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[ 20. Jul 2007 ]

UNICEF und die Verstrickung im Kolonialismus

"Ein Kontinent geht zur Schule" lautet der Slogan einer gemeinsamen Anzeigenserie von Jung von Matt, UNICEF sowie der Hamburger Gesellschaft im Vorfeld des G8-Gipfels. Stereotype Darstellungen und damit verbundene rassistische Vorurteile sollen "zur Lösung der Probleme (...) auf dem afrikanischen Kontinent" beitragen.

 


Den Kreislauf durchbrechen?


Die von der Agentur Jung von Matt/Alster pro bono entwickelte Anzeigenserie zeigt vier deutsche Kinder, die zur Solidarität mit ihren Altersgenossen in Afrika aufrufen. Dies Anzeigen dienten für UNICEF Deutschland dazu, rund um den G8 Gipfel von 6.-8. Juni 2007 in Heiligendamm die Regierung auf die Verwirklichung ihrer Milleniumsziele hinzuweisen: "Im Jahr 2000 haben sich 189 Staats- und Regierungschefs unter dem Dach der Vereinten Nationen auf die so genannten Millenniumsziele verständigt. Völkerrechtlich verbindlich wurden klare Zielvorgaben formuliert. So wurde in diesen Millenniumszielen unter anderem das Recht verbrieft, dass jedem Kind bis zum Jahr 2015 den Besuch einer Grundschule zubilligt. (Millenniumsziel Nr.2) Obgleich von fast allen Experten Bildung als der wesentliche Schlüssel zur Lösung der Probleme etwa auf dem afrikanischen Kontinent gesehen wird, deuten die Zahlen von Weltbank, UNICEF und den Vereinten Nationen daraufhin, dass das Millenniumsziel Nr. 2 ohne weitere energische Anstrengungen nicht zu erreichen sein wird. Bis dato fehlen allein auf dem afrikanischen Kontinent ca. 100.000 Grundschulen, mehr als 60 Millionen Kindern ist somit der Besuch einer Grundschule verwehrt."

So wird die entwürdigende Kampagne von der :: Hamburger Gesellschaft zur Förderung der Demokratie und des Völkerrechts e.V. begründet.

Auf anderer Stelle auf deren Homepage informierrt die NGO die Hintergründe der Kampagne "Schulen für Afrika", die im Dezember 2004 die "am 6. Dezember 2004 in einer Internationalen Pressekonferenz von den Partnern Hamburger Gesellschaft, UNICEF und der Nelson Mandela Stiftung der Öffentlichkeit in Kapstadt vorgestellt" wurden:

"Im südlichen Afrika gehen 45 Millionen Mädchen und Jungen nicht zur Schule. Fast jedes zweite Kind hat keine Chance, lesen, schreiben und rechnen zu lernen. Besonders benachteiligt sind die Kinder aus den ärmsten Familien, Mädchen und AIDS-Waisen. Dabei ist Bildung die einzige Chance, den Kreislauf aus Armut, Unwissenheit und Krankheiten zu durchbrechen."

Interessant ist hier vor allem, dass auf die strukturellen Bedingungen und die anhaltende Ausbeutung vor allem durch die westlichen Staaten mit keinem Wort erwähnt werden. Ein Umstand, der gearde im Zusammenhang mit dem G8-Gipfel aufhorchen lässt, wo es u.a. um die Rahmenbedingung für die Fortsetzung kolonialer Ausbeutung geht. Es fand sogar am 1. Juni 2007 in Berlin ein :: Afrikanischer Tag gegen den G8-Gipfel 2007 in Deutschland statt, wo im Aufruf darauf hingewiesen wurde, dass die Beziehungen zwischen den westlichen Staaten und Afrika seit über 500 Jahren eine "Kontinität an Plünderungen und 'Anschwärzungen' des afrikanischen Kontinents und seiner Bevölkerung durch die WeststaatlerInnen" beruhen.


Die Praxis des "Anschärzens"


Angesichts immer wieder kehrender Kampagnen von NGO's, die offen oder versteckt mit Rassismen (und Sexismen) arbeiten, um an das Mitleidsgefühl potentieller SpenderInnen zu appellieren, ist die Kampagne der UNICEF als Teil dieser "Anschärzungen" des afrikanischen Kontinents zu verstehen. Eine weitere Dimension solcher Kampagnen ist der Appell an das "gute Gewissen" der SpenderInnen. Dieses kann mit ein paar Euro erkauft werden, während die Verstrickung in die rassistischen Strukturen ausblendendet wird.

Doch die Praxis des "Anschärzens" geht viel weiter zurück. In einem :: Beitrag auf Wikipdia ist zu lesen:

Minstrel show, oder auch blackface minstrelsy, ist ein Unterhaltungsspiel bei der Weiße in Form von Stereotypen Schwarze darstellen. Die zentrale Figur war in der Regel ein Clown mit schwarz gefärbtem Gesicht, wollenem Haar und einem Banjo. Die blackface minstrelsy war im Norden der Vereinigten Staaten zwischen 1840 und 1870 vor allem unter Industriearbeitern sehr populär.
Minstrel shows zeigten in idealisierter Form den Weißen, die oft keine Schwarzen aus ihrem Alltag kannten, zahlreiche Stereotypen von Schwarzen. Sie werden als ständig fröhliche, singende und naive Sklaven dargestellt, die ihre Besitzer(Innen) trotz harter Arbeit lieben. (...) Im blackface minstrelsy spielten psychologisch gesehen die weißen Arbeiter(Innen) ihr verlorengegangenes ungezügeltes Selbst. So konnten sie "ihr natürliches Selbst zur Schau stellen und zugleich zurückweisen" (Roediger). (...) Durch die Abgrenzung gegenüber den Schwarzen im blackface minstrelsy wurde somit Weißsein konstruiert."



Reparation statt "Entwicklungshilfe"


Im Aufruf zum Afrikanischen Tag gegen den G8-Gipfel (:: hier als pdf) wird auf das Bild Afrikas im Westen hingewiesen:

"In der ersten Welt wird Afrika trotz aller natürlichen Ressourcen als der ärmste, kränkste und unterentwickeltste Kontinent der Welt porträtiert, welcher endlos (Entwicklungs)Hilfe aus Europa und Amerika benötigt. In der zweiten Welt sind Amerika und Europa die RetterInnen Afrikas; sie lösen dessen Konflikte, leihen dem Kontinent Gelt, verteilen ihre 'Zivilisation' und entscheiden, wie Wirtschaft und Politik zu funktionieren haben. (...) Die ausbeuterisschen, patriarchalen und rassistischen Strategien derr westlichen Welt haben seit langem dazu beigetragen, die Zahl der AfrikanerInnen, die auf der Suche nach Schutz nach Europa kommen, ansteigen zu lassen. Einen Schutz, den sie aber in den westlichen Ländern nicht bekommen können. Im Gegenteil, arikanische Menschen wird mit Rassismus und Anfeindung begegnett, sie werden als zweitklassige BürgerInnen betrachtet. Sie werden ermordet, verbrannt und brutal von der westlichen Politik, Polizei und Zivilgesellschaft behandelt."

Wie ungleich das Verhältnis zwischen EuropäerInnen und AfrikanerInnen ist, zeigt u.a. die Abschottungspolitik durch die EU, die mittlerweile bereits innerhalb Afrikas greift. So werden Menschen in mit EU-Geldern finanzierten Lagern in Nordafrika festgehalten, um sie davon abzuhalten, nach Europa zu kommen. "Im Gegensatz zu den AfrikanerInnen können EuropäerInnen jederzeit nach Afrika kommen oder aus Afrika ausreisen, wie sie wollen." und sie können dort jederzeit ihre "Entwicklungshilfeprojekte" starten und mit ihrem "humanen Handeln" zur Aufrechterhaltung der Ausbeutung beitragen.

Die InitiatorInnen des Afrikanischen Tages gegen den G8 verlangen von EuropäerInnen und AmerikanerInnen, sich zu ihren "Verbrechen gegen Afrika und dessen Bevölkerung zu bekennen" und "Reparationszahlungen leisten". Weiters wird ein "Schluss mit dem Aufbürden westlicher Ideen auf Arika" gefordert und ein Ende der rassistischen Abschottungspolitik, sowie ein Ende der Kriege in Afrika, an denen viele europäische Firmen in ausbeuterischer Weise beteiligt sind, um Zugriff auf Rohstoffe wie Gold, Diamanten, Öl, Kaffee und Coltan aufrechtzuerhalten oder zu erlangen.

Wir rufen Europa auf, Afrika zu ermöglichen, seine eigene Entwicklung im Verhältnis zu seiner Politik, Wirtschaft, Kultur und Bevölkerung zu formen. Afrika braucht wirkliche Unabhängigkeit, um seine PartnerInnen zu wählen und nicht PartnerInnen von Europa gewählt zu bekommen.


Die Raktion von UNICEF & Co


Anstatt sich mit der :: Kritik auseinanderzusetzen und diese ernst zu nehmen, tendieren die Verantwortlichen der herabwürdigenden Anzeigenserie in Form einer Rechtfertigung: Zwar nahm UNICEF Deutschland nach Protesten vom braunen mob den ursprünglichen Link der Kampagne von ihrer Homepage (diese ist zur Dokumentation auf :: derbraunemob.de zu finden). Aus einem Antwortschreiben geht jedoch klar hervor, dass keine Einsicht dahingehend besteht, weshalb diese Anzeigen entwürdigend sind. Ganz im Gegenteil wird erwartungsgemäß betont, wieviel Gutes bisher erreicht wurde, und vor allem dass die Kampagne bisher angeblich nicht im mindesten als beleidigend empfunden wurde.

Deshalb ruft der braune mob zur "Auslandshilfe für UNICEF Deutschland und die Werbeagentur Jung Von Matt" auf.

Mehr zu dieser Kampange auf :: no-racism.net und :: derbraunemob.de