in der BRD ist es im offiziellen Sprachgebrauch bis vor kurzem üblich gewesen, den Begriff "Rassismus" nicht auf die heutige Zeit anzuwenden. In den postnationalsozialistischen Gesellschaften spricht man in der Regel von "Ausländerfeindlichkeit" oder von "Fremdenangst" und ist bemüht, den Rassismus-Begriff für die Nazi-Zeit zu reservieren. Insofern markierte schon das Motto der Demo vom 12. November - "Keine Koalition mit dem Rassismus" - eine Wende. daß nun versucht wird, das Kind beim Namen zu nennen, hat seinen Grund in erster Linie jedoch darin, daß Grüne, Liberale, SPÖ und Övp naTürlich wissen, daß man ihnen vielleicht in dem einen oder anderen Fall Ausgrenzung, Intoleranz oder auch ausländerfeindliche Tendenzen vorhalten mag, aber doch nicht Rassismus. Der sei schließlich bei den Rechtspopulisten von der FPÖ zu Hause - und zwar nur dort. Es spricht zwar einiges dafür, den Rassismus der Nazis in seiner Einmaligkeit hervorzuheben; das heißt aber nicht, daß es in der BRD oder in Österreich nach 1945 keinen Rassismus mehr gegeben hat. Gerade der Begriff der "Ausländerfeindlichkeit" legt nahe, daß alle Ausländer und Ausländerinnen in Österreich oder der BRD gleichermaßen von Diskriminierung, Verfolgung und Gewalt betroffen sind, was aber offenkundig nicht der Fall ist. Der Begriff "Rassismus" hingegen reflektiert, daß meistens nur eine Ausgrenzung von Personen stattfindet, die ganz bestimmten, von Rassistinnen und Rassisten konstruierten "Kulturkreisen" zugeordnet werden.

Dennoch bleibt es problematisch, den Begriff "Rassismus" heute im gleichen Sinne zu verwenden wie vor 50 Jahren. Ein Rassismus, der mit Kategorien wie "Blut", "Untermensch" und "Rasse" argumentiert und auf Grund dieser Kategorien eine Sortierung und Hierarchisierung von Menschen vornimmt ist heute deutlich seltener anzutreffen als früher. Das weitgehende Verschwinden des Rasse-Begriffs bedeutet aber keineswegs auch das Verschwinden des Rassismus. Offensichtlich ist es gelungen, den Rassismus in eine andere Form zu bringen, ihn zu transformieren. Die demokratischen Staatsbürgerinnen und -bürger sind heute Rassisten und Rassistinnen, ohne daß sie sich als solche diffamieren lassen müßten. Schon seit einigen Jahren wird sowohl in der akademischen als auch in der linksradikalen Diskussion versucht, den Veränderungen des Rassismus theoretisch gerecht zu werden. Schon Ende der 80er Jahre wurde der Neorassismus als ein "Rassismus ohne Rassen" charakterisiert, der nicht mehr biologistisch argumentiert, sondern die Unaufhebbarkeit von angeblichen oder tatsächlichen kulturellen Differenzen propagiert. Da dieser Neorassismus die früher übliche Hierarchisierung von Gruppen, völkern oder "Rassen" nicht mehr offen propagiert, sondern vorgibt, lediglich auf die aufrechtzuerhaltenden Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen von Menschen zu bestehen, wurde er auch als differentialistischer Rassismus bezeichnet. Zu recht ist aber auch schon früh darauf hingewiesen worden, daß mit der scheinbaren Abkehr von biologistischen Kategorien in Wirklichkeit eine Rennaissance des Biologischen eingeleitet wird. Es ist also durchaus vorstellbar - und zum Teil heute auch bereits zu beobachten -, daß die gegenwärtig immer noch vorherrschende Variante eines eher kulturalistischen Rassismus nur eine übergangsformation auf dem Weg zu einer Renaissance eines biologistischen, quasi klassischen Rassismus ist. So wichtig die Diskussion über das verhältnis von "altem" Rassismus und Neorassismus ist, so offensichtlich liegt jedoch auch ihre Beschränktheit zutage. Die Diskussion bewegte und bewegt sich weitgehend auf einer rein empirischen Ebene. Eine begriffliche Bestimmung von Rassismus, die über eine einfache Definition hinausgeht, wurde nicht entwickelt. Was in fast allen Debatten zum Rassismus, zur Ausländerfeindlichkeit oder zur Fremdenangst fehlt, ist der Versuch, die Genese und Existenz von rassistischem bewußtsein aus der Analyse der wert- und warenfürmigen Struktur der bürgerlichen Gesellschaft zu begreifen. Einer der wenigen Versuche, Rassismus und die basale Struktur kapitalistischer Vergesellschaftung zusammenzudenken, soll daher im Folgenden präsentiert werden.>

Rassismus und Wert

Ähnliches wie für den Antisemitismus gilt auch für den Rassismus: Beide Phänomene wurden und werden in der marxistischen Theorietradition meist nur als funktional für den Kapitalismus verstanden. In der Regel erschöpfte sich die erklärung für Antisemitismus und Rassismus in dem Hinweis auf diese Funktionalität. Peter Schmitt-Egner stellte bereits in den siebziger Jahren fest, daß der Zusammenhang von Rassismus und Kapitalismus in der bisherigen Linken nur konstatiert, aber nicht bewiesen wurde. Den Grund dafür sah er in eben jener ausschließlich funktionalen Bestimmung des Rassismus, wodurch dieser nicht mehr als politisch-theoretisches, sondern nur mehr als moralisches Problem behandelt wurde. Er wurde nicht als "gesellschaftlich notwendige bewußtseinsform der warenproduzierenden und austauschenden Gesellschaft begriffen (...), sondern nur als Instrument der Unterdrückung der länder der "Dritten Welt"."(Schmitt-Egner, Peter: Wertgesetz und Rassismus: Zur begrifflichen Genesis kolonialer und faschistischer bewußtseinsformen. in: Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie 8/9. Frankfurt/M. 1976) Schmitt-Egner hingegen will Rassismus als gesellschaftlich notwendigen Schein der bürgerlichen Gesellschaft nachweisen. Dazu setzt er Rassismus in Beziehung zur Existenz des Werts, wie Marx sie im "Kapital" analysiert hat. Wenn der Wert "den abstrakten Grund der bürgerlichen Gesellschaft bildet, so muß dieser auch für den Rassismus als bewußtseinsform gelten." Auf die historische Darstellung der konkreten Bewegung des Begriffs verzichtet Schmitt-Egner explizit und überantwortet sie der Geschichtswissenschaft. Er beharrt aber darauf, daß die "begriffliche Genesis des Rassismus die Voraussetzung seiner historischen Darstellung (ist)."

Grundlage seiner überlegungen ist die Konstatierung der Scheidung der kapitalistischen Gesellschaft in bürgerliche Gesellschaft und Staat, und die ihr entsprechende Trennung des Individuums in Citoyen und Bourgeois. Davon ausgehend zeigt er auf, wie das Wertgesetz sowohl die Menschenrechte als auch deren Negation erzeugt. Das entwickelte Geldsystem ist die Realisierung von Freiheit und Gleichheit in der Abstraktion von ihrem Inhalt. Die formale Gleichheit in der Zirkulation, die das zentrale Element der bürgerlichen Ideologie darstellt, hat die reale Ungleichheit in der Produktion zu ihrer Voraussetzung. Nun stellt sich die Frage, warum die bürgerliche Gesellschaft im Falle des Kolonialismus von ihrer eigenen Ideologie abgeht und den Rassismus als Ideologie der Ungleichheit der Menschen propagiert. Den Hauptgrund für die Möglichkeit der Entstehung des Rassismus als bewußtseinsform im Rahmen des Kolonialismus sieht Schmitt-Egner in der Struktur der kolonialen Wirtschaft in ihrem verhältnis zur Ökonomie der Metropolen. Auf Grund der organischen Zusammensetzung des Kapitals, also des verhältnisses von variablen zu konstantem Kapital, greifen die Europäerinnen und Europäer in den Kolonien bei der Ausbeutung der Arbeitskräfte primär zur Form der Erhöhung des absoluten Mehrwerts, wohingegen in den Metropolen die Erhöhung des relativen Mehrwerts, die Erhöhung der Produktivität, eine weitaus wichtigere Rolle spielt. Diese Extensivierung der Mehrarbeit in den Kolonien, "die ständige Erhöhung der Differenz von bezahlter und unbezahlter Arbeit" führt zur "permanente(n) Senkung der Ware Arbeitskraft unter ihren Wert", was die Degradierung der Kolonisierten zu "Untermenschen" bereits impliziert. Durch den Zwang, unter dem Wert ihrer Arbeitskraft zu arbeiten, sind sie "im wörtlichen Sinne "minderwertig"." für Schmitt-Egner offenbahrt sich damit die "Nahtstelle der Existenzbedingung des Rassismus: wenn (...) der koloniale Arbeiter seine Arbeitskraft an der Oberfläche nicht mehr zu (ihrem) Wert verkaufen kann, so stellt sein Tauschwert kein Äquivalent mehr dar, er kann also auch auf der Zirkulationsebene als ein Gleicher nicht mehr anerkannt werden." Während die "weissen" Arbeitskräfte ihr Mensch-Sein aus dem Verkauf der Arbeitskraft zu ihrem Wert schöpfen, werden die Arbeitskräfte der Kolonien eben in diesem Prozeß von W-G-W, also Ware-Geld-Ware, bei dem W-G gleich G-A, also der Tausch von Geld gegen Arbeitskraft ist, um ihr Mensch-Sein gebracht. Aus der ökonomischen Zwangsläufigkeit, daß der Käufer oder die Käuferin die Arbeitskraft unter ihrem Wert kauft, um selbst gegen die Metropolen konkurrenzfähig zu bleiben, entfällt auch jegliche Möglichkeit einer formalen Gleichheit. Der Rassismus entspringt aus der "Differenz von historisch-moralischer Reproduktion und physischer Reproduktion." Die Wertbestimmung als Mensch wird vollends in Natur aufgelöst. Die Kolonisierten werden auf Tiernaturen reduziert. "Der Kolonisierte erscheint deswegen als "tierisch", weil hier seine gesellschaftliche Bestimmung mit der ersten Naturbestimmung zusammenfällt." Vor diesem Hintergrund erscheint der Kapitalexport als Kultur- und Zivilisationsexport. Bei den zu unterwerfenden Menschen hat die Wertfürmigkeit die menschliche Arbeit selbst noch nicht erfaßt. Dadurch, daß sie keinen Mehrwert produzieren, erscheinen sie als minderwertig oder wertlos. Als Subjekt wird in der wertfetischistischen Sichtweise nur anerkannt, wer als Tauschender auftritt. Bei aller Notwedigkeit einer Ergänzung solcher erklärungsversuche - die Protestbewegung gegen die schwarz-blau-braune Regierung hätte hier eine Grundlage, von der aus eine weitergehende Rassismuskritik aus formuliert werden könnte, die sich nicht auf eine moralisierende, kapitalaffirmative und demokratie-, also staatsapologetische Kritik beschränkt, sondern den Zusammenhang von wertvermittelter Vergesellschaftung und Rassismus in den Blick bekommt..

stephan.grigat (at) reflex.at
Stephan Grigat ist Redakteur der Wiener Zeitschriften "Streifzüge" und
"Context XXI".